26.08.2015

# Rezensionen

[Rezi] Luca Di Fulvio - Das Kind, das nachts die Sonne fand

Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Il bambino che trovò il sole di notte
Genre: Historischer Roman
Seitenzahl: 829


Teaser:
Leute wie du glauben, dass das Herz das Leben und die Seele bestimmt. Doch jeder Fleischer könnte dir erklären, dass das Herz nur ein Organ wie all die anderen ist, das man auf eine Waage legen kann. Niemand hingegen kann ein Lachen aufwiegen. Lachen Macht dich leicht und verleiht dir Flügel.



Handlung
Das priveligierte Leben des kleinen Marcus II. von Saxia endet mit einem entsetzlichen Paukenschlag. In dem einen Moment spielt der 9-jährige Junge und Erbe eines ertragsreichen Fürstentums in den Alpen mit seiner Kinderfrau Verstecken und im nächsten Moment muss er mitansehen, wie alle Burgbewohner inklusive seiner Eltern und seiner kleinen Schwester bei einem grausamen Massaker ums Leben gebracht werden. Er selbst wird nur durch einen glücklichen Zufall und das Wohlwollen Eloisas - der Tochter der Hebamme - gerettet. Diese schleppt ihn zu ihrer Mutter, die ihn zunächst versteckt und ihm dann eine neue Identität gibt. Von nun an gilt Marcus der II. offiziell als tot und Mikael muss sich als neuer Dorfbewohner und Leibeigener des neuen grausamen Herrschers sein Leben hart erkämpfen. Für den kleinen Fürstensohn, der in seinem Leben noch nie gearbeitet hat und dem automatisch jeder mit Respekt begegnet ist, beginnt nun eine Zeit, in der er zu sich selbst finden und erkennen muss, wer er ist. Denn nur so hat er überhaupt eine Chance, den Schwur, seine Familie zu rächen und den dafür verantwortlichen Menschen zu töten, in die Tat umsetzen.

Meine Meinung
Da steckte man eben noch in einer ausgewachsenen Leseflaute und schon wurde der Wunsch, endlich mal wieder ein richtig fesselndes Buch in den Händen zu halten, erhört.

Di Fulvio versetzt den Leser ins eher späte Mittelalter und schildert die Lebensumstände der Leibeigenen, die von der Willkür ihrer Herrscher abhängig waren. Mitten darin ist Mikael, der aus seinem warmen Bett in der geschützten Burg hin zu einem bitterkalten Strohlager katapultiert wurde und nun zitternd und mit Frostbeulen versehen das Trauma aufarbeiten muss, das das Massaker an seiner Familie in ihm hinterlassen hat und sich dabei noch glücklich schätzen darf, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein. Der Leser erlebt die Entwicklung des verschlossenen, extrem eingeschüchterten und sich dumm, nutz- und wertlos fühlenden kleinen Jungen hin zu einem starken Mann, der in der Nacht die Sonne sucht. Allein diese wunderschöne Metapher hatte mich ja schon für den Roman eingenommen, aber die wundervoll ausgearbeiteten Figuren, die selten einbrechende Spannungskurve und der allgemeine schöne Schreibstil haben ihr übriges dazu beigetragen, dass ich das Buch in den letzten Tagen kaum aus den Händen legen konnte.

Mikael, dessen Schicksal einem das Herz zerreißen könnte, durchlebt eine grandiose Entwicklung. Allerdings tut er das nicht von heute auf morgen - der kleine Junge hat einen sehr langen, sehr schweren Weg vor sich, voller Demütigungen, lehrreichen Niederlagen und einigen Narben, die von diesen zurückbleiben. Er muss nicht nur lernen, harte körperliche Arbeit zu leisten, sondern auch an den seelischen Kämpfen, die er führt, nicht zu zerbrechen. Unterstützt wird er dabei von Eloisa und ihrer Mutter. Beides ebenfalls vielschichtige Figuren, die lieber etwas zu ruppig reagieren, als ihre wahren Gefühle zu offen zur Schau zu stellen.

Bei historischen Romanen gibt es für mich immer zwei Punkte, die ich sehr kritisch betrachte und die für mich den Unterschied zwischen einem gelungenen Werk und einem Blabal-Geschreibsel machen. Zum Einen handelt es sich dabei um eine schwarz/weiß-Darstellung der Figuren. Sehr oft geht die Komplexität der Handlung zu Lasten der Vielschichtigkeit der Figuren, die entweder gut oder böse sind. Auch in diesem Roman stehen fast alle Figuren entweder auf der einen oder auf der anderen Seite. Der Leser bekommt feste Wertmaßstäbe aufdiktiert, denen er folgt und nach denen er die Charaktere einordnen kann. Glücklicherweise gibt es aber auch die eine oder andere ambivalente Figur, sodass dieser Krititkpunkt nicht allzuschwer auf dem Gesamturteil lastet.
Der zweite Punkt, der mir wichtig ist, sind die historischen Tatsachen. Da ich keine Historikerin bin und deshalb kein Experte auf diesem Gebiet, bin ich in diesem Punkt nicht ganz so streng und lasse auch die eine oder andere dichterische Freiheit durchgehen. Mir ist vor allem wichtig, dass nicht mit modernen Maßstäben gemessen wird, sondern wirklich eine relativ glaubwürdige historische Moral in der Geschichte entwickelt wird. Jetzt geht es hier natürlich um die Leibeigenschaft und um die Umbruchssituation, die im auslaufenden Mittelalter die Feudalherrschaft abgelöst hat. Dass sich da auch moderne Gedanken einschleichen, ist also vorprogrammiert. Aber es bleibt für meinen Geschmack genügend Raum dafür da, die mittelalterlichen Richtlinen - die sich immer streng nach einer Obrigkeit richteten, sei es nun Gott beziehungsweise dem Papst oder dem König - herauszulesen und nachzuvollziehen.

Formal positiv aufgefallen ist mir, dass die Kapitel nicht unglaublich lang sind, sodass man auch zwischendurch schnell noch zwei davon lesen kann, ohne gleich eine Stunde beschäftigt zu sein. Der Schreibstil ist, wie schon erwähnt, sehr schön zu lesen und zur Story passend. Also nicht gewollt schwurbelig-mittelalterlich, aber durchaus zum Thema passend. Einige Szenen sind dehr gewalttätig; darauf sollten zarter besaitete Leser vorbereitet sein. Aber auch das ist man von historischen Romanen ja gewöhnt. 
Am Ende ging mir tatsächlich alles ein wenig zu glatt auf, sodass es ein wenig konstruiert wirkte. Aber das verziehe ich dem Buch und vergebe trotz der (sehr kleinen) Kritikpunkte 5 Wölkchen und eine Leseempfehlung!

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