18.10.2017

Der Jane Austen Club (2007)

07:30 0 Comments

Echte Jane-Austen-Liebhaber wissen: Ihre Romane enthalten mehr als nur fesselnde Geschichten und interessante Charaktere. Die Figuren, die Jane Austen entworfen hat, sind vielfältig; charmante, hinterlistige, liebenswerte, verschlagene oder einfach komplette Hohlbrote treten in den unterschiedlichsten Konstellationen auf und machen aus jeder Handlung etwas ganz besonderes. Und die Handlungen selbst sind - wenn man hinter das Standartschema des Settings blickt - so facettenreich, dass es viele verschiedene Lesarten gibt. Man kann sich auf die Beziehungsgeflechte fokussieren und eine herzzerreißende Liebesgeschichte lesen. Oder man setzt die starken Frauencharaktere in den Kontext der Zeit und bewundert die Geschichten als emanzipatorischen Akt. Oder, oder, oder.

Dank dieser vielen "oders" hat der Jane Austen Club einiges zu diskutieren. Die Besetzung ist handverlesen und besteht nur aus eingefleischten Lesern Jane Austens und solchen, die es werden wollen. Jocelyn höchstpersönlich hat die Gruppe zusammengestellt, die sich nun monatlich in bei einem anderen Mitglied trifft, um jeweils ein anderes Buch der geliebten Autorin durchzusprechen. Dabei könnte die Lesetruppe heterogener nicht sein: da hätten wir die frisch getrennte Hausfrau und deren künstlerisch und handwerklich sehr begabte Tochter, die nach Außen hin recht aggressiv ihre Homosexualität postuliert. Diese beiden treffen zusammen mit einer jungen, unsicheren Lehrerin, einer lebenserfahrenen Romantikerin und einem charmanten Science-Fiction-Fan - selbiger ist auch das einzige männliche Mitglied des Leseclubs. Jocelyn selbst ist eine unabhängige und selbstständige Frau, die sich in der Hundezucht einen Namen gemacht hat.
So verschieden sie alle auch sein mögen, verbindet sie doch das Interesse und die Leidenschaft für Jane Austens Werke. Daher gibt es natürlich viel zu besprechen.

Diese Besprechungen nehmen einen nicht unerheblichen Teil der Geschichte ein, stehen aber dennoch in einem harmonischen Verhältnis zur eigentlichen Handlung.
In der müssen alle Charaktere durch die eine oder andere emotionale Konfliktsituation, sodass erstens der Lesekreis langsam auch zu einem Freundeskreis zusammenwächst und zweitens die Figuren nicht so rollenstereotypisch wie am Anfang dargestellt bleiben, sondern alle eine Entwicklung durchmachen und gewissermaßen mit Hilfe von Jane Austens Romanen und des Lesekreises wachsen.
Diese Idee finde ich sehr sehr schön, auch wenn die Story an sich nicht besonders komplex gehalten ist. Dennoch ist sie gut geschrieben - locker und flüssig - und mit schön ausgearbeiteten Figuren bestückt. Für mich war es eine ideale Urlaubslektüre, die sowohl leicht zu lesen als auch für erneute Austen-Lektüren sehr anregend ist. Da sich inhaltlich sehr stark mit den Werken der Autorin auseinandergesetzt wird, bringt dieses Buch wohl umso mehr Spaß, je besser man die behandelten Werke kennt. Dennoch ist es nicht nur für Jane-Austen-Kenner empfehlenswert, sondern auch für solche, die es werden wollen! 

11.10.2017

Von Asketen, Buddah und Minimalismus

07:30 0 Comments
Es ist ja schon ein wenig länger her, dass überall auf Youtube und auch in der Bloggerwelt eine asketenähnliche Bewegung um sich gegriffen hat, die ein Zeichen gegen die kapitalismusgeprägte Konsumgesellschaft setzten möchte, indem sie auf alles vermeintlich Unnötige verzichtet.
Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, platzieren sich verschiedene Leute in der Mitte ihres ausgebreiteten Krimskrams und misten diesen nach dem Marie-Kondo-Prinzip aus. Ohne dem Kind einen Namen zu geben und sich einfach ohne großen Aufriss von einem wenig bis gar nicht genutzten Eigentum zu trennen, scheint in dieser profilierungsorientierten Welt nicht möglich zu sein. Daher rühren vermutlich auch die unterschiedlichen Level an gelebtem Minimalismus. Manche werfen bloß die Hälfte ihrer 30 Mascaras in die Tonne und fühlen sich gleich viel leichter und dem Konsum enthoben. Andere empfinden allein die Anwesenheit eines Bettgestells noch so erdrückt, dass sie dieses lieber auch gleich wegrationalisieren und auf einer  ausgebreiteten Rollmatratze schlafen. Ob ihr Rücken in zehn Jahren darüber auch so glücklich sein wird wie jetzt ihre entrümpelte Psyche, wage ich zu bezweifeln.

