22.06.2016

[Rezi] Jojo Moyes - Eine Handvoll Worte

11:58 0 Comments
Erscheinungsjahr: 2013
Originaltitel: The last letter from your lover
Genre: Liebesroman
Seitenzahl: 575


Teaser:
Sie will den ganzen Kram schon in den Mülleimer werfen, als ihr Blick auf einen hellblauen Zipfel fällt. Sie zieht mit Zeigefinger und Daumen daran und bringt einen handbeschriebenen Umschlag zum Vorschein. Er ist geöffnet worden, und der Brief darin trägt das Datum 4. Oktober 1960.



Handlung
Die Rolle der perfekten kleinen Ehefrau hat Jennifer Sterling perfektioniert: sie ist wunderschön, immer gut gekleidet und zurecht gemacht und beschäftigt sich mit den Dingen, die der Gattin eines reichen und erfolgreichen Mannes gebühren: Dinnerparties veranstalten, Kontakte pflegen und ein präsentables Anhängsel ihres Mannes sein. Dafür hat sie einen hohen Lebensstandart und materielle gesehen fehlt es ihr an nichts. Doch dann tritt auf einer dieser Abendgesellschaften Anthony O'Hare in ihr Leben. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen und Jennifer beginnt an ihrem gesamten Leben zu zweifeln. Anthony ist Reporter für eine renommierte Zeitung in London und kann unglaublich gut mit Worten umgehen. So schreibt er Jennifer mehr als einen Liebesbrief - bis er sie in einem letzten schließlich bittet, ihr bequemes Leben aufzugeben und stattdessen mit ihm nach Amerika zu gehen.

Mehr als 40 Jahre später findet Ellie diesen Brief; allerdings ohne Kontext, Verfasser oder Adressaten zu kennen. Doch sie ist sofort von der Intensität der Worte angetan und macht sich an die Recherchearbeit. Zum Einen, weil sie ihn für brauchbares Material zu einem Artikel hält, hauptsächlich aber, weil sie wissen muss, wie es mit den beiden Unbekannten weitergegangen ist. Sie selbst befindet sich nämlich ebenfalls in einer aussichtslos erscheinenden Beziehung mit einem verheirateten Mann und hofft sowohl für den Briefschreiber, mehr noch aber für sich selbst auf ein Happy End.

Meine Meinung
Eigentlich weiß ich ja, dass gehypte Bücher oftmals nicht wirklich meinen Geschmack treffen. Und gehypte Bücher, deren Handlung teilweise doch arg ins romantische (um nicht zu sagen: kitschige) abdriften schon mal gar nicht. Hin und wieder habe ich aber dennoch das Bedürfnis, mich von diesem Umstand erneut zu überzeugen. Außerdem muss man ja auch mitreden können. Also landete dieser schicke Liebsroman auf meiner Leseliste. Und um vorab ein Kurzfazit zu ziehen: er war einfach zu lang. 200 Seiten weniger hätten nicht nur dem Lesefluss, sondern vor allem auch der Geschichte gut getan. Und meinem Gemüt.

Erst einmal ist der Aufbau der Geschichte ein wenig verwirrend. Erzählt werden im Grunde zwei Geschichten von zwei Frauen, die sich durch die Liebesbriefe Anthonys treffen. Dabei nimmt der Story Jennifers in den 1960ern mit Abstand den größten Raum ein, wobei allerdings innerhalb dieses Handlungsstrangs nochmal diverse anachronistische Kniffe eingebaut sind, die für einen äußerst verworrenen dramaturgischen Aufbau sorgen. Inceptionmäßig haben wir hier nämlich Rückblenden in Rückblenden, die allerdings teilweise unvollständig sind. Und dazu kommt noch, dass manchmal die selbe Begebenheit sowohl aus Jennifers als auch aus Anthonys Sicht erzählt wird, was weniger verwirrend, als vielmehr etwas ermüdend ist.
Grundsätzlich bietet die Dreieckskonstellation aus Ehepaar und Geliebtem innerhalb der gehobenen Gesellschaft der 1960er Jahre eine gute Fläche, um die Entwicklung der Frauenrolle zu beleuchten. Rudimentär geschieht das auch, denn Jennifer entpuppt sich tatsächlich als relativ starker Charakter. Diese Stärke muss sie allerdings erst in einem schwierigen Prozess finden. Zumal noch einige andere widere Umstände im Weg stehen.

