03.08.2015

# Rezensionen

[Rezi] Jane Austen - Mansfield Park

Erscheinungsjahr: 2012 (Erstausgabe: 1814)
Originaltitel: Mansfield Park
Genre: Roman
Seitenzahl: 551


Teaser:
Wenn ich in einer solchen Nacht hinausschaue, habe ich das Gefühl, es könne weder Bosheit noch Sorge in der Welt geben; und gewiß gäbe es weniger von beidem, wenn die Erhabenheit der Natur mehr beachtet würde und sich die Menschen mehr in ihrem Inneren rühren lassen würden, wenn sie eine solche Szene betrachten.



Handlung
Als Tochter einer ziemlich mittellosen, aber kinderreichen Familie, hat Fanny Price das außerordentliche Glück, von der Familie ihrer Tante, die durch eine wesentlich vorteilhaftere Heirat eine sehr gute finanzielle und gesellschaftliche Lage erlangt hat, aufgenommen zu werden. Mit 10 Jahren wird sie daher von Sir Thomas Bertram und seiner Frau Lady Bertram zu ihrem Anwesen nach Mansfield Park geholt, um dort eine ähnliche Bildung und Erziehung wie deren eigene 4 Kinder zu erhalten. Natürlich ist ihre Stellung im Haus - auch auf das Bemühen von Mrs. Norris, Lady Bertrams zweiter Schwester, hin - nicht mit der der eigenen Töchter Maria und Julia gleichgestellt. Fanny steht immer deutlich unter den übrigen Familienmitgliedern und empfindet diesen Platz auch als völlig angemessen. Selten wird ihr eine besondere Beachtung, ja überhaupt eine Aufmerksamkeit zuteil, die über das nötige Maß hinausgehen. Fanny ist die Gesellschafterin ihrer einen, und das Mädchen für alles ihrer anderen Tante. Ihre beiden Cousinen und auch der älteste Sohn des Hauses kümmern sich nicht weiter um sie. Lediglich Edmund, der Zweitgeborene, sorgt sich um ihr Wohlbefinden, sodass sie zu einem hübschen, sehr bescheidenen und extrem schüchternen jungen Mädchen heranwächst. 
Im Gegensatz zu ihren beiden Cousinen, die sich gerne in vielversprechende Flirts stürzen und nach Ehekandidaten mit einem angemessenen Einkommen Ausschau halten, ist Fanny völlig zufrieden damit, den Familienmitgliedern nützlich zu sein. Sie betrachtet die Entwicklungen ihrer Cousinen mit Besorgnis; vor allem Maria, die eigentlich verlobt ist, und sich dennoch von dem charmanten Henry Crawford umwerben lässt, bereitet Fanny Kummer. Fest an ihre moralischen Prinzipien glaubend, hofft sie dennoch darauf, dass am Ende alles gut werden wird und jedem das Schicksal beschieden ist, das er verdient.

Meine Meinung
Eine fast schon krankhaft zurückhaltende Hauptfigur, arrogante und/oder ignorante Familienmitglieder, ein wunderschönes Setting voller einnehmender Beschreibungen der Natur und die üblich verspielte Schreibweise Jane Austens lassen mich nach Beenden der Lektüre mit ambivalenten Gefühlen zurück.

Ambivalent deshalb, weil die ersten beiden Punkte, die sich auf die Figuren beziehen, absolut negativ ausfallen, während der letzte Teil meiner Beschreibung die Waage wieder zur positiven Seite hin ausschlagen lässt. Daher pendelt sich meine Beurteilung des Buches wohl irgendwo in der Mitte ein. Allerdings muss ich ausdrücklich sagen, dass mir dieses Buch von allen Jane-Austen-Romanen bisher am wenigsten (was nicht heißen soll, wenig) gefallen hat. 
Das liegt wie erwähnt vor allem an der Hauptfigur Fanny, die mir die ersten beiden Drittel des Romans so dermaßen auf den Keks gegangen ist, dass ich teilweise fast schon wütend geworden bin. Den Mund einfach nicht aufzubekommen ist so die Eigenschaft, die mich sowohl im echten Leben als auch in Büchern richtig auf die Palme bringen kann, weil dadurch selten etwas gewonnen wird, aber immer alles um so viel komplizierter ist. Und in diesem Fall hatte ich fast die gesamte Zeit lang das Gefühl, Fanny besitzt weder eine eigene Meinung, einen autarken Charakter noch irgendetwas positives, das zu ihrer Verteidigung aufgeführt werden kann. Gut, sie wurde ständig von ihrer einen Tante runtergeputzt und von der anderen durch ihre träge, egozentrische Art klein gehalten, aber der Zuspruch ihres Cousins könnte doch ein wenig mehr für ihr Ego getan haben. Schließlich war sie schon 10 Jahre alt, als sie nach Mansfield Park gekommen ist und damit kein völlig unbeschriebener Charakter. 
Diese ungnädige Beurteilung kann ich allerdings mit dem Ende relativieren, bei dem Fanny doch tatsächlich Rückgrat beweist und sogar Widersprüche einlegt. Gegen Sir Bertram! Und sogar gegen Edmund! Wundervoll war das, einfach wundervoll. 

Die meisten übrigen Figuren kommen bei meiner Einschätzung ähnlich weg wie Fanny, nur dass bei ihnen eine völlig gegensätzliche Konzeption vorliegt. Fanny versucht so sehr, es jedem Recht zu machen und niemanden irgendwie zu verletzten, zu benachteiligen oder undankbar zu erscheinen, während fast alle anderen ausgearbeiteten Figuren ausschließlich ihr persönliches Wohl im Auge haben. Ihr Cousinen beispielsweise haben die besten Marnieren und geben Artigkeiten wider, wie es von ihnen erwartet wird; aber eben auch nur, weil es von ihnen erwartet wird, und nicht, weil es wirklich von Herzen kommt. Lady Bertram und Mrs. Norris sind auf ihre Weisen völlig blind gegenüber den Bedürfnissen der Menschen um sie herum - außer ein paar ausgewählter Lieblinge. Lediglich erstere ist manchmal in ihrem Tunnelblick so verwirrt, dass sie einige humoröse Glanzpunkte liefert.