Nun habe ich ja wirklich nichts gegen das Ausmisten an sich. Im Gegenteil - nicht fühlt sich befreiender an, als Zeug, das man sowieso nicht braucht/benutzt/mag/etc. zusammenzupacken und aus seinem Leben zu entfernen. Ob durch wegwerfen, verschenken oder verkaufen - daran sehe ich absolut nichts problematisches. Ich selbst mache ungefähr alle zwei Jahre eine Ausmist-Großaktion und fühle mich danach ebenfalls federleicht und ausgemistet. Bloß das Lebenskonzept des bewussten Verzichts auf quasi alles stimmt mich etwas skeptisch. Vor allem, wenn man vorher massenweise Klamotten erstmal weggeben oder im schlimmsten Fall wegwerfen muss. Nicht nur, dass dabei der Grundgedanke des Minimalismus durch diese Verschwendung par excellence ziemlich ad absurdum geführt wird, sollte man sich vielleicht vorher fragen, warum man überhaupt den Drang verspürt hat, soviel zu kaufen und zu horten. Wenn man dieses Problem nicht an der Wurzel packt, steht man spätestens beim nächsten Modetrend oder bei der übernächsten Limited Edition eines beliebigen Make-Up-Herstellers doch wieder voll bepackt an der Kasse.

Aber nehmen wir mal an, jemand startet schon mit einem sehr reduzierten Kleiderschrank aus 20 Einzelteilen in das neue Lebensprinzip - was ist eigentlich mit den praktischen Aspekten der Haushaltsführung? Wie wird die Waschmaschine voll und habe ich dann mal zwei Tage nichts zum Anziehen, weil alles, was ich besitze, auf dem Wäscheständer hängt? Oder wasche ich nur mit halber Füllung und verschwende Strom, Wasser und irgendwie auch Zeit? Und sieht man sich nicht furchtbar schnell satt, wenn man nur fünf T-Shirts zur Auswahl hat? Das Tolle an Mode ist doch die Möglichkeit der Variation, der vielen Ausdrucksmöglichkeiten! Und wenn ich ein Kleid nur einmal alle zwei Jahre trage, weil ich mich zwischendrin nicht danach fühle, warum sollte ich es wegwerfen? Weil mir irgendjemand aus dem Internet sagt, alles was man ein Jahr nicht getragen hat, zieht man sowieso nie wieder an? Was wäre, wenn meine Mutter vor 20 Jahren alle Klamotten aus den 90ern weggeworfen hätte? Was ich jetzt alles durch Auftragen an Geld spare, kann ein Minimalist nie wieder einholen, selbst wenn er nur ein Trend-Teil pro Saison im Kleiderschrank duldet. Lieber darf ein Kleidungsstück ein wenig den Schrank hüten, als dass ich mir später irgendwann ein neues ähnliches Teil zulegen muss. 

Außerdem hänge ich an meinen Sachen. Viele selbsternannte Minimalisten fotografieren Gegenstände mit für sie sentimentalem Wert ja ganz gerne ab, bevor sie diese in die Tonne kloppen. Was bedeutet, ein Großteil ihres Lebens ist im Grunde ein digitaler Datenhaufen in irgendeiner Cloud oder auf einer Festlatte.
Bei allem Fortschrittsglauben. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass mein Zuhause eine Geschichte erzählt - das Kuscheltier meiner Kindheit so sehr wie meine ersten Tanzschuhe, das Abi-Shirt, die Ohrringe aus Marseille oder der Fächer aus Barcelona. Daran hängen Anekdoten, Erinnerungen und Erlebnisse. Gäste sollen sich bei mir umschauen und fragen können, aus welchem Buchladen in London ich diese Ausgabe von George Orwells "1984" erstanden habe und nicht eine angebliche Bewunderung darüber ausdrücken, dass sich in meinem Wohnzimmer kein belastendes Sofa befindet.

Wie im Buddhismus der mittlere Pfad der edle Pfad ist, bin auch ich eine Verfechterin der Mitte. Man braucht kein Messi zu sein, der sich nicht von keiner Aldi-Tüte trennen kann. Aber dieses Asketentum der Minimalisten ist nur die andere Seite der Medaille und daher ebenfalls einen kritischen Blick wert.

03.10.2017

Büchernostalgie. Von Traummalerei und Waldschraten

09:00 2 Comments
Bei einem etwas längeren Besuch bei meinen Eltern sind mir zufällig einige Bücher in die Hände gefallen, die ich als Kind immer und immer wieder gelesen habe. So oft und so gerne, dass diese Bücher mittlerweile nicht nur fast auseinanderfallen, sondern ich sie im Grunde auswendig aufsagen konnte - und das zum Leidwesen meiner Familie auch oft und gerne getan habe.

