07.06.2016

[Rezi] Oscar Wilde - Das Bildnis des Dorian Gray

Erscheinungsjahr: 2006 (Erstausgabe 1890)
Originaltitel: The Picture of Doran Gray
Genre: Roman
Seitenzahl: 298


Teaser:
Dorian gab keine Antwort, sondern ging, ohne hinzuhören, auf das Bild zu. Als er es sah, trat er zurück, und seine Wangen erröteten einen Augenblick vor Vergnügen. Ein Ausdruck der Freude kam in seine Augen, als ob er sich zum ersten Mal selbst gesehen hätte.




Handlung
Die Grundzüge der Geschichte um den für immer jung bleibenden Dorian Gray sind den meisten vermutlich geläufig. Der Maler Basil Hayward kreiert nach Dorians Modell ein meisterliche Porträt. Es ist ein Bild, dass das Wesen seiner Vorlage auf zauberhafte Weise widerspiegelt und dessen Unberührtheit, Jungend und Unschuld perfekt einfängt. Leider bleibt dieser Zustand nicht bestehen - weder bei Dorian selbst, noch bei seinem Bild. Dank einer Unterhaltung mit Lord Henry Wotton, einem Freund Basils, wünscht sich Dorian nämlich nichts sehnlicher, als dass nicht sein eigener Körper altern und die Zeichen des Lebens tragen möge, sondern lediglich das Bild. Dieser Wunsch geht in Erfüllung. Und weil Dorian dank seines lieblichen Äußeren in der Gesellschaft mehr oder weniger tun kann, was er möchte, testet er die Grenzen der Konventionen aus und übertritt diese regelmäßig. Mehr als eine Person führt er ins Verderben und doch bleibt er selbst völlig unberührt. Lediglich sein Porträt wird hässlicher und hässlicher, sodass er es irgendwann selbst nicht mehr betrachten kann, ohne vor seinem grässlichen Seelenleben verschreckt zu sein.

Meine Meinung
Mein erster Oscar Wilde sollte unbedingt dieser absolute Klassiker sein. Ich dachte, wenn mich ein Buch an diesen Autoren heranführen kann, dass dieses. Und ich hatte Recht.

Schon alleine das Setting macht bei mir unendlich viele Pluspunkte. Aus Gründen, die mir selbst nicht bewusst sind, liebe ich Geschichten, die in London spielen. Und genau dort sind wir auch. In der gesellschaftlichen Oberschicht, um genau zu sein. Dorian Gray bewegt sich in sehr elitären Kreisen und hält sich selbst für etwas sehr besonderes - nicht zuletzt, weil ihm jeder sagt, wie wunderschön und besonders er ist. Vor allem der zynische Henry hat einen Narren an Dorian gefressen und wird nicht müde, ihn mit seinen sehr speziellen Lebensweisheiten zu füttern.

Tatsächlich finde ich Henry als Figur wesentlich interessanter und spannender als Dorian. Der ist für mich irgendwie der arme kleine Junge geblieben, dessen Handeln in einer sehr oberflächlichen Gesellschaft immer ohne Konsequenzen geblieben ist und der deshalb immer weiter die moralische Leiter hinabsteigt, bis er schließlich an sich selbst und seinem Narzissmus scheitert. Henry dagegen hat zu allem eine Meinung - und die artikuliert er höchst eloquent. Dennoch kann diese Wortgewandtheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Ansichten sehr ins Extreme neigen und eigentlich von einer gewissen Lebens-Müdigkeit und Morbidität sprechen. Er ist meiner Meinung nach wesentlich komplexer angelegt als Dorian, den er mit seinen Reden auf Abwege bringt.

Spannend fand ich auch, dass es in diesem Buch keinen wirklichen Sympathieträger gibt. Abgesehen von Basil vielleicht, sind alle Figuren absolut keine liebenswerten Charaktere. Auch, wenn sie sich durchaus dafür halten. Aber dennoch bieten sie einiges an Identifikationsfläche und ich kann mir vorstellen, durchaus einen Hauch Katharsis-Wirkung bei der Lektüre verspürt zu haben.

Der Sprachstil ist äußerst wortgewaltig und schnörkelig - absolut passend zur Atmosphäre, den Charakteren und der Thematik.
Insgesamt vergebe ich 5 Wölkchen für diesen vor allem gegen Ende sehr starken Klassiker.


Kommentare:

  1. Guten Morgen :)

    Das ist auch eines der Bücher, die ich unbedingt irgendwann einmal lesen möchte. Leider verlässt mich bei vielen Klassikern mittendrin der Elan - der SuB und die Bücherei locken mit so vielen anderen. Aber nachdem ich "Die Schatzinsel" neulich geschafft habe und super begeistert war, sollte ich mich nach der tollen Rezi vielleicht doch auch mal an Dorian Gray heran wagen :D

    Liebe Grüße
    Ivy

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    1. Das Problem haben wir wohl alle! :D Aber es lohnt sich wirklich sehr, an dem Buch dranzubleiben - tatsächlich war es auch zuerst mein Zweitbuch neben meiner eigentlichen Lektüre und wurde dann schnell zum Erstbuch befördert xD

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  2. Ich verstehe dich, ich mag Geschichten, die in London spielen, auch ^^. Generell Geschichten, die im England des 19. Jahrhunderts spielen.
    Ich habe auch versucht Dorian zu meinem ersten Wilde zu machen, aber letztendlich ist es doch "The Importance of Being Earnest" geworden, weil das im Urlaub mal irgendwo rumlag und sich viel leichter lesen lies (und das, obwohl ich Dorian auf deutsch angefangen und Earnest auf englisch gelesen habe).
    Vielleicht sollte ich Dorian nochmal ne Chance geben. Ich bin ja ein großer Fan von Oscar Wildes Zitaten, da sollte ich sein berühmtestes Werk eigentlich auch gelesen haben.

    Liebe Grüße :),
    Charlie

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    1. Haha, willkommen im Club! :)
      Die Zitate sind wirklich mega toll. Allerdings muss ich sagen, dass im Dorian viele dieser Zitate vorkommen, doch im Kontext der Geschichte ziemlich kacke sind! :D Also wirklich, da stehen die Worte plötzlich in einem völlig anderen Licht, das hat mich sehr ernüchtert :D

      Earnest steht auf jeden Fall auch noch auf meiner Liste! :)

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  3. Stimmt, es gibt tatsächlich keine Sympathieträger. So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Mir hat's damals auch gefallen, aber das ist jetzt schon länger her.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Solche Sachen kommen mir auch immer erst beim Schreiben der Rezi in den Sinn! :D Ein Grund, warum ich fast jedes gelesene Buch rezensiere xD

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  4. Das Buch muss ich auch unbedingt noch lesen. Deine Rezension hat das noch einmal bestätigt. :)

    Liebe Grüße,
    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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  5. Das Buch muss ich auch unbedingt noch lesen. Deine Rezension hat das noch einmal bestätigt. :)

    Liebe Grüße,
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