03.12.2015

# Katzenjammer # Schufterei

Der Irrsinn hat einen Namen. Oder: Willkommen im Einzelhandel

Die ohrenbetäubende Stille, die sich hier breit macht, ist natürlich trotz gegenteiliger Vorsätze und Ankündigungen mehrmals der inhaltliche Aufhängers eines Posts geworden. Aber viel wichtiger und vor allem viel gehaltvoller ist doch der Grund für diese Stille. Denn natürlich gibt es einen. Es gibt immer einen Grund. Oder mehrere. Kausal betrachtet sind es auch in diesem Fall mehrere Gründe, die sich in einem ganz spezifischen Phänomen konglumieren: dem Einzelhandel zur Vorweihnachtszeit *bam bam baaam*

Wie natürlich niemand weiß, überziehe ich zur Zeit fröhlich die Regelstudienzeit (unter Zeitdruck kann ich zwar arbeiten, aber es macht mit keinen Spaß. Und ob das jetzt streberhaft klingt oder nicht - die Master-Arbeit soll mir Spaß machen und tut es auch. Zeitweise nicht. Aber auch.) und damit setzte mich das BAFöG-Amt eiskalt und herzlos vor die Tür. Aber weil das hier keine Tirade über die unflexiblen Gestaltung der Fördermaßnahmen des BAFöGs werden soll - denn im Vergleich zu anderen Ländern sind wir in Deutschland doch meistens noch ganz gut unterstützt - kommen wir nach dieser Info direkt zum Knackpunkt: für Geld tut man vieles. Manche Leute drehen Pornos, andere tragen Zeitungen aus und wieder andere versuchen sich als Youtube-Online-Star. Jeder nach seinem persönlichen Narziss, seinem Gusto und idealerweise nach seinen Talenten. Selbige habe ich vermutlich in durchschnittlich höher (oder niedriger) Anzahl; wie auch immer geartete Arbeit vor der Kamera oder mit Printmedien gehört nicht dazu. Also bleiben als kurzfristige Geldbeschaffungsmaßnahme zwei Möglichkeiten: Gastro oder Einzelhandel. Und weil ich nicht nur außnehmend talentiert bin, wie wir geklärt haben, sondern auch noch unglaublich intelligent, hatte ich die grandiose Idee, über die Vorweihnachtszeit als Aushilfe in einem mehr oder weniger bekannten und verbreiteten Laden im ortsansässigen Einkaufszentrum anzuheuern.

Ich möchte nicht sagen, dass das die dümmste Idee war, die ich je hatte - direkt nach der Entscheidung, den Inhalt eines Aschenbechers zu essen, die ich als Zweijährige getroffen habe. Aber. Die Leute haben alle absolut einen an der Waffel. 
Wer mit Menschen arbeitet, weiß, wovon ich rede. Wer das nicht tut, erhält hier eine kostenlose Lektion aus dem Kunden-Knigge. Den es leider nicht gibt. Den es aber dringend geben sollte. Denn manche Leute denken wirklich, als Kunde sind sie König. Wenn sich Könige benehmen wie manche Kunden, gibt es eine Revolution. Fragt mal die Franzosen.