Vor allem an die Bücher von Paul Maar erinnere ich mich mit am liebsten. Wer kennt nicht sein kleines, freches und dennoch charmantes Sams? Aber auch, wenn dieses knuddelige Wünscheerfüllwesen Paul Maars bekannteste Schöpfung ist, war früher mein absolutes Lieblingsbuch doch "Lippels Traum". Als ich in der dritten Klasse war, bekam ich dieses Buch geschenkt und habe es gleich danach und viele weitere Male regelrecht verschlungen. Sei es, weil der Protagonist darin ein lesesüchtiger und traumtänzerischer Junge ist, oder weil Paul Maar so wunderbar einfühlsam und kindgerecht schrieb und ich mich einfach komplett verstanden fühlte. Denn genau wie Lippel auch habe ich oft mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke bis in die Abendstunden in dem Buch gelesen; immer wieder fasziniert von der Kreativität des Buches. Grob gesagt geht es darum, dass Lippel - eigentlich Phillipp, aber so wird er nie genannt - jede Nacht das Gleiche träumt. Aber es ist nicht irgendein Traum, es ist vielmehr eine Geschichte, die jede Nacht weitergeht und die sich so real für ihn anfühlt, dass er bald kaum noch zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann.
Bei neuerlichem Durchblättern muss ich sagen, dass die Geschichte auch für mich als Erwachsene nichts von ihrem Zauber eingebüßt hat und noch mindestens genauso viel Charme und Magie versprüht wie früher.

Eine ganz andere und vermutlich wesentlich skurrilere Geschichte enthält mein wohl allererstes Lieblingsbuch. Wie oft kam meine Mutter Abends zu mir ins Schlafzimmer und hat mich unter starkem Protest dazu gezwungen, das Buch aus der Hand zu legen und zu schlafen - damals kannte ich leider den Taschenlampen-Trick noch nicht.
In "Müffi die Schmuddelhexe" von Kaye Umansky geht es um eine kleine, sehr unordentliche Hexe, die leider aus ihrer Wohnung ausziehen muss, weil ihr die ortsansässigen Waldschrate zu sehr auf die Nerven fallen. Da wird doch direkt deutlich, dass ich auch damals schon das komplette Gegenteil von einem Rosa-Glitzer-Mädchen war. Meine Heldin war nicht Barbie, sondern eine im Wald lebende, strubbelige Hexe mit einer Aversion gegen das Waschen und einem frechen Hamster als Haustier. Kein Wunder, dass ich mich damit gut identifizieren konnte!

Es ist schon erstaunlich, wie viele Details ich mich plötzlich erinnern konnte, obwohl ich die vollständig Handlung der beiden Geschichten nicht mehr rekonstruieren kann Schließlich liegt das Lesen auch locker 15 Jahre zurück; aber dennoch wurde ich beim Durchblätten nicht nur in die Bücher, sondern auch in meine Kindheit zurück katapultiert. Neben Einzelheiten aus den Geschichten kamen auch längst vergessen geglaubte Erinnerungen aus der Zeit, in der diese Bücher fester Bestandteil meiner Freizeitgestaltung waren, zu mir zurück. Beides habe ich sehr genossen.


Wie ist es bei euch? Was waren eure ersten Lieblingsbücher und erinnert ihr euch genauso an Details aus den Geschichten wie aus eurer eigenen Kindheit? Oder habt ihr erst später mit dem Lesen angefangen?

27.09.2017

Post-Wahl-Depression

08:30 4 Comments
Die Bundestagswahl 2017. 
Wie so oft habe ich auch hierzu diverse innere Diskussionen mit mir selbst geführt. Soll ich dazu etwas schreiben oder nicht? Schließlich bin ich politisch nicht in dem Maße kompetent, dass ich etwas wirklich neues zur allgemeinen Diskussion beisteuern könnte. Aber andererseits kann und darf man nach diesem Ergebnis nicht  einfach wieder zum Alltag übergehen. Das habe ich bereits am Montag nach der Wahl so empfunden, und als ich gerade den eigentlich geplanten Post für heute veröffentlichen wollte, ging es mir wieder ganz genau so. Wie könnte ich jetzt einen Beitrag zu einem Buch oder einem Film online stellen, wenn gerade demokratisch dafür gewählt wurde, dass zukünftig Menschen mit eindeutig nationalsozialistischer Gesinnung im Bundestag sitzen? In unserem Bundestag? Menschen, die den Holocaust als Mythos deklarieren. Menschen, die dafür eintreten, stolz auf die Leistung der Soldaten im zweiten Weltkrieg zu sein. Menschen, die offen eine fremdenfeindlichere, menschenunwürdigere Äußerung nach der anderen tätigen. Solche Menschen sitzen nun im deutschen Parlament. Wieder. 

Ohne überdramatisieren zu wollen, muss ich dazu sagen: es ist eine Katastrophe für dieses Land. Und für mich ganz persönlich fühlt es sich nach gnadenloser Desillusionierung und schwer gebrochenem Herzen an. Es gibt einen erheblichen Prozentsatz an Menschen, die sich bei dieser Wahl dafür entschieden haben, aus irgendwelchen inakzeptablen Gründen diese Partei zu unterstützen. Eine Partei, die verlangt, dass alleinerziehende Mütter ohne Kontakt zum Vater keine Leistungen mehr vom Staat erhalten. Eine Partei, die das Renteneintrittsalter auf 72 Jahre anheben will. Um nur mal ein paar groteske Punkte abseits der Flüchtlingsthematik zu nennen. 
Wir reden hier von einer angeblichen Volkspartei die ein patriarchales Weltbild propagiert und im Grunde nur an eine einzige Gruppe denkt: alte (meinetwegen auch jüngere), weiße Männer. Die ein autoriäres System verlangt und sich hoffentlich auf Grund dieses Platzhirsch-Gerangels sehr bald selbst zerschlägt.

