05.01.2016

# Katzenjammer

[Gerede] Perfektion ist quatsch!

Wenn es in den letzten Wochen und Monaten ein Wort gab, das mich am allermeisten nervte, dann das Wort "perfekt" und vor allem das Konzept, das damit einhergeht und bei so manch einem zu einem gesamten Lebensentwurf mutiert. 
Das Motto dieser pseudo-reflektierten Einstellung lautet: 

Werde zu einer besseren Version deiner selbst.

Dieser Satz löst auf so vielen Ebenen Unmut und auch einen leichten Brechreiz bei mir aus, dass ich mir das heute und hier alles einmal von der Seele schreiben muss. Quasi als Gegengewicht zu den ganzen Diät- und Fitnesstipps, die pünktlich zu den Neujahrsvorsätzen in der on- und auch in der offline-Welt eintrudeln.
Was mich schon einmal grundlegend am angestrebten perfekten Körper/Leben/was auch immer stört, ist die eindeutige Unerreichbarkeit, die zwangsläufig zu Frustration führen muss. Wie wir alle wissen, die wir etwas kritisch eingestellt sind, ist Perfektion ein Zustand, der niemals erreicht werden kann. Du hast die angepeilten 4 Kilo abgenommen? Prima! Aber deine Bauchmuskeln lassen wirklich zu wünschen übrig, also ab ins Fitnessstudio! Du verzichtest ab jetzt auf Fleisch von Aldi und Co. und achtest auf regionale Produkte? Prima! Aber besser für dich und die Umwelt wäre es, gänzlich auf Fleisch und tiereische Produkte zu verzichten. Also werde lieber Veganer und iss deinen Chiasamen-Pudding. Und so feiert man nicht die Erfolge und gibt sich damit einfach zufrieden, sondern sucht sich immer neue Baustellen, an denen rumgeschraubt werden kann. Und so ein Leben ist ja auch so vielfältig, da gibt es endlose Möglichkeiten! Das eigene Gesicht von Falten befreien, das Bücherzimmer nach ikea'schem Vorbild einrichten und das Ergebnis tausendfach auf Instagram posten oder einfach gleich die ganze Welt retten, indem man nur noch rohes Obst und Gemüse zu sich nimmt! Alles ist möglich! Aber perfekt wird es nie sein.
Da frage ich mich doch direkt auch: wozu das ganze? Wo keine Probleme sind, muss ich mir doch auch keine machen, oder? Jüngst verkündete ich vor meinen Kolleginnen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie eine Diät gemacht habe. Woraufhin ich einerseits sofort mehr oder weniger geächtet und andererseits eines prüfenden Blicks unterzogen wurde. Mit dem Ergebnis, dass meine Figur ja ganz okay ist, aber mit 3 oder 4 Kilo weniger wäre sie doch quasi perfekt. So gesehen sollte ich jetzt auf Grund von der rein subjektiven Beurteilung einiger Menschen etwas an meinem Lebensstil ändern - oder an meinem Körperumfang - obwohl ich mit beidem wirklich zufrieden bin? Natürlich, nach aktueller ästhetischer Auffassung bin ich unter Umständen relativ nah an einer "perfekten" Figur dran (zumindest mit speck-quetsch-Tops und einem Pulli drüber sieht es so aus), da könnte ich ziemlich schnell ziemlich optimal aussehen. Aber was soll mir eine vermeintlich perfekte Figur denn bringen? Die ja auch nicht einmal erreicht einfach bleibt, sondern für die ich den Rest meines Lebens arbeiten müsste. Gesteigertes Selbstwertgefühl? Das bezweifele ich doch stark. Wer sich so einem vermeintlichen Perfektionismus hingibt, hat meiner Meinung nach alles, aber kein Selbstwertgefühl.

Denn sehen wir die Sache doch mal so: Ist man selbst mit sich im Reinen, gesund und fühlt sich wohl, dann ist man bereits eine absolut menschlich-optimale Version seiner Selbst. Die keiner Verbesserung bedarf. Und das ist auch mein zweiter großer Punkt bei diesem Thema. Was sind meßbare Werte, Zahlen und selbst optische Standarts im Angesicht des menschlichen? Im Angesicht der individuellen Konstitution? Menschen sind einfach nicht objektivierbar. Und optimale maschinelle Vorgänge sind nicht zu vergleichen mit optimalen menschlichen Zuständen. Letztere unterliegen immer einer Wertsetzung, müssen interpretiert werden. Und wenn ich meine Figur als optimal interpretieren kann, dann haben alle anderen, die das nicht können, das Problem. Und nicht ich.
Also plädiere ich hiermit dafür, weniger an den äußeren Parametern seines Lebens rumzuperfektionieren, sondern lieber die eigene innere Einstellung zu reflektieren und dann einfach mal zu chillen. Es gibt Bereiche, da ist ein bisschen Kritik und Ehrgeiz gut. Föderlich. Sinnvoll. Wenn man Häuser baut zum Beispiel, oder Staudämme. Oder einen Hubschrauber landen will. Das permanente Basteln am eigenen Leben gehört meiner Meinung nach aber nicht dazu. Und wenn man das verinnerlicht hat, läuft man sehr viel weniger gestresst durchs Leben. Es passt doch schon alles irgendwie. Auch, wenn es nicht perfekt ist. So ein Kilo zuviel ist vielleicht bei einer Flugzeugschraube fatal, bei einem Menschen aber doch eher sympathisch.

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