09.09.2015

# Rezensionen

[Rezi] Juli Zeh - Adler und Engel

Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Roman
Seitenzahl: 448




Teaser:
Ihre Stimme klingt, als spräche sie mit einem Tier, einem Ochsen, der nicht in den Viehtransporter steigen will. Das beruhigt mich. Ein strahlendes Lächeln spaltet ihr Gesicht, sie sieht glücklich aus.




Handlung
Nachdem seine Freundin - oder so etwas in der Art - sich eine Kugel durch den Kopf gejagt hat, verliert Max langsam aber sicher die Kontrolle über sein Leben, das er im Grunde sowieso schon seit einiger Zeit nicht mehr wirklich im Griff hatte.
Und dabei sieht es eigentlich so aus, als wäre er ein erfolgreicher Typ. Als bester Absolvent seiner Universität hat er sein Jura-Studium abgeschlossen und danach ziemlich flott einen prestigeträchtigen Job in einer der größten Kanzleien Wiens bekommen. Der Chef mag ihn und er arbeitet sich als Balkanexperte schnell zu einem unersetzlichen Teil der Firma hoch. Dennoch wurde er irgendwann nach Leipzig versetzt, was einer karrieretechnischen Beschneidung gleich kam. Dennoch lief sein Leben zumindest irgendwie vorwärts. Bis zu dem verhängnisvollen Telefonat mit Jessie, während dessen er zum letzten Mal ihre Stimme hören sollte.
Nach ihrem Tod ist Max am Ende. Er hat jeden Lebenswillen verloren und wartet mehr oder weniger nur noch darauf, dass sein Körper aufhört, weiterzumachen. Da kommt die Radiomoderatorin und Psychologiestudentin Clara auf den Schirm, die seine Psychose für ihre Diplomarbeit verwenden möchte und deshalb darauf besteht, dass er ihr seine ganze Geschichte erzählt. Und die ist nicht nur länger und komplexer als erwartet, sondern steckt ganz tief drin im organisierten Verbrechen. Tiefer sogar, als Max selbst es sich eingestehen will.

Meine Meinung
Gerade habe ich dieses Buch beendet und bleibe etwas verloren und ratlos zurück. Was will mir die Geschichte sagen? Will sie mir überhaupt etwas sagen? Und wie kann sie gleichzeitig so leise und dennoch so verstörend sein?

Zunächst einmal zu den Formalia, die mich anfangs ein wenig verwirrt, aber irgendwann gar nicht mehr gestört haben: wörtliche Rede wird nicht gekennzeichnet und auch die Qualität der Rede sind im Text formal nicht markiert. Was bedeutet, dass man einen Gesprächsbeitrag der Figuren nur am hintenan gestellten "sagte sie" erkennen kann. Und auch Fragesätze sind nicht mit einem Fragezeichen markiert, sondern lediglich durch ein "fragte er" erkennbar, sodass formal betrachtet die Sätze gleichermaßen Aussage- wie Fragesatz sein könnten. Was in vielen Fällen sogar Sinn ergibt und den Text noch vielschichtiger macht, als er ohnehin schon ist.

Die Geschichte ist so verwirrend, weil sich nirgendwo ein Zeichen von gewohnten und (so sehr ich das Wort hasse, aber hier gehört es irgendwie hin) normalen Verhaltensmustern ist, an dem man sich orientieren könnte. Keine Figur verhält sich nachvollziehbar - und doch sind es keine unlogisch konzipierten Charaktere. Im Gegenteil eröffnet sich dem Leser beim Voranschreiten der Lektüre eine Welt, in der es keine andere rationale Handlungsmöglichkeit gibt, als möglichst irrational zu handeln, damit die Figuren das erreichen können, was sie sich wünschen.
Dabei verfolgen wir im Grunde in einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale den seelischen Verfall von Max und augenscheinlich auch von Clara, auch wenn ich mir bei ihr nicht sicher bin, ob es da wirklich so rasant und irreversibel abwärts geht, denn im Text ist auch die Möglichkeit angelegt, dass sie die Kontrolle nicht endgültig verliert. Was ich mir bei dem ganzen freiwilligen und unfreiwilligen Drogenkonsum allerdings nur schwer vorstellen kann. Ich glaube, die Figuren in diesem Buch haben alleine so viel gekokst, wie alle anderen Figuren in jedem Buch, das ich jemals gelesen habe, zusammen.

So surreal diese Rahmenhandlung aber auch ist, nichts toppt das, was Max für Clara in vielen kurzen Episoden in ein Diktiergerät spricht. Jessies und seine Geschichte handelt von einer geistig kranken, psychisch labilen, aber lebensfrohen und kindlichen jungen Frau und einem ihr verfallenen Mann. Beide mit verrückten Ideen, Luftschlössern, um sich gegenseitig und sich selbst das Leben zu ermöglichen.

Der Schreibstil ist ebenso verwirrend wie alles andere und das ist auch nur konsequent. Ich kann nicht sagen, dass er verschnörkelt ist oder verspielt, denn es ist eine Nüchternheit, fast schon Kühle darin. Dennoch spart die Autorin nicht mir eindrücklichen Metaphern und sprachlichen Bildern. Nur ist alles von einem melancholischen Grundtenor durchsetzt, der sehr gut zu Max und seinem resignierten Zustand passt.

Insgesamt ein interessantes Buch, mit dem ich mich noch eine Zeit lang gedanklich beschäftigen werde. Ich finde aber, man merkt ihm an, dass es der Debüt-Roman von Juli Zeh war, denn er ist um einiges unkommunikativer als die übrigen Werke, die ich von ihr gelesen habe. Doch viele Motive, die sie in späteren Werken wieder aufgreift, erkennt man hier wieder - vor allem, wenn es um die Frage nach Wahrheit und Erkenntnis geht. Insgesamt kann ich nur eine solide Wertung von 3 Wölkchen geben. Es war eine sehr interessante Lektüre, die ich nicht missen möchte, aber vom Hocker gerissen hat mich das Buch nicht.

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