20.01.2016

[Rezi] Frank Schätzing - Der Schwarm

Erscheinungsjahr: 2004
Genre: Roman
Seitenzahl: 997



Teaser:
Nein. Warum sollte es welche kosten? Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie, ob wir nun direkt nach Osten fahren oder erst ein Stück weiter nördlich. Hast du alles vergessen? Hier oben ist es nicht wichtig, wie schnell du ankommst. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.




Handlung
Beunruhigende Dinge geschehen überall auf der Welt. An der peruanischen Küste verschwinden kleine Fischerboote und ihre Insassen scheinbar völlig ohne Grund - bei ruhiger See, ohne Sturm und auch ansonsten in relativer Sicherheit befindlich; eine unbekannte Wurmart taucht am Meeresgrund auf und gräbt sich massenhaft in den Ozeanboden vor Norwegen und vor Kanada spielen die Wale verrückt.
Obwohl die Welt durch moderne Technologien der Nachrichtenübertragung so klein geworden ist, schafft zunächst niemand, eine Parallele zwischen diesen seltsamen Vorgängen herzustellen, die sich durch alle Meere auf der Erde ziehen. Wissenschaftler verschiedener Nationen und Schwerpunkte setzen sich damit auseinander, beginnen sich zu vernetzen und versuchen zu ergründen, was im Meer vor sich geht. Doch dieses scheint die Menschen unerbittlich zu bekämpfen, nachdem selbige seit Jahrzehnten ihren Müll in den Fluten versenken und das gesamte Ökosystem durcheinander bringen. Doch wer löst die Vorgänge aus? Wer schafft es, sowohl Wale, Würmer als auch sämtliche andere Organismen des Meeres unter seine Kontrolle zu bringen und sich vereint gegen den Menschen zu erheben? Und haben letztere überhaupt eine Chance, wenn sich das Meer wirklich gegen sie verschworen hat?

Meine Meinung
Absoluter Wahnsinn ist dieses Buch. Und zwar auf allen nur vorstellbaren Bedeutungsebenen. Es ist wahnsinnig spannend, wahnsinnig interessant, komplex, beängstigend und vor allem wahnsinnig grandios zu lesen. Die ersten zwei Wochen dieses Jahres habe ich mich durch diesen Roman nicht nur aus meiner Lebenswelt aus-, sondern irgendwie auch in die tatsächliche Realität eingeklinkt. Wie viel Information dieses Buch vermittelt, lässt sich anhand seines Umfangs natürlich schon erahnen, aber worüber man dann tatsächlich alles nachdenken muss/wird/soll/kann, wenn man es schließlich liest, ist allein durch die Seitenzahl nicht abschätzbar.

Es geht in dem Buch hauptsächlich um ein Gedankenexperiment: was wäre, wenn wir extraterrestrisches Leben nicht im Weltraum, sondern wörtlich außerhalb der Erde, des Landes, zu suchen hätten - also im Wasser? Und was wäre, wenn dieses Leben über ein hohes Maß an Intelligenz verfügt - unter Umständen sogar intelligenter ist als die arroganten Menschen, die sich seit wer weiß wie vielen Jahrhunderten als Krone der Schöpfung betrachten und sich permanent in das Zentrum der Welt stellen? Auf diese wenns und auf noch einige mehr gibt das Buch hypothetische Antworten, die gar nicht so weit hergeholt erscheinen, wenn man sich die politische Situation mal genauer anschaut. Der Roman schafft es, dass man als Leser ein Stück Distanz gewinnt und sich das Verhalten der auf die Gegenwart ausgerichteten Menschen in einem größeren Zusammenhang anschauen kann. Und das zeigt, dass die Menschheit insgesamt - allen voran die westlichen Staaten, auf denen im Buch der Fokus liegt - betrachtet eventuell ein wenig zu sorglos mit ihrem Planeten umgegangen ist und ihr ein klein wenig Demut ganz gut tun würde.

