05.02.2016

[Rezi] Jean-Michel Guenassia - Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Erscheinungsjahr: 2009
Originaltitel: Le club des Incorrigibles Optimistes
Genre: Roman
Seitenzahl: 685



Teaser:
Es gibt Bücher, die zu früh zu lesen, verboten sein sollte. Man versteht sie nicht oder falsch. Und auch Filme. Man sollte sie mit einem Etikett versehen: Nicht sehen oder lesen, bevor man gelebt hat.





Handlung
Anlässlich der Beerdigung Jean Paul Satre 1980 trifft Michel Marini auf frühere Bekannte aus dem Club der unverbesserlichen Optimisten und erinnert sich in diesem Zuge an die Ereignisse, die 30 Jahre zuvor in den 1950ern zur Gründung dieses Clubs geführt hatten und welche für ihn prägenden Ereignisse ihm in dieser Zeit wiederfahren sind.
Die Haupthandlung beginnt mit dem 12. Geburtstag Michels, der mehr oder weniger eifrig das Gymnasium besucht, dafür aber umso motivierter seinen beiden Leidenschaften nachgeht: Tischfußball spielen und vor allem Bücher lesen. Selten sieht man Michel ohne ein Buch in der Hand - sogar beim Gehen legt er seine aktuelle Lektüre nicht weg. Durch seinen älteren Bruder Franck etabliert er sich nach und nach im Balto, einem Café, in dem immer die grandiosesten Tischfußballpartien stattfinden. Dieses Café verfügt über einen geheimnisvollen Nebenraum, um den Michel sich wie alle anderen nicht weiter kümmert, bis er eines Tages unversehens in diesem Raum landet und dort in den Club der unverbesserlichen Optimisten stolpert. Ein durchwürfelter Haufen von in ihrer Heimat politisch Verfolgten, im Leben gescheiterten und vom Krieg gezeichneten Menschen, die sich an diesem Ort zusammenfinden, Schach spielen und eine besondere Freundschaft pflegen, die nicht zuletzt den Wirt einiges an Nerven kostet, wenn nach einem traditionell russischen Trinkspruch mal wieder alle Gläser auf dem Boden zerschmettert werden.
Vor diesem Hintergrund wird nicht nur Michels Weg des Erwachsenwerdens entfaltet, sondern auch die Folgen des Krieges und speziell des gescheiterten Kommunismus reflektiert.

Meine Meinung
Manche Bücher bekommen einfach viel zu wenig Aufmerksamkeit und sind dabei wahre Perlen. Um einen solchen Geheimtipp handelt es sich auch bei diesem wundervollen Buch, das ganz in postmoderner (oder postpostmoderner, wie auch immer man in dieser Frage Position beziehen möchte) Manier viele verschiedene Querverweise auf andere literaische Werke, realhistorische Ereignisse, philosophische Diskurse mit einer Vielzahl von fiktiven Einzelschicksalen verknüpft und deshalb so abwechslungsreich und vielfältig ist, dass die Lektüre unheimlich viel Spaß gemacht hat - trotz der tragischen Schicksale und einiger dramatischer Wendungen.

Der Hauptstrang der Erzählung wird von dem Protagonisten persönlich erzählt, sodass der Leser unmittelbar an der Entwicklung dieses Charakters teilnehmen kann. Und Michel zu der erzählten Zeit in einem Alter, in dem man bekanntlich einige prägnante Entwicklungen durchmacht. Besonders bei Michel ist die Unterstützung durch ganz außergewöhnliche Freunde - da sind Igor, ein aus Russland geflüchteter Arzt, Leonid, ebenfalls aus Russland, Tibor, ein Schauspieler aus Ungarn, Werner, ein ehemaliger Spion für die Résistance, Imre, Pavel und noch viele andere mehr oder weniger verlorene Existenzen, die durch die Staatsmacht ihrer Freiheit und ihres ehemaligen Lebens beraubt nun in Paris leben und so gut wie möglich mit den Umständen klarzukommen versuchen. Michel lernt von diesen Menschen nicht nur das Schachspiel, sondern auch Lektionen für sein Leben - sowohl positiv als auch negativ. Besonders begeistert hat mich - ob fiktiv oder nicht - die Anwesenheit der philosophischen Größen Statre und Kessel, die tatsächlich Mitglied in diesem Club waren. Warum? Weil auch sie zu dieser Zeit als Flüchtlinge sozial mehr oder weniger ausgegrenzt waren.

Die Geschichte ist eine Abbildung der Zeit- und Sozialgeschichte der 50er und 60er und erzählt von den Schicksalen zweier Generationen: der, die vom zweiten Weltkrieg unmittelbar betroffen war und der, die direkt nach dem Krieg aufwachsen. Aber es dreht sich nicht alles nur um den Krieg, sondern der Fokus liegt auf der erzählten Gegenwart, versehen mit Kommentaren des rückblickend erzählenden Michel. Dieser berichtet auch von seiner Begeisterung für den Rock'n'Roll, der in den 50ern bei Jugendlichen bekanntermaßen Wellen der Euphorie und bei den gutbürgerlichen Erwachsenen eine Welle der Empörung hervorgerufen hat.
Auf politischer Ebene ist es sehr interessant, den Argumentationen dieser beiden Generationen zu folgen. Ob Kommunismus nun gut oder schlecht ist, darauf gibt der Text keine Antwort, aber es ist spannend, diese Ideologie von Kriegsveteranen einerseits und jungen, unbedarften Idealisten andererseits argumentativ zerlegt zu bekommen.

Sprachlich hat mich der Roman auch auf ganzer Ebene überzeugt. Es gibt keine besondere Spannungskurve, die den Leser fesselt; es ist die ruhige Erzählweise, die dafür sorgt, dass man nicht nur an der Oberfläche der Geschichte bleibt, sondern versucht, tiefer zu dringen und am Ball zu bleiben. Die von vorneherein achronisch angelegte Erzählung wird von verschiedenen Rückblenden um die Geschichten einzelner Nebenfiguren ergänzt, sodass nach und nach verschiedene Fragen zu diesen, die neben Michel auch der Leser hat, geklärt werden.
Ein wirklich ganz tolles Buch, für das ich eine absolute Leseempfehlung ausspreche. 5 rosa Wölkchen von mir. Und ein Herz ♥


Kommentare:

  1. Das Buch hat mich schon immer aufhorchen lassen, aber ich wusste nie genau worum es denn jetzt geht!

    Sartre ist einer meiner Lieblingsphilosophen, wollte in Ethik ewig darüber diskutieren bis zum geht nicht mehr ;) Der Titel hört sich schon sehr gut an und nach deiner begeisterten Rezi werd ich mir das Buch auf jeden Fall auf die Liste schreiben. Danke ♥ Ley

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    1. Der Fairness halber muss ich anmerken, dass Satre keine tragende Rolle in der Geschichte hat und nur eine kleine Randfigur ist. Aber vor allem, wenn man seine Theorien kennt, kann man erkennen, wie stark sie die Konzeption des Textes darauf bezieht - nur halt auf einer übergeordneten Ebene.
      Falls dich das jetzt nicht verschreckt hat, bin ich sehr froh darüber, dass das Buch auf deiner Liste steht. Halte mich auf dem Laufenden, wenn du es liest! :)

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