Mein größtes Problem sind nicht einmal die bekennenden Rechten, die ideologisch wirklich hinter dem Programm stehen. Die sind zwar völlig verblendet aber wenigstens noch ehrlich zu sich selbst. 
Was ich wirklich nicht verstehen kann und was mich so unfassbar wütend macht, sind die so genannten Protestwähler, die einfach mal bei der AFD ein Kreuz gesetzt haben. Um es den "etablierten Parteien" mal zu zeigen und "ein Zeichen" zu setzen. Ein Zeichen wofür? Für absolute Ignoranz? Protest wogegen? Gegen Menschlichkeit? Diese Leute haben sich unter Umständen nicht mal fünf Minuten mit dem Wahlprogramm der Partei auseinandergesetzt, die sie gewählt haben. Und lassen mit ihrer Stimme zu, dass Menschen ohne Empathie, ohne Weitsicht und ohne Gewissen in den Bundestag einziehen. Als wäre das hier ein Spiel! Diese Leute sind keine Nazis. Aber sie haben dafür gesorgt, dass Nazis in den Bundestag einziehen. Von den Landtagswahlen in Sachsen 2019 will ich erst gar nicht anfangen. Davor habe ich - und das meine ich wirklich ernst - richtig Angst. Denn ich weiß nicht, wie man diese Tendenz stoppen kann. Ich weiß nur, dass ich maßlos enttäuscht bin. Und obwohl ich nicht gerade ein riesiger Fan von Martin Schulz bin, möchte ich doch mit einem Zitat von ihm schließen:

Die AFD ist keine Alternative. Sie ist eine Schande.

Und eine Schande ist auch dieses Ergebnis.

18.09.2017

Das Mädchen, das den Himmel berührte (2013)

20:07 0 Comments
Als genreübergreifende Leserin steht in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein historischer Roman auf meinem Plan. Dabei habe ich im Idealfall das Gefühl, nicht nur gut unterhalten zu werden, sondern gleichzeitig auch etwas über die geschichtlichen Hintergründe der Zeit zu lernen, in der die Handlung spielt. Jüngst hatte ich also diesen schnuckeligen Wälzer mit dem sehr poetischen Titel in den Händen und habe auch tatsächlich mal wieder viel gelernt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich im Venedig des 16. Jahrhunderts und auch, wenn die Protagonisten fiktive Charaktere sind, spielen doch einige realgeschichtliche Personen und Gegebenheiten eine Rolle. Über Italien zu der Zeit weiß ich recht wenig, sodass ich einfach mal gutgläubig davon ausgehe, dass in groben Zügen die geschichtlichen Fakten im Roman korrekt recherchiert sind. Die wohl interessanteste und gleichzeitig schockierendste Information, die ich bei der Lektüre gelernt und nach der Lektüre auch überprüft habe, ist wohl folgende: Es war tatsächlich in Venedig, dem weltoffenen, unabhängigen Venedig, wo die jüdische Bevölkerung nicht nur gelbe Hüte zur Kennzeichnung ihrer Glaubenszugehörigkeit tragen musste, sondern wo auch das Judenghetto quasi erfunden wurde. Im 16. Jahrhundert mussten im so genannten Ghetto Nuevo alle Menschen jüdischen Glaubens abgekapselt von den restlichen Bewohnern und unter recht beengten Verhältnissen leben. Diese Art der Ausgrenzung und vor allem der Name wurde bekanntermaßen auch in späteren Jahrhunderten übernommen. Das fand ich wirklich extrem erstaunlich, selbst wenn die Menschen innehalb des Ghettos wenigstens von Übergriffen durch die nicht wirklich christlichen Bürger durch Militär geschützt wurde und Angriffe auf Juden immerhin unter Strafe standen. Aber krass ist es trotzdem.

Die Geschichte greift nun ein wenig den Romeo-und-Julia-Stoff auf, indem sie die Jüdin Giuditta und den Christen Mercurio als Liebespaar entwickelt, die durch gesellschaftliche Konventionen voneinander getrennt werden. Und durch die bewachte Mauer, die das Ghetto vom übrigen Venedig abschirmt. Über Nacht war das Tor in der Mauer verschlossen, sodass nur tagsüber ein- und ausgegangen werden kann.
Die Liebesgeschichte der beiden steht im klaren Fokus der Geschichte. Da aber viele Nebenhandlungen mit zeitgenössischen Konflikten existieren, wird glücklicherweise ein wenig vom Schmalz einer Teenagerliebe abgelenkt. Denn die beiden sind wirklich noch sehr jung und zum ersten Mal verliebt - inklusive allen Übertreibungen, die eine solche Liebe wohl haben kann. Giuditta lebt bei ihrem Vater, der sich als angeblicher Arzt einen Namen gemacht hat - vor allem unter den Prostituierten, die von der sich ausbreitenden Syphilis dahingerafft werden.
Mercurio dagegen ist eine Waise und musste sich sein Leben lang als Gauner und Betrüger durchschlagen. Was ihn zu einem sehr findigen und gewitzten Typen hat werden lassen, der allerdings aufgrund seiner Kontakte zum organisierten Verbrechen leider von Giudittas Vater nicht als geeigneter Heiratskandidat angesehen wird. Auf mehreren Ebenen werden den beiden also Steine in den Weg gelegt. Die gerade verleihen zwar nicht der hochdramatischen Liebe, so aber doch der Geschichte ihre Würze und zeichnen ein sehr anschauliches Bild von Venedig im 16. Jahrhundert. Der Dreck, das Elend, der Gestank - und alles überstrahlt von dem Pomp und Glanz von Staat und Kirche, die sich ungeachtet der schlechten Seiten ihrer Stadt einen Machtkampf liefern.