Zu Anfang gibt es mehrere Handlungsstränge, die parallel ablaufen und sich im Verlauf der Geschichte zu einer Haupthandlung verdichten. Dennoch gibt es permanent viele einzelne Sequenzen, die gleichzeitig zu diesem Hauptstrang ablaufen und nicht minder wichtig sind. Die komplexe Verflechtung von Ort- und Zeitstrukturen ist nur ein Merkmal dieses Buches, das zu der atmosphärisch sehr dichten Erzählung beiträgt. ein weiteres ist die Figurenkonzeption, die nicht weniger komplex ist und den einzelnen Charakteren gerecht wird. Handlungsträger sind besonders zwei Wissenschaftler: Sigur Johanson aus Norwegen und Leon Ankawak aus Kanada. Diese beiden bieten auch die größten Identifikationsflächen, erfährt man doch auch neben ihrer Forschung auch einiges aus ihrem Privatleben. So bleibt auch der emotionale Aspekt nicht unbeachtet und verleiht dem sehr naturwissenschaftlich ausgerichteten Buch die nötige Tiefe.

Im Fokus stehen unbestritten die Geschehnisse unter Wasser, weshalb auch ein großer Teil der Geschichte direkt unter der Meeresoberfläche spielt oder zumindest von dort stationierten Kameras eingefangen und nach oben geleitet wird. Viele biologische, chemische und technische Details werden vermittelt. Ich kann wohl nicht ohne zu lügen sagen, dass ich alles verstanden habe und wiedergeben könnte, aber den meisten Ausführungen konnte ich in der Tat gut folgen und habe mit Sicherheit auch einiges dazugelernt. Es war aber auch praktischerweise immer ein Laie unter den anwesenden Figuren, sodass der zuständige Experte die Ergebnisse bewusst vereinfacht hat. Wunderbar, denn zumindest ein Laie war allen immer direkt auf den Fersen - ich als Leser. 
Die Darstellungen der einzelnen kleinen und großen Katastrophen hat mir - technisch gesehen, nicht wirklich inhaltlich - sehr gut gefallen. Alles schaukelt sich immer weiter hoch und nimmt faktisch apokalyptische Ausmaße an, ohne allerdings zu sehr auf die Drama-Tränendrüse zu drücken. Diese bleibt ziemlich außen vor, was der hochqualifizierten, wissenschafltichen Figurenbesetzung auch nur gerecht wird. 

Im Verlauf des Lesens dachte ich irgendwann, dass mit das entworfene Weltbild nicht gefällt. Da wurde jede Entwicklung des Menschen, die Zusammenschlüsse zu Kollektiven, die Ausbildung kultureller Verbände und so weiter auf seine Genetik und die Biologie zurückgeführt. Solche simplifizierten Thesen sind mir suspekt und vor allem ist eine solche Argumentation sehr gefährlich, weil sie leicht instrumentalisiert werden kann. Schließlich scheitert aber dieses Weltbild an seiner Hybris und hat mich wieder versöhnt.

Insgesamt gibt es ganz klar 5 Wölkchen von mir. Wie immer bei solch komplexen, dicken und wundervollen Büchern ist mir der Abschied schwer gefallen, als es beendet war. Vor allem auch wegen dem extrem gelungenen Ende, das das wirkliche Ende doch irgendwie offen lässt. Wollen wir mal das beste hoffen für diese Menschheit, die sich wie Elefanten im Porzellanladen aufführt.


Kommentare:

  1. Hey MelMel,

    kann deine Meinung gut verstehen. Das Buch war tatsächlich raffiniert verfasst und auch die aufgeworfenen Fragen gingen mal eine ganz neue Richtung. Allerdings hatte ich ein Problem mit einigen Längen, z.B. auch die Lebensgeschichte des hundertsten Statisten oder (für mich ganz schlimm) die "Partikel"-Palaverei am Ende...
    Finde es aber immer wieder klasse, Rezensionen mit so positiver Meinung zu dem Buch zu lesen :)

    Viele Grüße

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    1. Bei manchen Passagen muss ich gestehen, dass ich die auch nur quergelesen habe - gerade auch diese biologischen Exkurse, denen ich bei aller Mühe sowieso nicht richtig hätte folgen können. Aber das hat der Lesefreude zum Glück keinen Abbruch getan :D

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