15.08.2016

Kristen Simmons - Artikel 5

Erscheinungsjahr: 2012
Originaltitel: Article 5
Genre: Jugendroman
Reihe: Ember-und-Chase-Reihenfolge
Seitenzahl:428


Teaser:
Die können mich doch unmöglich hier festhalten, bis ich achtzehn bin. Ich hatte mit ein paar Tagen gerechnet oder vielleicht so lange, bis wir das nötige Geld für die Kaution zusammen hatten, aber der achtzehnte Juli war noch fünf Monate entfernt!



Handlung
Strenge Regeln bezüglich einer moralisch korrekten Lebensführung gehören im Amerika der Zukunft zum Alltag. Bücher, deren Inhalt in irgendeiner Weise anstößig oder von der Regierung als verwerflich tituliert wurden, sind ebenso verboten, wie das Missachten der Ausgangssperre nach Einbruch der Dunkelheit oder das Abweichen der traditionellen Geschlechter- und Familienrollen. Wer gegen die Moralstatuten verstößt, wird einkassiert und taucht in der Regel auch nicht wieder auf, außer eventuell auf Fahndungsfotos. Dort hält auch Ember immer wieder nach bekannten Gesichtern aus ihrer Schule Ausschau, nicht ahnend, dass sie in naher Zukunft selbst dort zu finden sein wird. Die Moralmilitz - so nennen Ember und ihre Freunde die Exekutive der Regierung - rückt nämlich aus, um einen neu verabschiedeten Artikel zu vollziehen und dadurch kommen auch Ember und ihre Mutter ins Visier der Strafverfolgung.
Der neue Artikel 5 besagt, dass uneheliche Kinder nun ebenfalls einen Straftatsbestand darstellen. Daher wird Embers Mutter verhaftet und auch Ember wird in eine Art Resozialisierungsanstalt gebracht, in der systematisch Mädchen mit der fanatischen Ideologie geimpft werden. Doch Ember wehrt sich vehement dagegen; sie muss so schnell wie möglich wieder frei kommen, um ihre Mutter zu finden und vor den Strafen des Staates zu retten. Doch das kann sie nur mit Hilfe eines Soldaten der Moralmilitz schaffen: Chase Jennings, mit dem sie gemeinsam aufgewachsen ist und den sie einmal geliebt hat, muss ihr helfen. Obwohl auch er augenscheinlich vom System gefressen wurde und seitdem nicht mehr der ist, den Ember früher kannte.

Meine Meinung
In einem mehr oder weniger typischen Setting - zur Zeit sind negative Zukunftsszenarien ja ziemlich angesagt, wie jeder weiß - entwickelt die Autorin eine gar nicht so sehr typische Geschichte rund um ein unterdrückendes System, Fanatismus und einer totalitären Regierung, in deren Mitte ein Mädchen verzweifelt versucht, ihre Mutter wiederzufinden und sich vor allem nicht selbst zu verlieren.

Besonders stark finde ich die Entwicklung der beiden Protagonisten Chase und Ember. Ember natürlich an erster Stelle, denn sie ist die Ich-Erzählerin und daher in erster Linie die Identifikationsfigur des Romans. Sie wird eigentlich von Kapitel zu Kapitel fester in ihren Ansichten und in ihrer Systemkritik, die ja von vorne herein in ihr und ihrer zur Freidenkerei tendierenden Mutter angelegt war.
Ein bisschen stressig ist zwar die kleine, von vorne herein klare Liebesgeschichte zwischen ihr und Chase, die erstmal daran scheitert, dass Ember sich fragen muss, ob sie Chase vertrauen kann, obwohl er nach seiner Ausbildung zum Soldaten anscheindend ein Stückchen seiner Menschlichkeit verloren hat und dann auch nochmal kompliziert wird, weil Chase eben das von Ember gerne fernhalten will. Um es kurz zu sagen: die beiden haben ein Kommunikationsproblem und sowas regt mich leider ziemlich auf.