Das alles macht ein Stück weit wieder gut, dass vor allem die beiden Protagonisten ziemlich eindimensional gezeichnet sind. Wo bei den Nebencharakteren noch ein wenig für Tiefe und Facettenreichtum gesorgt ist und Figuren wie Isaaco oder Hauptman Lanzafarme - und selbst der kleine Zolfo! - verschiedene Eigenschaften haben, die sie zu unvorhersehbaren Handlungen bringen, sind Mercurio und Giuditta im Grunde nur auf ihre jeweilige Art recht kreativ und eben sehr sehr verliebt. Die Dialoge zwischen den beiden sind unfassbar naiv und das Drama, das seinen Höhepunkt in einem Hexenprozess findet, wirkt streckenweise sehr konstruiert. Dies nicht zuletzt durch Benedetta, die ebenfalls ein Auge auf Mercurio geworfen hat und alles tut um Giuditta auszustechen.

Trotz dieser Kritik war de Geschichte angenehm zu lesen und hatte durchaus spannende Figurenentwicklungen. Diese habe ich persönlich am meisten bei den Nebenfiguren gefunden, aber dort wurde ich teilweise wirklich überrascht. Das in Kombination mit den geschichtlichen Hintergrundinformationen machen das Buch zwar nicht zu einem großartigen, aber dennoch zu einem lesenswerten, vor allem auch zum Abschalten geeigneten Buch.

06.09.2017

Girls just wanna have fight

07:30 2 Comments
Vor fast sechs Jahren schleppte mich eine Freundin zum ersten Mal in ein Dojo. Weder kannte ich damals diesen Begriff, noch wusste ich, was sich mit Betreten desselben alles ändern würde. Lockere Sportkleidung wurde bei einem Probetraining vorausgesetzt und etwas, was mich zunächst ein wenig abschreckte: Neben der Tatsache, dass mir offensichtlich demnächst diverse Schwarzgurte die Nase einschlagen würden, sollten wir auch noch barfuß trainieren! Diese anfängliche Befremdung war allerdings schnell vergessen, als nach einer für Außenstehende recht umständlichen Begrüßungszeremonie, die von diversen Verbeugungen begleitet  war und bei der jeder jedem die Hand schütteln musste, meine erste Trainingseinheit begann. Um es kurz zu machen: ich war verloren. Weder konnte ich den Ausführungen zu den verschiedenen Kampfstellungen folgen, noch war ich überhaupt in der Lage, einen einzigen zielgerichteten Fauststoß auszuführen - von einem Highkick ganz zu Schweigen. Und obwohl dieses Training ein wenig nach Demütigung schmeckte, habe ich dabei Blut geleckt und fand mich danach zwei, drei oder auch vier Mal pro Woche im Dojo ein.

Kurz nach dieser ersten Begegnung mit meinem Taekwon-Do erwarb ich dann meinen ersten Dobok, der natürlich mit einem weißen Gürtel daher kam. Und was habe ich seitdem geackert! Im wörtlichen Sinne Blut lecken blieb mir dabei zum Glück erspart, denn ich bin einem Verein beigetreten, der traditionelles Taekwon-Do unterrichtet. Dort herrscht (theoretisch) Kontaktverbot; um einen ordentlichen Semikontakt kommt man aber auch hier nicht herum.

Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war ohne diesen Sport. Zum Einen ist es ein wirklich extrem effektives Ganzkörper-Training. Aber das ist es gar nicht, was mich daran so begeistert. Es ist mehr die Art und Weise, wie sich das Ausüben einer Kampfkunst auf meine Einstellung zur Welt und zu mir selbst ausgewirkt hat. Dadurch, dass sich das eigene Körperempfinden stark verbessert und man auch in gewisser Weise auf seinen Körper angewiesen ist, damit er funktioniert, betrachtet man ihn auch irgendwie ganz anders. Ich zumindest schätze ihn - und damit mich selbst - mittlerweile viel mehr wert, interessiere mich nicht mehr so sehr für Äußerlichkeiten, sondern für die Funktionalität.
Durch Taekwon-Do hat aber nicht nur mein Körper eine aufrechtere Haltung, sondern auch meine Psyche. Dank der immer wieder kehrenden Rückschläge und deren Überwindung in den Trainingseinheiten wird nicht nur Frustrationstoleranz und Disziplin geschult - auch das Selbstbewusstsein kriegt einen ganz schönen Boost, nachdem man in einem Sprung zwei solide Holzbretter durchgetreten hat. Und noch viel beachtenswerter ist: auch, wenn wir uns im Training eher selten wirklich verprügeln, gehe ich doch mit dem Wissen durch die Welt, wie ich jemandem ziemlich leicht das Schlüsselbein zertrümmern kann. Gerade, wenn ich nachts alleine unterwegs bin, macht das doch einen ganz schön großen Unterschied.

