06.08.2015

Bänderrisse und Blitzableiter

Eine gute Freundin von mir schaut sich sehr gerne Fußballspiele an. Nicht unbedingt, weil sie ein großer Fan dieser Sportart ist oder überhaupt die Regeln zu 100 Prozent versteht (aber wer tut das schon?), sondern eher, weil ihr die Stimmung bei den Zuschauern so gut gefällt. Da wird kollektiv gejubelt, gezittert und sich im Zweifel tröstend auf die Schultern geklopft. Spieler wie Fans sitzen gemeinsam in einer emotionalen Achterbahn und teilen Freud wie Leid. Am liebsten natürlich ersteres.
Man könnte also davon ausgehen, das bei besagter Freundin - nennen wir sie Lotte - ein gewisses Maß an Empathie vorhanden ist. Schließlich geht es ihr nicht darum, sich eine herausragende sportliche Leistung anzusehen, sondern um den emotionalen Output, der währenddessen herumkommt. Dennoch gibt es eine Sache, die sie absolut nicht versteht und bei aller Liebe zum Leid-Teilen augenscheinlich auch nicht verstehen will: wenn ein (oder auch mehrere) Spieler am Ende eines schlechten Spiels weinend auf dem Feld sitzt beziehungsweise sitzen. Das passiert nun nicht allzu selten und jedes Mal höre ich mir dann Schwadronierereien darüber an, wie sich erwachsene Männer (seit neustem wird sogar gedendert: auch erwachsene FußballerINNEN dürfen demnach nicht weinend auf dem Spielfeld sitzen) wie trotzige Kleinkinder benehmen können, dass sie schließlich dennoch ihre Milliönchen aufs Konto bekommen, sich beim nächsten Mal einfach noch mehr Mühe geben sollen, anstatt zu heulen lieber eine Fehleranalyse durchführen müssen und überhaupt ist doch alles nur ein Spiel. 

Auch, wenn ich ihr im letzten Punkt zustimmen kann, ist es mir völlig schleierhaft, wie sie so schnell ihre ganze Emotionalität, die keine fünf Minuten vorher noch extatisch und leidenschaftlich nach einem Tor gebrüllt hat, auf einen Nullpunkt des Feingefühls und Anteilnahme sinken kann. Und weil ich gerade selbst in einer sportbedingten emotionalen Krise stecke, einmal für alle (außer für Lotte, die von diesem Blog nichts weiß und hoffentlich auch nie davon erfährt): wenn man monatelange harte Arbeit in etwas steckt und man auf den letzten Metern vorm Ziel an irgendetwas unglaublich unnötigem (wie einem Gegenspieler, einem Bänderriss oder einem Torpfosten) scheitert, ist man frustriert. Und diese Wut und Enttäuschung können manchmal einfach nicht durch ein Schulterzucken und eine nüchterne Situationsanalyse ausgedrückt werden. Schon gar nicht, wenn um einen herum alles so stark emotional aufgeladen ist. Manchmal muss man dann mit Steinen um sich werfen und schluchzend ins Gras sinken, um sich eine Zeit lang intensiv mit der Ungerechtigkeit der Welt auseinanderzusetzen, die man in genau diesem Moment für sich ganz alleine gepachtet hat. Hängt man viel Herz rein, kommt nunmal auch viel Herz wieder raus - riesige Freude, wenn das Ziel erreicht wurde, aber genauso große Krise, wenn es eben nicht klappt.

Und dann sitzt man halt vielleicht auch bei seinem Arzt und kann einen hysterischen Anfall nicht unterdrücken, weil man wegen einem verdammten Drecks-Kapselriss plus Bänderanriss 6 Wochen Sportverbot erteilt bekommt, deshalb seine blöde Gürtelprüfung, die nebenbei erwähnt schon seit einem halben Jahr immer wieder verschoben werden muss, nicht ablegen kann und es darum nicht wirklich als tröstlich empfindet, dass die Bänder nur angerissen und nicht völlig durch sind. Das hilft halt einfach auch nicht weiter. Denn das hier ist nicht nur ein Spiel, es ist knallharter Ernst. Und der macht nur Spaß, wenns nach vorne geht. Und nicht mit nem Klumpfuß zum nächsten Arzttermin. Oder nach einem gescheiterten Match zurück nach Hause.