Zurück in der Gegenwart setzen wir uns mit Elli auseinander, die völlig verliebt ist in John. John mit einer Ehefrau und zwei Kindern. John, der diese Familie garantiert nicht verlassen wird. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Ellie regt mich auf. Nicht nur, dass sie an dieser aussichtslosen Beziehung festhält, sie vernachlässigt dafür ihren Job. Und es ist nicht irgendein Job, sondern ihr Traumberuf als Journalistin, für den sie hart gearbeitet hat und auf den sie sich wegen der emotionalen Krisen nicht mehr konzentriert. So wenig, dass ihre Chefin sie langsam tatsächlich auf dem Kieker hat. 
Aber auch Ellie hat die Chance, sich weiterzuentwickeln und tut das glücklicherweise auch. Jennifer und ihre Geschichte, der sie mehr und mehr auf die Spur kommt, helfen ihr auf jeden Fall sehr dabei. Direkt wie indirekt sind also die Briefe der Dreh- und Angelpunkt beider Geschichten.

Zur konzeptionellen Idee, die einzelnen Kapitel mit letzten Worten von Beziehungen einzuleiten, kann ich nur sagen, dass sie irgendwie ganz nett ist. Also eigentlich total unnötig. Es sind profane Botschaften, die zerbrochene Beziehungen beschreiben und in totalem Kontrast zu den mit Liebesbekundungen gefüllten Kapiteln stehen. Außerdem haben sie inhaltlich keinen Zusammenhang mit der Geschichte - sehen wir davon ab, dass Ellie Briefe findet und es auch in diesen letzte Worte gibt. Die Worte der Briefe würde ich aufheben, eine Schluss-Mach-SMS wohl eher weniger. Einzig das Plädoyer für das haptisch greifbare geschriebene Wort mochte ich an diesen Textstellen. 

Die Figuren an sich sind vermutlich weniger klischeehaft gestaltet als in anderen Romanen dieses Genres. Trotz allem haben mich die Stereotype - wobei meiner Meinung nach ausschließlich Jennifer überraschenderweise kein solcher ist - ein wenig gestört. Vor allem die Nebencharaktere sind mehr oder weniger lieblos und völlig starr gestaltet. 
Und dann der Schreibstil. Eigentlich sehr solide, wären da nicht diese endlosen und ausschweifenden Beschreibungen völlig irrelevanter Details, bei deren Kürzung man locker 100 Seiten hätte einsparen können. Ja, es ist schön, wenn man ein genaues Bild der Figuren und deren Umgebung zeichnet. Aber bis ins Kleinste muss das wirklich nicht beschrieben werden, wenn die einzige Intention dabei die ist, eben zu beschreiben. Wäre noch ein wenig Symbolik enthalten, würde ich ja durchaus Zugeständnisse machen. Aber so bin ich da doch ein wenig ungnädig.

Insgesamt also eher ein Reinfall für mich. Ordentliche Ansätze, aber einfach für mich sehr unspannend umgesetzt. 2 Wölkchen von mir.


07.06.2016

[Rezi] Oscar Wilde - Das Bildnis des Dorian Gray

22:01 8 Comments
Erscheinungsjahr: 2006 (Erstausgabe 1890)
Originaltitel: The Picture of Doran Gray
Genre: Roman
Seitenzahl: 298


Teaser:
Dorian gab keine Antwort, sondern ging, ohne hinzuhören, auf das Bild zu. Als er es sah, trat er zurück, und seine Wangen erröteten einen Augenblick vor Vergnügen. Ein Ausdruck der Freude kam in seine Augen, als ob er sich zum ersten Mal selbst gesehen hätte.




