18.09.2015

[Rezi] Cassandra Clare - Clockwork Angel. Chroniken der Schattenjäger, Teil I

Erscheinungsjahr: 2011
Originaltitel: The Infernal Devices. Book One. Clockwork Angel
Genre: (Jugend-)Fantasy
Reihe: Die Chroniken der Schattenjäger, Teil I
Seitenzahl: 569

Teaser:
Tessa wusste, dass Charlotte ihr nichts Böses wollte, aber dennoch weckte ihre Bitte Erinnerungen an andere Stimmen - Stimmen, die sie drängten, sie solle versuchen, tief in sich zu gehen, die Kraft aus sich herauszuholen. Stimmen, die bei der geringsten Provokation hart und unerbittlich werden konnten.


Handlung
Im Jahr 1878 macht sich die sechzehnjährige Tessa ganz alleine auf den Weg von New York nach London. Als Waise waren sie und ihr Bruder Nate von der Schwester ihrer Mutter Harriet großgezogen worden. Nate hat sich mittlweile einen relativ gut bezahlten Arbeitsplatz in London besorgt und so holt er seine kleine Schwester, die nach dem Tod ohne Tante völlig mittel- und familienlos ist, zu sich. Doch als Tessa nach der langen Seereise schließlich in England ankommt, wird sie nicht wie erwartet von ihrem Bruder in Empfang genommen, sondern von zwei merkwürdigen alten Damen einkassiert, die sie angeblich zu Nate bringen wollen. Tessa folgt ihnen mehr oder weniger gezwungen und findet sich schließlich als Gefangene in einem riesigen, dunklen Haus wieder, wo sie von den beiden Damen - den dunklen Schwestern - darin unterrichtet wird, ihre magischen Fähigkeiten anzuwenden. Tessa, die nicht einmal wusste, dass sie solche Fähigkeiten besitzt, tut, was von ihr verlangt wird, weil sie um das Leben ihres Bruders fürchtet, den sie in der Gewalt der Schwestern glaubt.

Ohnmächtig und verzweifelt wie sie ist, kann Tessa nichts tun, um aus dieser Situation zu entkommen. Doch zum Glück tauchen die Schattenjäger auf - sozusagen die Polizei der Schattenweltler - und retten Tessa aus ihrer Gefangenschaft. Sie bringen sie in ihr Institut, wo sie mehr über diese ihr bis dahin völlig unbekannte Welt aus Dämonen, Hexen, Vampiren und nicht zuletzt den Nephilim, die Tessa gerettet haben, erfährt. Zu welcher Gruppe sie sich selbst zählt, ist neben der Frage, wo ihr Bruder ist, nur eines der vielen Probleme, mit denen sich Tessa nun konfrontiert sieht.

Meine Meinung
Ab und an überkommt es mich und ich brauche dringend ein Jugendbuch. Obwohl ich weiß, dass es diese nur selten schaffen, mich ganz zu überzeugen. Aber die letzten Male hatte ich Glück und hatte gehofft, das wäre auch hier wieder der Fall. Nun ja. War es nicht. Aber als Fehlgriff kann ich das Buch trotzdem nicht beschreiben, weil es mich die meiste Zeit über dennoch gut unterhalten hat.

Beginnen wir mal mit dem äußerst optimalen Setting. Ich liebe London und ich lese unheimlich gerne Geschichten, die im 19. Jahrhundert spielen. Und weil sowohl die Stadt als auch die Zeit irgendwie einen romantisch verklärten Touch haben, passen überirdische Wesen meiner Meinung nach wunderbar da rein.
Allerdings ist vor allem die Handlungszeit dennoch mein größter Kritikpunkt an der ganzen Geschichte, denn sie macht alles so furchtbar unglaubwürdig. Die gesamte Handlung und der Großteil des Sprachstils - sehen wir mal von den Dialogen, auf die ich aber gleich auch noch zu sprechen kommen werde, ab - sind absolut an der Gegenwart ausgerichtet. Niemand im 19. Jahrhundert hätte sich jemals so verhalten, wie die Figuren das tun. Und selbst, wenn wir die übersinnlichen Wesen mal von diesen gesellschaftlichen Konventionen ausklammern: spätestens Tessa, die 16 Jahre lang als Mensch in dieser Zeit gelebt hat, ist komplett unauthentisch und erinnert mehr an ein nerdiges Highschoolmädchen des 21. Jahrhunderts als an ein aus armen Verhältnissen stammendes Mädchen des 19. Jahrhunderts.