Gewalttätig werden muss und soll es natürlich nicht. Für mich geht es beim Taekwon-Do auch nicht primär um das Kämpfen mit einem Gegner. Ich kämpfe während jedem Training mit mir selbst. Damit, dass ich meine Beine für einen bestimmten Kick nicht richtig koordinieren kann. Damit, dass ich im Freikampf eigentlich am liebsten immer weglaufen würde, aber nicht darf. Damit, dass ich bei der Landung nach einem Sprungkick ausnahmsweise mal nicht strauchele. Und manchmal halte ich inne, weil eine Technik funktioniert hat und denke "Wow, vor zwei Wochen hat das noch nicht geklappt". Für diese Momente gehe ich regelmäßig ins Dojo. Dafür und für die super unterstützende und herzliche Atmosphäre - denn auch, wenn wir Kampfsportler uns augenscheinlich treffen, um uns zu verprügeln, haben wir ein Herz für guten Kaffee und nette Gespräche.

29.08.2017

Tote Mädchen lügen nicht (2017)

07:30 4 Comments


Wenn eine Serie in letzter Zeit medial und auch in meinem persönlichen Umfeld in letzter Zeit zu kontroversen und vor allem sehr emotionalen Diskussionen geführt hat, dann war das Tote Mädchen lügen nicht. Auch ich habe mir diese Serie angeschaut, weil sie mich thematisch sehr interessierte und ich die Debatten drumherum besser nachvollziehen können wollte. Daher habe ich in Rekordzeit alle Folgen durchgeschaut und mir ebenfalls das 30-minütige Hintergrundvideo nicht entgehen lassen. Dieses fand ich sehr wichtig für mich selbst, um mit der aufwühlenden Geschichte abschließen zu können (ja, das war tatsächlich nötig). Noch viel wichtiger aber finde ich dieses Video vor allem für die jüngeren Zuschauer der Serie. Bei einer sensiblen Thematik wie Selbstmord, Depression oder Mobbing dürfen gerade bei einer solchen Zielgruppe die Handlung und vor allem die - in diesem Fall äußerst explizite - Darstellungsweise auf keinen Fall für sich alleine stehen. Ein Exkurs mit den Produzenten, Schauspielern und Jugendpsychologen beziehungsweise -arbeitern, die die Serie kontextualisieren und erklären ist daher absolut nötig und sehr umsichtig.

Gleich vorweg: bei den letzten drei Folgen habe ich fast durchgehend mit einer Tränenflut gekämpft und wäre mehrmals gerne in den Bildschirm gesprungen, um den Figuren den Kopf zurechtzurücken. Mit solchem emotionalen Aufwand schaue ich selten eine Serie und kann jetzt absolut nachempfinden, warum sie so heiß und gefühlswallend diskutiert wird. Desweiteren bin ich absolut bereit, ebenso emotional in diese besagten Debatten einzusteigen - damit das hier aber nicht ausartet, möchte ich bloß meine Meinung zu den beiden Extrempositionen der Debatte formulieren. Zum einen als weiteren Teil meines persönlichen Verarbeitungsprozesses und zum anderen um aufzuzeigen, dass auch hier Extreme irgendwie beide Recht und Unrecht haben und ich daher wie so oft einen Weg der Mitte bevorzuge.

Um welche Positionen handelt es sich? Ring frei für Untertreibung gegen Übertreibung!

  1. Jugendschutz und Triggerwarnung am Anfang der Serie sind ja wohl völlig überzogen, es ist schließlich nur eine Serie.
  2. Diese Serie verherrlicht und verharmlost Selbstmord total und sollte eigentlich für jugendliche Zuschauer verboten werden.