Handlung
Die Grundzüge der Geschichte um den für immer jung bleibenden Dorian Gray sind den meisten vermutlich geläufig. Der Maler Basil Hayward kreiert nach Dorians Modell ein meisterliche Porträt. Es ist ein Bild, dass das Wesen seiner Vorlage auf zauberhafte Weise widerspiegelt und dessen Unberührtheit, Jungend und Unschuld perfekt einfängt. Leider bleibt dieser Zustand nicht bestehen - weder bei Dorian selbst, noch bei seinem Bild. Dank einer Unterhaltung mit Lord Henry Wotton, einem Freund Basils, wünscht sich Dorian nämlich nichts sehnlicher, als dass nicht sein eigener Körper altern und die Zeichen des Lebens tragen möge, sondern lediglich das Bild. Dieser Wunsch geht in Erfüllung. Und weil Dorian dank seines lieblichen Äußeren in der Gesellschaft mehr oder weniger tun kann, was er möchte, testet er die Grenzen der Konventionen aus und übertritt diese regelmäßig. Mehr als eine Person führt er ins Verderben und doch bleibt er selbst völlig unberührt. Lediglich sein Porträt wird hässlicher und hässlicher, sodass er es irgendwann selbst nicht mehr betrachten kann, ohne vor seinem grässlichen Seelenleben verschreckt zu sein.

Meine Meinung
Mein erster Oscar Wilde sollte unbedingt dieser absolute Klassiker sein. Ich dachte, wenn mich ein Buch an diesen Autoren heranführen kann, dass dieses. Und ich hatte Recht.

Schon alleine das Setting macht bei mir unendlich viele Pluspunkte. Aus Gründen, die mir selbst nicht bewusst sind, liebe ich Geschichten, die in London spielen. Und genau dort sind wir auch. In der gesellschaftlichen Oberschicht, um genau zu sein. Dorian Gray bewegt sich in sehr elitären Kreisen und hält sich selbst für etwas sehr besonderes - nicht zuletzt, weil ihm jeder sagt, wie wunderschön und besonders er ist. Vor allem der zynische Henry hat einen Narren an Dorian gefressen und wird nicht müde, ihn mit seinen sehr speziellen Lebensweisheiten zu füttern.

Tatsächlich finde ich Henry als Figur wesentlich interessanter und spannender als Dorian. Der ist für mich irgendwie der arme kleine Junge geblieben, dessen Handeln in einer sehr oberflächlichen Gesellschaft immer ohne Konsequenzen geblieben ist und der deshalb immer weiter die moralische Leiter hinabsteigt, bis er schließlich an sich selbst und seinem Narzissmus scheitert. Henry dagegen hat zu allem eine Meinung - und die artikuliert er höchst eloquent. Dennoch kann diese Wortgewandtheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Ansichten sehr ins Extreme neigen und eigentlich von einer gewissen Lebens-Müdigkeit und Morbidität sprechen. Er ist meiner Meinung nach wesentlich komplexer angelegt als Dorian, den er mit seinen Reden auf Abwege bringt.

Spannend fand ich auch, dass es in diesem Buch keinen wirklichen Sympathieträger gibt. Abgesehen von Basil vielleicht, sind alle Figuren absolut keine liebenswerten Charaktere. Auch, wenn sie sich durchaus dafür halten. Aber dennoch bieten sie einiges an Identifikationsfläche und ich kann mir vorstellen, durchaus einen Hauch Katharsis-Wirkung bei der Lektüre verspürt zu haben.

Der Sprachstil ist äußerst wortgewaltig und schnörkelig - absolut passend zur Atmosphäre, den Charakteren und der Thematik.
Insgesamt vergebe ich 5 Wölkchen für diesen vor allem gegen Ende sehr starken Klassiker.