10.02.2016

Lena Gorelik - Lieber Mischa

Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Humor
Seitenzahl: 184



Teaser:
Wir waren gerade zu Besuch bei der Familie von Freunden auf deren Bauernhof, und der selbst gebrannte Schnaps machte die Runde und floss indirekt auch in die Namensvorschläge deines Vaters ein. Unser Freund hängte dem Schlomo ein Grinblum an, Schlomo Grinblum, das fanden alle schön.




Inhalt
"Lieber Mischa, der du fast Schlomo Adolf Grinblum gehießen hättest, es tut mir so leid, dass ich Dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude" - so lautet der vollständige Titel dieses Buches und beschreibt damit auch gleich die Programmatik, unter der sich sein Inhalt entfaltet. Die Autorin richtet in einer Art Briefsammlung das Wort an ihren einjährigen Sohn und gibt ihm - also eigentlich uns als Rezipienten, denn mit einem Jahr kann selbst ein kluges Baby vermutlich noch nicht lesen - einen Überblick darüber, in welche verworrene Welt er da hineingeboren wird, was für Vorurteile ihm als Juden begegnen können und wie sie sich seine Zukunft für ihn und irgendwie auch für die ganze Gesellschaft wünscht.

Meine Meinung
Ich bin ein bisschen unschlüssig, wie ich dieses Buch letztendlich bewerten möchte, weil es auf der einen Seite ganz unterhaltsam und nett zu lesen war und sicherlich keine allzuhohen Ansprüche stellt, ich vieles aber doch irgendwie problematisch finde.

Fangen wir aber doch mal einigen positiven Aspekten an. Mit einem eloquenten, selbstironischen (Ironie ist wohl das prägende Stilmittel dieses Buches und wird auch schon am Titel deutlich) und humorvollen Sprachstil und wechselnden Formaten berichtet der Text von den Erfahrungen, die sie gemacht hat, als sie mit ihrer Familie als so genannter Kontingentflüchtling aus Russland nach Deutschland gezogen ist und erst dort so richtig gemerkt hat, dass sie Jüdin ist. Die Kapitel wechseln sich mit solchen und weiteren Rückblicke auf ihre Vergangenheit - unter anderem auch ihren Aufenthalt in Israel oder der Berichte von diversen Familienfesten - und verschiedenen Listen ab, in denen mal die "coolsten Juden der Welt" oder die antisemitischsten Vorurteile aufgelistet werden. Dabei spielt die Autorin einerseits mit bestehenden Klischees und beleuchtet sie als Zielscheibe.
Was mich dabei ein bisschen stört, ist, dass ich einfach nicht weiß, ob man wirklich Vorurteile aus der Welt schaffen kann, wenn man sie immer wieder hervorkramt. Natürlich ist eine Auseinandersetzung wichtig, aber ich hatte an manchen Stellen des Buches das Gefühl, im Text wird durchaus eine Art Othering betrieben. Und das ist ja eigentlich das Gegenteil vom erklärten Ziel, würde ich sagen. 

Wie auch immer man dazu steht, insgesamt fand ich den Bericht dieser jüdischen Identitätssuche sehr humorvoll verpackt und kurzweilig zu lesen. Ich habe das Gefühl, die Ich-Erzählerin zu verstehen, die es manchmal leid zu sein scheint, als Jüdin auf den Holocaust - oder Shoa, wie ich gelernt habe - reduziert und immer in eine Art Opferrolle gepresst zu werden. Dies würde sie ihrem Sohn gerne ersparen und plädiert deshalb für einen entspannten Umgang mit Klischees, einem offenen Denken und eine Prise Humor.

Trotzdem kann ich einfach nicht mehr als 2 Wölkchen vergeben. Die Geschichte ist sympathisch und lustig, aber am Ende hat sie mir dann doch nichts gegeben, was ich nicht vorher schon "hatte", keine neuen Denkanstöße und kaum andere Perspektiven. Ein nettes Buch für Zwischendurch ist es dennoch.


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