Auch ich bin im Grunde der Meinung, dass der medienkonsumgewöhnte Mensch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können muss. Bei einem solch sensiblen Thema aber die Verantwortung völlig bei den (oft jugendlichen und damit leicht zu verunsichernden) Zuschauern zu lassen, fände ich dennoch grob fahrlässig. Wo schon jemand, der ein normales Maß an Empathie besitzt, die Handlung nur schwerlich verdauen kann, sollten eventuell betroffene und damit potentiell gefährdete Personen erst recht gewarnt werden. Nur so können sie einschätzen, ob sie sich stabil genug für eine Triggerüberflutung fühlen.
Dennoch kann man eine Serie nicht dafür verantwortlich machen, zu welchen radikalen Schritten sich jemand nach dem Anschauen entscheidet. Es stimmt schon, dass es wohl einige Nachahmer beziehungsweise Nachahmungsversuche gegeben haben soll, nachdem die Serie angelaufen ist. Deshalb ist die kritische Auseinandersetzung mit der Thematik ja auch so wichtig. Dennoch sollte man nicht überreagieren; nach den ersten Folgen wirkt Hannahs Selbstmord vielleicht noch wenig nachvollziehbar und wie eine Art "lustiges Spiel", das sie für ihre Hinterbliebenen kreiert hat. Aber mit Voranschreiten des Geschehens, erkennt man nicht nur, um was für ein traumatisiertes, einsames und zutiefst verzweifeltes Mädchen Hannah trotz ihres oberflächlich schönen Lebens ist. Man erkennt auch, dass sie viele, viele Menschen zurückgelassen hat, die um sie trauern und denen sie sich hätte anvertrauen können.

Ich persönlich empfand die Serie als wirklich sehr belastend und gerade deshalb als extrem gut gemacht. Sie bietet eine perfekte Gelegenheit, um Themen wie Cybermobbing, sexuellem Missbrauch und Depressionen gerade bei Jugendlichen öffentlich zu diskutieren. Und am Ende zeigt er, dass Hannah vielleicht 13 Gründe zum Sterben hatte - aber noch so viele mehr zum Leben. Es konnte ihr nur einfach niemand zeigen.

10.08.2017

Zeitreise in die 50er - Filmklassiker

07:30 2 Comments
Die 1950er Jahre sind eine Zeit, die ich schon immer besonders spannend fand. Politisch als Zeit direkt nach den beiden Weltkriegen, gesellschaftlich als Brutstätte verschiedener Jugendproteste, literarisch als Heimat von Camus, Böll und Hemingway und musikalisch natürlich als Geburtsstunde des Rock'n'Roll. Wer denkt bei den 50ern nicht sofort an weit schwingende Petticoats, engsitzende Jeans, tolle Tollen und den Hüftschwung à la Elvis Presley?


Neulich befand ich mich in einer sehr nostalgischen Stimmung und plötzlich bescherte mir mein Gehirn den besten Ohrwurm der Welt. Kostprobe? Bitte schön!


Von einem Lied er Königinnen aller Musicals inspiriert beschloss ich zwei Dinge. Erstens musste ich dringend mal wieder West Side Story anschauen. Und zweitens musste ich außerdem mal (teilweise ebenfalls wieder) einige andere Filmklassiker aus den 50er ansehen, um mich ein wenig mehr mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen. Schließlich schaffen es Filme nicht umsonst in den Kanon - sie repräsentieren immer eine oder mehrere gesellschaftlich relevanten Strömungen - und ich hatte mehr als Lust, im Fluss der 50er  zu treiben. Daher hier nun meine persönliche Auswahl an Must-Watches für diese besondere Zeit:

1. West Side Story (1957)
Wie gesagt: die Königin der Musicals. Die Mutter der Musicals. Quasi das Urmusical schlechthin - alleine deshalb ist es schon einen Blick wert. Die Musik von Leonard Bernstein ist mindestens ebenso ausdrucksstark wie das grandiose Szenenbild und die wundervoll (denke ich zumindest) authentischen Kostüme. Allein der Anfang ist absolut genial inszeniert. In den ersten 10 Minuten wird die Ausgangssituation der Geschichte alleine durch Musik, Mimik und Gestik und tänzerischen Elementen der Schauspieler dargestellt - alles ohne dass ein Wort gesprochen wird!
In groben Zügen geht es um zwei rivalisierende Jugendgangs in New York: die Jets und die Sharks. Beide setzen sich zusammen aus Jugendlichen - den so genannten Halbstarken - die in der Gesellschaft keinen Platz haben. Die weißen, aber aus sozial schwachen Verhältnissen kommenden Jets gegen die eingewanderten, puertoricanischen Sharks. Kernelement ist die Liebesgeschichte, die sich unter Rückgriff auf den Romeo-und-Julia-Stoff Shakespears zwischen Tony von den Jets und Maria von den Sharks entspinnt. Und leider auch so ähnlich ausgeht. 
Besonders spannend gerade im Vergleich zu heutigen Musical-Filmen finde ich die eindeutige Gesellschaftskritik, die sich unter anderem auch gegen polizeiliche Willkür richtet. Es ist also nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern durchaus eine reflektierende Handlung.