Es ist, als wäre das historische Setting alleine zu dem Zweck gewählt, um das patriacharlische Weltbild, das im Buch herrscht und vor allem von Tessa forciert wird, zu rechtfertigen und ohne weitere Erklärung gelten zu machen. Wir haben die strahlenden Ritter, die holde Maid und die zu bekämpfende Verschwörung. 
Dabei ist allein die Tatsache, dass Tessa überhaupt lesen konnte, geschweige denn so viele Bücher tatsächlich gelesen hat, in dieser Zeit so unglaubwürdig wie es nur sein kann, denn vor allem in armen Haushalten waren Bücher damals im Grunde nicht existent, denn sie waren teuer und hatten keinen praktischen Nutzen. Ja gut, wir reden hier von einem Fantasy-Roman. Aber wenn schon realhistorische Umstände verarbeitet werden, dann doch bitte konsequent. Und wahrscheinlich würde ich mich auch nicht so darüber aufregen, wenn im Nachwort nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass Tessa die Gedichte durchaus hätte kennen können, weil sie auch aus dem 19. Jahrhundert stammten. Nein, hätte sie nicht. Und Tessa als Leseratte zu konzipieren, ist eine ganz billige Masche, sie als Identifikationsfigur aufzubauen.

Und jetzt, wo ich ein bisschen Dampf abgelassen habe, kommen wir doch zu den positiven Aspekten. Erstmal schön finde ich, dass jedes Kapitel mit einer Art Motto beginnt, das ein Zitat aus einem Gedicht aus der Zeit ist (die Tessa wie gesagt angeblich würde kennen können). Dieser Anfang trägt viel zur mythischen Stimmung der Geschichte bei und hat mir sehr gut gefallen. Generell finde ich trotz meiner Kritik die Verweise auf Literatur von den Brontë-Schwestern oder Dickens beispielsweise sehr schön. Wenn halt auch unpassend. Außer natürlich, wenn Will sie gelesen hat. Will ist ein Nephilim und kein armes Mädchen, der darf gelesen haben. Die weitere Handlung betreffend, führt ein ganz klarer Spannungsbogen vom Anfang zum Ende, der sich in einem großen Finale nochmal so richtig schön aufbäumt. Es war zwar die ganze Zeit klar, in welche Richtung sich der Plot-Twist entwickeln würde, aber wie genau er sich dann letztendlich dargestellt hat, war für mich dann doch überraschend.
Es geht für Tessa natürlich erstmal darum, den Gehemissen auf die Spur zu kommen, die sie direkt betreffen. Das führt allerdings dazu, dass sie die gesamten tieferliegenden Zusammenhänge begreifen muss und die häppchenweise Informationsgewinnung trägt dazu bei, dass die Geschichte kurzweilig weiterläuft.

Die drei Hauptfiguren sind ziemlich klassisch konzipiert und deshalb leider ein weiterer Kritikpunkt. Wir haben den unglaublich attraktiven, launischen, aber tiefgründigen Will mit irgendeinem Geheimins - wobei ich sagen muss, dass er dennoch mit Abstand mein Lieblingscharakter ist, weil sein Humor grandios sarkastisch ist und er zum Glück auch einfach nie die Klappe hält - seinen sanftmütigen Kumpel Jem mit einer mysteriösen Krankheit und nicht wesentlich weniger attraktiv. Und Tessa irgendwie dazwischen. Die Dialoge sind gewollt gesteltzt und provoziert altertümlich, was mich manchmal gestört hat. Außerdem ist Tessa halt einfach eine Teenie-Protagonistin, die so viel Identifikationsfläche ist, dass sie selbst kaum Charakter haben kann. Deshalb hat sie mich am Ende wirklich nochmal positiv überrascht, weil da doch so etwas wie Persönlichkeit hervorkommt.

Grundsätzlich hat mir das Buch mittelmäßig gefallen. Nicht genug, um in Begeisterung auszubrechen, aber genug genug, um dem nächsten Teil noch eine Chance zu geben. Potential zur Steigerung ist auf jeden Fall vorhanden und ich bin gespannt, was daraus wird. Ganz knappe 3 Wölkchen gibt es von mir.

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