Aber gut. Um meinen seelischen Zustand besser nachvollziehen zu können, wende ich den guten alten Journalisten-Trick an und füttere den geneigten Leser mit Beispielen.
Beispiel 1: Kunden, die sich erst an der Kasse während des Kassiervorgangs nochmal anschauen, welchen Krimskrams sie da eigentlich seit zwei Stunden in ihrem Korb mit sich herumschleppen und dann eine Pro/Contra-Liste aufstellen, ob sie dieses oder jenes Teil nicht vielleicht doch lieber im Laden zurücklassen, aber es ist doch so niedlich, oder doch lieber in blau, oder ist das doch nichts für die Großmutter/Tante/Katze, aber ja, aber nein, aber doch. Währenddessen vervierfacht sich die Anzahl der in der Schlange wartenden Kunden, aber das lässt unseren Unentschlossenen völlig kalt, so versunken ist er in seinen Gedankengängen. Und die arme Person an der Kasse? Sucht verzweifelt nach einer höflichen Formulierung für "entscheid dich entweder sofort oder pack dein Zeug wieder ein, stell dich in die Ecke und komm erst zurück, wenn du weißt, was du willst". Fun Fact: es gibt keine höfliche Formulierung dafür. Es bleibt einem nur übrig, sein zuckersüßtes Lächeln aufzusetzen und geduldig abzuwarten, bis die Entscheidungsfindung abgeschlossen ist.
Beispiel 2: Kunden, die es nicht als notwendig empfinden, zu grüßen, sich zu bedanken, sich zu entschuldigen, wenn sie etwas kaputt machen oder generell soziale Interaktion mit den Angestellten für eine optionale, nicht weiter beachtenswerte Angelegenheit halten. Die schmeißen (und ja, ich meine schmeißen: mit Schwung und voller Absicht) dann auch gerne mal ihre Ware gleich gefolgt von der EC-Karte auf das Kassenpult und drehen sich dann sofort halb von der Kasse weg - dieser lästigen Person hinter der Kasse und dem Bezahlvorgang überhaupt offensichtlich und natürlich zu recht überdrüssig. In diesem Fall wende ich gerne meine bewährte je-unhöflicher-du-mich-behandelst-desto-ausgesucht-freundlich-aber-dumm-und-langsam-behandele-ich-dich-Methode an. Das erzwingt nämlich selbst von diesen Hobby-Soziopathen eine Reaktion. "So, der Schal soll es also sein?" - "Natürlich, sehr gerne. Wie möchten Sie zahlen, etwa mit EC-Karte (Subtext: oder ist die ihnen vielleicht nur aus Versehen aus der Hand gerutscht, was die verzeihlichere Variante wäre)?" - "Ach, den Vorgang hat die Kasse leider nicht akzeptiert, da müssen wir wieder von vorne anfangen" und so weiter. Die Variationsmöglichkeiten sind enorm. Um nicht zu sagen manigfaltig.
Beispiel 3: Kunden, die das Prinzip des Anstellens nicht verstehen. Und damit meine ich keine kleinen, gebeugten Omis mit ihrem Rollator, denen vielleicht der Überblick im Laden fehlt und die sich deshalb einfach irgendwie irgendwo anstellen. Die transportieren ja meistens nur Kleinigkeiten herum und sind daher schnell bedient. Ich meine Leute, die sich bewusst und mit einer Selbstverständlichkeit vordrängeln, weil sie zum Zug müssen/aufs Klo wollen/das Parkticket abläuft/der Hund nicht so lange allein sein kann/der Korb so schwer ist oder oder oder, das es wirklich schon frech ist. Diese Kunden sind mir aber dennoch fast die liebsten, weil es in diesem Fall weniger mir obliegt, sie in die Schranken zu weisen (was ich im Zweifel allerdings ebenso liebend gerne wie höflich und charmant lächelnd zum Wohle der Gemeinschaft tue), sondern es mehr an den zurückgedrängten Kunden selbst ist, ihre Position zu verteidigen und den Drängler in seine Schranken zu weisen. Und das beste daran: Kunden müssen zu Kunden nicht höflich sein. Die können sie gegenseitig so viel anmeckern, wie sie wollen. Und das kanalisiert dann unter Umständen meinen eigenen Mecker-Drang.

So könnte ich wirklich ewig weitermachen. Leute, die ihr ganzes Leben lang im Einzelhandel arbeiten, müssen hunderte Bücher mit den Absonderlichkeiten der Kunden füllen können. Ich belasse es allerdings fürs erste hiermit und möchte nur noch mit den Worten schließen, dass es mindestens genauso viele freundliche, unkomplizierte Kunden gibt wie besagte Pappnasen, mit denen man über den neuen 20€-Schein lästern und sich auf die Weihnachtsplaylist im Radio freuen kann. Und denen ist es auch zu verdanken, dass der Job Spaß macht. Denen und den Kollegen, die mit einem zusammen Pappkartons kleintreten, wenn es mal alles arg schlimm war und die Wut raus muss.

Kommentare:

  1. Ach ja.. Der Einzelhandel. Damit habe ich mich ja auch sehr lange (ich glaube es waren so ca. 10 Jahre) die Zeit um die Ohren geschlagen. Man bekommt da schon allerhand obskure Sachen mit positives wie negatives. Und auch wenn ich mich mehr als einmal geärgert habe, war es doch eine tolle Zeit.
    Genau über die Pappnasen muss man hinwegsehen oder ihnen - wie du das schon richtig machst - mit übertriebener Freundlichkeit begegnen.
    Findet sich im Einzelhandel ja eh gar nicht mal so oft - mir sind schon sooo oft unfreundliche Verkäuferinnen begegnet, denen ich dann mit super freundlich komme. Ach Freundlichkeit ist immer eine gute Lösung :)

    <3 Schön mal wieder etwas von dir zu lesen <3

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    1. Freundlichkeit ist wirklich das allround Mittel :D Es nimmt den meisten Miesepetern auch gleich den Wind aus den Segeln xD
      Aber bei mir ist es eh immer so, dass ich die blöesten und stressigsten Jobs immernoch irgendwie gerne mache, wenn die Kollegen nett sind. Was zum Glück der Fall ist. So wird alles doch immer irgendwie witzig. Zumindest rückblickend :)

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  2. Puhhh, das hört sich ja stressig an ^.^
    Das mit dem Regelstudienzeit und Semestern usw. da blicke ich ja nicht so durch, obwohl ich mich mittlerweile informiere, was für Studiengänge denn was für mich wären. Aber wie gesagt, das drumherum ist doch noch ein riesiges Mysterium für mich. Ich verstehe das mit Bachelor und Master - und dann hörts auch schon fast wieder auf :P Manchmal finde ich das ja sehr komisch, dass wir in so unterschiedlichen Lebensabschnitten sind und gleichzeitig cool, immer interessant!