Von den Figuren abgesehen, fand ich die Positionen der Frauen und das Konzept der Ehe allgemein sehr interessant verhandelt, führt man sich die Zeit vor Augen, in der dieser Roman erschienen ist. Eine Heirat, die rein auf gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Vorteil aufgebaut ist und ohne Liebe der beiden Partner geschlossen wird, ist eindeutig im Text nicht befürwortet, auch wenn die konventionelle Notwendigkeit nicht bestritten wird. Der Idealfall allerdings ist eine akzeptable Partie aus Liebe einer rein gewinnenden Partie ohne Liebe vorzuziehen. Dies erfordert eine moralische Integrität, die wohl nicht nur bei den Figuren im Roman, sondern auch in der außerliterarischen Wirklichkeit nur selten anzutreffen war.
Die kleinen Seitenblicke auf die Gedanken der Aufklärung, die zu dieser Zeit zweifellos schon bekannt waren, fand ich auch ganz wundervoll. Zum Beispiel, dass eine Erziehung, die rein auf Bildung basiert, absolut nichts bringt, wenn der Charakter und die inneren Einstellungen nicht ebenso gebildet werden.

Absolut bezaubernd finde ich immer Austens Landschaftsbeschreibungen, die mich nach der Lektüre auch wieder eine Zeit lang mit viel offeneren Augen durch die Welt spazieren lassen. Es liegt so eine besondere Bewunderung darin, wie ich sie sonst selten lese. Ist natürlich auch nicht mehr so en vougue, sich Bäume anzusehen.
Jedenfalls gibt es abschließend 3 gute Wölkchen von mir. Ich glaube, ich muss halbe Wölkchen einführen, denn die Tendenz liegt eigentlich bei 4 Wölkchen. Aber ich kann es gerade nicht über mich bringen, die 3er-Grenze so richtig zu überschreiten. Aber lesenswert ist das Buch auf jeden Fall - und für Austen-Fans ja sowieso ein Muss!

Kommentare:

  1. Ich hab als allererstes auf deine Bewertung geguckt, denn wenn dir dieses Buch gefallen hätte, hätte ich meinen Glauben an die Menschheit verloren :D.
    Okay, ganz so schlimm ist es nicht, aber mir geht es wie dir: "Mansfield Park" ist das Buch, das ich von Jane Austens Romanen am wenigsten mag.
    Und zwar aus demselben Grund wie du: Die Figuren fand ich leider furchtbar.
    Genau das war auch meine Meinung von von Fanny. Es hat mich tierisch aufgeregt, was sie alles mit sich hat machen lassen und dass sie irgendwie nie eine eigene Meinung hatte, geschweige denn diese kundgetan hat. Daran, dass sie sich noch ändert, erinnere ich mich gar nicht mehr - vermutlich, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon furchtbar frustriert von diesem Buch war, durch das ich mich regelrecht durchquälen musste.

    Auch die anderen Figuren haben mich alle echt aufgeregt -.-. Das einzig lustige an diesem Buch ist, dass J. K. Rowling offenbar Mr. Filchs Katze nach der Mrs. Norris aus diesem Buch benannt hat :D.

    Ich fand den Blick auf die Ehe auch recht interessant, vor allem die Erwähnung von Marias Affäre, was ja damals sicherlich skandalös war und möglichst verschwiegen wurde, wenn es vorkam. Aber alles, was Maria geschieht, geschieht ihr ja auch recht :D.

    "nicht mehr so en vougue, sich Bäume anzusehen." xD, Das stimmt wohl. Ich mag ja eher immer Jane Austens gnadenlosen auktorialen Erzähler (?), der selbst vernichtende und blse Kommentare über die Figuren abgibt :D. Und so subtile Gemeinheiten; wenn Leute in Gesprächen oberflächlich gesehen höflich sind, sich in Wahrheit aber nur auf höfliche Weise fertigmachen :D.

    Ich könnte auch nicht ohne halbe Sterne klarkommen ^^. Aber "Mansfield Park" hat es bei mir eh nur aud 2 geschafft, soweit ich mich erinnere. Ich fand es leider echt furchtbar :(.
    Aber gut zu wissen, dass wir uns in vielen Punkten einig sind ^^.

    LG :),
    Charlie

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    1. Bisher war es auch für mich das schwächste Buch von Jane Austen - was ich auch von anderen immer wieder höre. Aber du hast dich dann doch noch eine ganze Ecke mehr damit gequält als ich :D
      Ich spoilere jetzt einfach mal (und wen jemand trotz der Vorwarnung aus Versehen gespoilert wird, ist es nicht meine Schuld xD): sie weigert sich ja standhaft, Crawford zu heiraten, obwohl jeder sagt, dass es eine vorteilhafte Partie sein und blabla. Aber sie mag ihn halt nicht. Und das war so eine 180° Wende in ihrer Persönlichkeit, dass es doch noch zu einer soliden Wertung bei mir geführt hat.
      Aber ja, mir fällt kaum ein Buch ein, bei dem mich jeder einzelne Charakter so sehr genervt hat.

      Und das mit Mrs. Norris habe ich mich auch gefragt beim Lesen! Da hätte ich mal gerne ein Statment von Frau Rowling. Aber so von den Analgen her würde es durchaus passen xD

      Liebe Grüße :)

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