23.02.2016

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[Rezension] Emanuel Bergmann - Der Trick

Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roman
Seitenzahl: 391


Teaser:
Die Toten nahmen in ihrem Leben einen weitaus größeren Stellenwert ein als die Lebenden. Ständig schwafelte sie über diese oder jene Verwandten, die im Krieg ermordet worden waren. Das war verwirrend, denn ihr schien nicht immer klar zu sein, dass Max seine ausgelöschte Familie nie kennengelernt hatte.




Handlung
Mosche Goldenhirsch wird zum Ende des ersten Weltkrieges hin in Prag geboren. Seine Mutter ist die Frau eines Rabbis, der als Invalide frühzeitig aus dem Krieg nach Hause kommen darf und als Geistlicher nach Erkenntnis und Wundern sucht und diese nicht-rationale Denkweise seinem Sohn weiterzugeben versucht. Dieser hat allerdings für die Religion wenig übrig. Seine wahre Leidenschaft entdeckt er mehr oder weniger zufällig bei einem heimlichen Zirkusbesuch: das Rampenlicht, die Illusion und die Show. Kurzentschlossen lässt er Prag und sein ärmliches Leben hinter sich und schließt sich als Lehrling des Zirkuszauberers und seiner Assistentin an, um fortan Zaubertricks und die Kunst des Mentalismus zu erlernen.

Zwei Generationen später erlebt der kleine Max den Albtraum eines jeden Kindes: seine Eltern schleppen ihn in ein Restaurant seiner Wahl, um ihn von ihrer Trennung in Kenntnis zu setzen. Zwar betonen sie, dass sich für Max nichts ändern wird, aber natürlich merkt er schnell, dass sie dieses Versprechen nicht halten können. Bei dem Auszug seines Dads findet er eine alte Schallplatte, die ihn auf die Spur des großen Zabbatini bringt - ein berühmter Zauberer aus den 80er Jahren, der unter anderem einen Liebeszauber in seinem Repertoire hat. Also macht Max sich auf die Suche ihm, in der Hoffnung, dass seine Eltern durch Magie wieder zusammenfinden.

Meine Meinung
Schon bei der Inhaltsbeschreibung kann man ein magisches Buch erwarten; allerdings geht es um weit mehr, als um Zirkustricks und mutmaßliche Liebeszauber. Es geht um die Aufarbeitung der Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart, um Erkenntnisprozesse, verloren geglaubte Seelen und schicksalhafte Begegnungen. Und mitten drin in diesem Wust von Denkanstößen steckt der kleine Max mit seiner Hoffnung, dass seine Eltern wieder zusammen finden.

Rührend ist dabei das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich mir noch einmal die Geschichte ins Gedächtnis rufe. Die Probleme von Max und wie er mit seiner kindlichen Logik diese zu lösen versucht, haben mich genauso berührt, wie das Schicksal des kleinen Mosche, der irgendwann ein gar nicht mehr so kleiner, aber dafür umso begabterer Illusionist, Mentalist und Zauberkünstler ist.

Die Geschichte von Max und wie es mit seinen Eltern weitergeht, bildet den einen Handlungsstrang, der für sich genommen verschiedene Thematiken behandelt, von denen die Scheidung der Eltern nicht wirklich im gedanklichen, sondern nur im inhaltlichen Mittelpunkt steht. Weit mehr reflektiert dieser Handlungsstrang die Differenzen und Unterschiede verschiedener Generationen, vor allem durch die Beziehung zwischen Max und seiner Großmutter, die oft und gerne von ihrer Zeit im KZ erzählt, wo sie zur Zeit des Nationalsozialismus als gefangen war. Sowohl ihr Sohn als auch ihr Enkel sind diese Geschichten leid, haben sie doch kaum etwas mit deren eigener Lebenswelt zu tun. Die Problematik des Vergessenwerdens wird hier sehr deutlich an diesem Beispiel illustriert und auch mit diversen Rückblenden auf die NS-Vergangenheit und die Entwicklungen in Deutschland zu den 1930er Jahren unterstützt
Für mich viel spannender war allerdings die parallel erzählte und episodenhafte Geschichte um Mosche Goldenhirsch, dessen Lebensgeschichte als spannendes Einzelschicksal, dasebenfalls mit den schrecklichen Geschehnissen des Nationalsozialismus verknüpft ist, im Kontrast zu den "ollen Kamellen" von Max' Großmutter steht.
Natürlich werden beide Handlungsstränge irgendwann miteinander verknüpft, und ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir das ein wenig zu konstruiert war und daher die Geschichte auf dem letzten Drittel ein wenig abgebaut hat. Um mich dann auf den letzten Seiten wieder völlig rumzureißen, weil der letzte Trick des großen Zabbatini einfach ganz wunderschön und herzzerreißend gleichzeitig ist.

Die verschiedenen Zeit- und Ortswechsel waren für mich sehr spannend zu verfolgen, denn Bergmann schafft es, an jedem Punkt in seiner Geschichte eine dichte Atmosphäre zu schaffen - sei es nun in Berlin 1936 oder Los Angeles 2007. Die Sprache macht dabei natürlich einen großen Teil aus - sie ist immer passend gewählt, immer klar und ohne großartiges Metaphergewedel, sondern eher nüchtern, mal kindlich-albern und mal sehr tiefgründig, aber ohne zu komplex zu sein.

Insgesamt ein wirklich schönes Buch, dessen Inhalt so ganz anders war, als ich erwartet habe und mich deshalb gleich doppelt überrascht und auf jeden Fall begeistert hat. Ich vergebe 4 Wölkchen und eine Leseempfehlung an alle, die Lust auf einen magischen Generationen-Roman haben.

Außerdem danke ich vorablesen.de und dem Diogenes-Verlag herzlich für die Bereitstellung dieses Rezensionexemplares!

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