Der Schreibstil an sich ist sehr flüssig und gut zu lesen - einem Jugendbuch angemessen, würde ich sagen. Das heißt, man kommt gut durch, auch wenn mir die Flucht von Chase und Ember anfangs ein wenig wie eine endlose Reise vorgekommen ist und ich daher einige Längen überbrücken musste. Schließlich gibt es aber einen zumindest für mich ziemlich überraschenden Wendepunkt, sodass sich zum einen diese Längen erklären und sie vor allem zum anderen wieder ausgeglichen werden.

An und für sich war dieses Buch eine solide Jugendgeschichte, die ihre Höhen und Tiefen hatte. Dennoch hat es mich nicht so überzeugt, dass ich mir die Fortsetzungen unbedingt holen muss. Ganz knappe 3 Wölkchen gibt es von mir.


09.08.2016

[Gerede] Das Licht am Ende des Tunnels

Manchmal treffe ich alte Freunde oder Bekannte. Das tut man wohl so, wenn man schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und man selbst (oder die betreffenden Leute weggezogen) ist und mit Studium/Beruf/Beziehung/Verantwortung für das eigene Leben so viel zu tun hat, dass manche Kontakte leider auf der Strecke bleiben.
Umso schöner ist es dann, sich hin und wieder Zeit für jemanden zu nehmen, der einmal eine präsentere Rolle im eigenen Leben gespielt hat, und sich gegenseitig upzudaten.

Bei einem solchen Treffen mit einer ehemaligen, sehr lieb gewonnen Kollegin hörte ich einen Satz, der mich empathisch gesehen sehr erschreckt hat - quasi für sie mitfühlend - und persönlich gesehen nach wie vor sehr beschäftigt:

"Ich lebe eigentlich von Wochenende zu Wochenende."

So banal er klingt, so lapidar wurde er auch daher gesagt. Tatsächlich ist mir bewusst, dass es vielen Leuten so geht und meine Kollegin ist mit dieser Situation auch überhaupt nicht unzufrieden. Ihre Wochenenden sind voll spannender Trips oder Aktionen, die sie komplett ausfüllen. An sich mag sie auch ihren Job, nur findet sie in ihrem Alltag wohl mehr Langeweile als Lebensfreude, sodass die Wochenenden einfach ihre Lichtblicke und Anker sind.

Obwohl sie also ausgeglichen und fröhlich wirkt und das nach eigener Aussage auch ist, rückte sie die oben zitierte Aussage für mich in ein völlig anderes Licht. Denn so möchte ich mich niemals fühlen. So, als wären meine alltäglichen Tätigkeiten zwar ganz nett aber ausschließlich zweckmäßig und nicht erfüllend. So, als würde ich nur am Wochenende im Freizeitpark oder bei einem Ausflug ans Meer wirklich schöne Dinge erleben.
Ich will, dass jeder Tag - oder zumindest doch die meisten - mindestens eine kleine Sache hat, bei der ich sagen kann: "Jepp. Das Aufstehen hat sich gelohnt". Und diesen Lohn will ich sofort und nicht nach fünfmaligem Aufstehen für zwei Tage gesammelt.
Das heißt nicht, dass ich utopische Erwartungen an den perfekten Job habe. Und auch nicht, dass Bügeln plötzlich die Erfüllung meiner größten Träume sein soll. Aber ich will eben weiterhin schätzen können, was ich tue. Auch, wenn es profan ist und wenig aufregend. 

Vermutlich hat meine ehemalige Kollegin mich deshalb so schockiert, weil sie mit ihrer Aussage unbewusst unsere divergierende innere Haltung bezüglich des Werts eines Alltags zum Ausdruck gebracht hat. Sie will ihn hinter sich bringen. Ich will ihn wertschätzen.
Auch ich mag Abwechslung. Aber mit einer Quote von 5 zu 2 bin ich nicht zufrieden. Da freue ich mich doch lieber außerdem noch auf die Arbeit (oder zumindest die netten Gespräche mit den Kollegen), mein leckeres, selbst gekochtes Essen und vor allem auf die Menschen, mit denen ich meinen Feierabend verbringe. Mein Alltag soll kein Tunnel mit dem Wochenende als Lichtblick sein. Er soll von alleine hell genug sein. Und ich glaube, mit dieser Einstellung wird er das auch bleiben.