Darum, liebe Lotte, die du das hier nie lesen wirst, aber ich sags dir dennoch, einfach damit es mir selbst besser geht: lass die Jungs weinen. Wenn du unbedingt dein partriarchalisches Weltbild proklamieren möchtest, reg dich über die Fans auf. Das ist schon unfair genug, aber deren angestaute Tränenflut, die sich nach einer Niederlage ergießt, ist wenigstens nur oberflächliches Rumgeheule. Haben die sich vielleicht die Füße zerschunden, Schmerzen ertragen und einen furchtbaren Ernährungsplan eingehalten in der letzten Zeit? Nein. Also sind das die frustrierten Kinder und nicht die Sportler, die ihre Wut über verpatzte Gelegenheiten kanalisieren und ableiten müssen, um danach wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Beziehungsweise um beim Arzt komplett überzureagieren, deshalb ein Taschentuch und ein Glas Wasser bekommen, und jetzt eine Merci-Packung kaufen gehen und beim nächsten Termin nicht nur Schokolade, sondern eventuell auch wieder ein Lächeln verteilen können.

Kommentare:

  1. Ich finds immer sehr rührig, wenn Fussballer am Ende weinen, weil sie es nicht geschafft haben. Also, zumindest bei manchen Spielern. Wenn ich sie nicht leiden kann und absolut für die andere Mannschaft war, dann fliegt meine Empathie für die dasitzenden heulenden Fussballer auch recht schnell davon. So nach dem Motto "Selber schuld, hättest du dich halt mehr angestrengt". Ich bin da etwas ... naja, kategorisch :o
    Gute Besserung jedenfalls!

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    1. Wenn die andere Mannschaft verliert, hat deine ja auch gewonnen - dann bist du ja auf der Sonnenseite des Spiels und darfst dich freuen :D
      Danke :)

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  2. (Nur ums anzumerken: du schreibst einfach toll)

    Ohhh, hört sich richtig doof an, was dir passiert ist! Ich weiß noch, als ich beim Volleyball auf Turnieren gespielt hab, da sind wir oft weit gekommen und kurz vor dem 1. oder 2. Platz gescheitert und dann haben wir - trotz aller Stärke - rumgejammert und geheult mit unserer Trainerin, bis wir uns wieder aufgerafft haben. Sport ist wirklich etwas, worin man viel investiert, egal was man genau macht.
    Ich frage mich, ob Lotte überhaupt selbst etwas spielt oder macht? Denn wenn nicht, dann soll sie mal nicht so rumzetern und erst verstehen lernen, was kurz vorm Ziel zu scheitern echt bedeutet.
    Wirst du ihr das auch mal ehrlich sagen? So wie du das hier geschrieben hast? (Naja, vielleicht besser nicht, ist ja auch etwas hart ^.^) Aber ich finds toll, dass du die Möglichkeit nutzt, mal die Luft rauszulassen, ohne jemanden zu schaden!

    Halte durch und gib nicht auf, bei dem was du versuchst! Selbst wenn du wohl erstmal verhindert bist, das hat sich bestimmt in einiger Zeit (oder?)
    ♥ Ley

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    1. Danke schön! ♥
      Eeeeben! Ich glaub auch, wenn man sich nicht so reinhängt, dass in einem solchen Fall nicht auch Tränen fließen, kann man nie wirklich was erreichen. Bzw fühlen sich dann auch die Erfolge nicht so stark an.

      Lotte ist völlig hobbylos in der Richtung :D Sie kennt aber meine Meinung dazu, nur in abgemilderter Form. Ich will sie ja auch nicht runtermachen - sie sieht das halt einfach nicht so und das ist ja okay. Also, abgesehen davon, dass sie keine Ahnung hat, wovon sie redet xD Aber ja, ein bisschen Dampf ablassen, ohne jemanden direkt anzugreifen und möglicherweise zu verletzen ist immer gut. Es hat mich auch mehr mein Fuß aufgeregt als Lottes Einstellung. Aber an irgendwas muss man das ja auslassen^^

      Angeblich verheilen Sachen an den Bändern unkompliziert, wenn man brav schont. Dauert nur ziemlich lange. Aber das ist halt jetzt so. Danke für die Motivation! ♥ :)

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    2. Naja, dann wollen wir hoffen, dass Lotte irgendwann auch lernt, sich zurückzuhalten ;) Kann verstehen, dass die Sache mit dem Fuß dich voll frustriert, hört sich ziemlich beschissen an.
      Okay, dann wünsch ich dir ganz viel Durchhaltevermögen beim Schonen! Das ist bestimmt nicht leicht für dich, aber das schaffst du ganz sicher =)

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