    Naja, jedenfalls kann ich mir denken, dass das Arbeiten gleichzeitig zum Studium richtig anstrengend ist. Das mit den Bafög-Problemen ist mir bekannt durch meine Schwester, die hat deshalb so einige Schlachten zu schlagen.
    Ich glaubs ja nicht, dass es ernsthaft Kunden gibt, die ihr Zeug einfach vor deiner Nase hinschmeißen o.O Was für ein bescheuerter Mensch muss man sein, um das zu machen? Ich bin auch manchmal gestresst und dann hab ich schon alles parat, um schnell zahlen zu können, aber ich sag wenigstens Hallo und Tschüss, wenn nicht auch mal mehr. Unhöflich sowas, da würde ich auch einiges loswerden wollen über solche Kunden!

    Ganz viel Durchhaltevermögen für die Arbeit und natürlich die Master-Arbeit =)
    ♥ Ley

    P.S.: Aus reiner Neugier^^ - Welches Thema hat denn deine Master-Arbeit?

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    1. Dieses Null-Durchblick-Gefühl kenne ich sehr gut - ich glaub, das geht jedem ganz genau so. Aber am Ende ist es gar nicht so kompliziert, wie man sich das ausmalt und man wächst auch tatsächlich ziemlich schnell in das Uni-Chaos rein. Learning by doing :D Die Regelstudienzeit ist aber auch fix erklärt: die Zeit, in der man laut Studienverlaufsplan das Studium abgeschlossen haben sollte. Bei den meisten BA-Studiengängen sind das 6 Semester, also 3 Jahre.
      Ich find das auch cool; ist ja auch bei mir alles noch nicht lange her, da kann ich noch sehr gut mitfühlen :D

      Es gibt alle Arten von Kunden. Und jeder einzelne kauft bei uns ein :D Letzte Woche hatte ich ein ultimativ bekifftes Hippie-Pärchen an der Kasse. Die waren auch der Hammer :D
      Na klar, ich hab generell auch schon meinen Geldbeutel ausgepackt, wenn ich an die Kasse gehe zum zahlen, aber auch bei Hektik ist ein Mindestmaß an Höflichkeit eigentlich nicht zu viel verlangt. Aber gut, man rächt sich dann halt auf seine Weise als Kassierer >D

      Grob gesagt gehts in meiner MA um Körperkonstruktionen in Gegenwartsliteratur. Find ich mega spannend und es macht wirklich Spaß, daran zu arbeiten :D

      Danke dir! ♥

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  3. Mit einem Schmunzeln muss ich leider sagen, willkommen in der Arbeitswelt! ;-) Denn es wird auch nach der Masterarbeit nicht besser werden. Anders? Ja. Besser? Nein. :-D

    Ok, vielleicht hast du mit dem Einzelhandel um diese Zeit auch einen Extremfall erwischt, aber auch in allen (!) anderen Sparten geht es im Grunde nicht anders zu. Da könnte ich dir was erzählen ... :-D

    Alles Liebe & gutes Durchhalten im Einzelhandel und bei der Masterarbeit,
    Nicole

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    1. Naja, so ganz grün bin ich ja auch nicht mehr und durchaus seit 6 Jahren Teil der Arbeitswelt. Aber höchstens in der Gastro benehmen sich die Leute ähnlich - bei meinen anderen Jobs ist das bei weitem nicht so.
      Und gerade Weihnachten bedeutet in der Sparte, in die ich nach dem Studium gehen möchte/werde, eher Pause :D

      Aber ich will ja auch gar nicht so viel jammern, denn im Großen und Ganzen macht es mir ja auch Spaß. Und stressig ist es irgendwie ja wirklich wie du sagst überall. Manchmal muss man dann halt Dampf ablassen :D

      Danke schön! :)

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    2. Ehrlich gesagt, mich hätte es auch gewundert, wenn du so grün gewesen wärst. Oh ja, Gastronomie - da kann man auch Geschichtchen erzählen.

      Ich habe den Eindruck, dass alle immer ganz gehetzt herumlaufen, egal aus welcher Branche sie sind. Jahresberichte müssen geschrieben, Bilanzen vorbereitet, Events geplant werden - alles muss noch im alten Jahr erledigt sein, weil man im nächsten Jahr "unmöglich" dazu kommen wird. :-D

      Stimmt, Dampf muss man mal ablassen und ich finde deinen Post richtig erheiternd. :-)

      Liebe Grüße,
      Nicole

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