09.08.2016

[Gerede] Das Licht am Ende des Tunnels

Manchmal treffe ich alte Freunde oder Bekannte. Das tut man wohl so, wenn man schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und man selbst (oder die betreffenden Leute weggezogen) ist und mit Studium/Beruf/Beziehung/Verantwortung für das eigene Leben so viel zu tun hat, dass manche Kontakte leider auf der Strecke bleiben.
Umso schöner ist es dann, sich hin und wieder Zeit für jemanden zu nehmen, der einmal eine präsentere Rolle im eigenen Leben gespielt hat, und sich gegenseitig upzudaten.

Bei einem solchen Treffen mit einer ehemaligen, sehr lieb gewonnen Kollegin hörte ich einen Satz, der mich empathisch gesehen sehr erschreckt hat - quasi für sie mitfühlend - und persönlich gesehen nach wie vor sehr beschäftigt:

"Ich lebe eigentlich von Wochenende zu Wochenende."

So banal er klingt, so lapidar wurde er auch daher gesagt. Tatsächlich ist mir bewusst, dass es vielen Leuten so geht und meine Kollegin ist mit dieser Situation auch überhaupt nicht unzufrieden. Ihre Wochenenden sind voll spannender Trips oder Aktionen, die sie komplett ausfüllen. An sich mag sie auch ihren Job, nur findet sie in ihrem Alltag wohl mehr Langeweile als Lebensfreude, sodass die Wochenenden einfach ihre Lichtblicke und Anker sind.

Obwohl sie also ausgeglichen und fröhlich wirkt und das nach eigener Aussage auch ist, rückte sie die oben zitierte Aussage für mich in ein völlig anderes Licht. Denn so möchte ich mich niemals fühlen. So, als wären meine alltäglichen Tätigkeiten zwar ganz nett aber ausschließlich zweckmäßig und nicht erfüllend. So, als würde ich nur am Wochenende im Freizeitpark oder bei einem Ausflug ans Meer wirklich schöne Dinge erleben.
Ich will, dass jeder Tag - oder zumindest doch die meisten - mindestens eine kleine Sache hat, bei der ich sagen kann: "Jepp. Das Aufstehen hat sich gelohnt". Und diesen Lohn will ich sofort und nicht nach fünfmaligem Aufstehen für zwei Tage gesammelt.
Das heißt nicht, dass ich utopische Erwartungen an den perfekten Job habe. Und auch nicht, dass Bügeln plötzlich die Erfüllung meiner größten Träume sein soll. Aber ich will eben weiterhin schätzen können, was ich tue. Auch, wenn es profan ist und wenig aufregend. 

Vermutlich hat meine ehemalige Kollegin mich deshalb so schockiert, weil sie mit ihrer Aussage unbewusst unsere divergierende innere Haltung bezüglich des Werts eines Alltags zum Ausdruck gebracht hat. Sie will ihn hinter sich bringen. Ich will ihn wertschätzen.
Auch ich mag Abwechslung. Aber mit einer Quote von 5 zu 2 bin ich nicht zufrieden. Da freue ich mich doch lieber außerdem noch auf die Arbeit (oder zumindest die netten Gespräche mit den Kollegen), mein leckeres, selbst gekochtes Essen und vor allem auf die Menschen, mit denen ich meinen Feierabend verbringe. Mein Alltag soll kein Tunnel mit dem Wochenende als Lichtblick sein. Er soll von alleine hell genug sein. Und ich glaube, mit dieser Einstellung wird er das auch bleiben.

Kommentare:

  1. Ein interessanter Post und ein wichtiges Thema, wie ich finde.
    Ich hatte während meines FSJs auch mal so eine Phase, wie deine ehemalige Kollegin sie beschreibt, und fand sie schrecklich. Denn je weniger Bock ich auf die Arbeit hatte und je mehr ich das Ende des Arbeitstages herbeisehnte, desto später schien es zu kommen.
    Und wie du schon sagst, man muss ja seinen Job nicht lieben, aber trotzdem sollte es auch im Alltag kleine Dinge geben, über die man sich freuen kann.
    Ich bin auch froh, dass ich aus der Phase wieder raus bin.

    Liebe Grüße,
    Charlie

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  2. Klar, ist das nicht das, was man sich so im Allgemeinen vorstellt. Ich würde mir auch wünschen, dass ich einen Job hätte, der so spannend ist, dass ich total in ihm aufgehen kann. Aber ehrlich gesagt, bevor ich gar keinen Job habe (so wie jetzt) - hätte ich lieber einen Job, bei dem ich dann das Wochenende genieße. ;)

    Liebe Grüße,
    Eva

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  3. Eine super tolle Ansicht und du hast Recht! Ich erwische mich selbst auch oft ein bisscchen dabei, dass ich denke, dass ich so richtig lebe nur am Wochenende und dann bemerke ich, wie großer Quatsch das ist. Ich habe einen wundervollen Menschen an meiner SEite, fühle mich Zuhause wohl und arbeite auch meistens an Dingen, die mir Freude bereiten und machen. Mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten ist genau das, was ich machen möchte und ich bin super glücklich, dass ich hier arbeiten darf. Das alles darf man nicht vergessen, wenn man sich Tage wünscht, an denen man Pflichten ein kleines bisschen vernachlässigen kann gegenüber dem Alltag. Das ist tatsächlich ein großes Thema gerade für mich, wie ich mir den Alltag so richtig bewusst und schön machen und erleben kann. Danke für den tollen Text. Er regt mich sehr zum Nachdenken an - in einem ganz positiven Sinn.

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