2. Blondinen bevorzugt (1953)
Falls man Marilyn Monroe in einer ihrer Paraderollen sehen möchte, muss man sich diesen Film unbedingt ansehen. Sehr überzeugend spielt sie das naive aber hübsche Dummchen. Sogar so überzeugend, dass es mir in der einen oder anderen Szene ein wenig zu dumm war. Doch gerade diese Überzeichnung machen den Film aus und spätestens am Ende wird auch mehr als deutlich, dass Lorelei (aka Marilyn Monroe) alles andere als dumm ist, sondern im Gegenteil sehr intelligent und berechnend ist. Als Showgirl ist Lorelei sehr erfolgreich - noch erfolgreicher ist sie allerdings darin, reiche Männer zu bezirzen. Ihr großes Ziel: reich zu heiraten. Und einen angemessenen Kandidaten hat sie auch schon im Auge: Gus, der dank des Vermögens seines Vaters Absurd komisch ist die Handlung, einige fast schon slapstickartige Szenen, scharfe Kritik am Materialismus gekoppelt mit unvergessenen Liedern machen diesen Film aus. Und natürlich: die umwerfenden Outfits der beiden Hauptfiguren Lorelei und Dorothy die ungefähr in jeder Szene wechseln und für die alleine es sich schon lohnt, den Film zu schauen. Und wenn man an Klamotten nichts hat, kann man wenigstens folgende Lebensweisheit mitnehmen:



3. Denn sie wissen nicht was sie tun (1955)
Wo wir gerade bei Paraderollen und eben noch bei Halbstarken waren, darf ein Name natürlich nicht fehlen: James Dean. Auch wenn er mich persönlich als Schauspieler nicht so sehr vom Hocker haut und ich mich frage, ob er an seine Erfolge hätte anknüpfen können, wäre er nicht so früh verstorben. Aber dennoch bietet der Film einen spannenden Einblick in den Zeitgeist. Denn bereits in den 50er Jahren (und wahrscheinlich schon immer) hat sich die Jugend missverstanden und deplatziert gefühlt. Es ist ja eigentlich offensichtlich, aber dennoch interessant, es bildlich vorgeführt zu bekommen. Thematisiert werden Streitereien mit den Eltern, Gewalt und Mutproben, um sich unter Gleichaltrigen eine Position zu erkämpfen und welche Folgen das alles im Extremfall haben kann. Zeichen für die jugendliche Rebellion waren damals nicht nur das bestimmte Verhalten, sondern vor allem die Outfits bestehend aus Jenashosen und T-Shirts. Bis dato trug man T-Shirts ausschließlich unter den Hemden und niemals als eigenes Kleidungsstück. Ganz valides Mittel, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen also.


Natürlich gibt es noch einige andere Filme aus dieser Zeit, die absolut sehenswert sind und es leider bloß nicht in meine Top-3 geschafft haben. Wie sieht es mit euch aus? Habt ihr bestimmte Filme aus den 50er, die ihr gerne schaut? Oder könnt ihr mit diesen alten Schmonzetten gar nichts anfangen?

02.08.2017

Armbandmanufaktur

07:30 0 Comments

Schon vorletztes Jahr im Sommer entdeckte ich das Knüpfen wieder für mich - einer der wenigen Trends aus den 90ern, dessen Revival keine Gänsehaut bei mir hervorruft. Irgendwann werdet ihr alle die Karottenjeans aus Samt berreuen - Generationen vor euch ging es genauso!

Jedenfalls haben wir früher in der Grundschule wie am Fließband Knüpfarmbänder hergestellt. Da wurde sich nach der Schule auf dem Spielplatz getroffen, Wollfäden auf einen Haufen geworfen, Knüpfmuster ausgetauscht und dann ging es los. Das Setup mit einer Sicherheitsnadel an der geringelten Radlerhose festgesteckt und die Arbeit konnte beginnen. Leider sind mir aus dieser Zeit keine Armbänder erhalten geblieben und auch das Knüpfen selbst ist nicht mehr sehr präsent in meinem Kopf gewesen. Aber wozu gibt es Youtube und ein haptisches Gedächtnis? Nach ein paar Reihen war alles wieder da und mein Repertoire hat sich um einiges erweitert. Deshalb werden auch alle meine Freunde seit zwei Jahren regelmäßig mit solchen Armbändern beschenkt. Herzen, Smileys, Anker, Packman, Totenköpfe, ich kann alles und fühle mich mindestens so cool damit wie damals in der dritten Klasse.

Für mich persönlich darf es aber gerne ein grafischeres Muster sein. Man ist ja schließlich dennoch erwachsen. Was ich außerdem auch wieder gelernt habe, ist der Schiebeknoten - damit kann man größenverstellbare Armbänder machen - wie dieses, das ich aus einem alten Lederband und einem Anhänger gezaubert habe, der sowieso nur bei mir herumgeflogen ist.


Aber wo wir gerade bei Geschenken waren: natürlich habe ich auch etwas für die Potterheads unter meinen Freunden in der Hinterhand. Wie wäre es zum Beispiel dieses kleine schicke Armband im Slytherin-Stil? Noch kann ich das Muster zwar nicht auswendig und brauche deshalb recht lange dafür, aber spätestens nach dem vierten "S" sollte das recht zackig gehen. Und ein paar Tage habe ich zum Glück auch noch Zeit, um es fertig zu stellen.



Habt ihr früher auch wie wild diese Armbänder geknüpft und seid wie Wolle Petry behangen durch die Gegend gerannt? Und was haltet ihr vom 90er Revival? Im Fall dieser Armbänder bin ich ja voll dafür!

25.07.2017

In the End

07:30 2 Comments


Es ist ja so: wenn ein Mensch diese Welt verlässt, ist das immer schrecklich, unfassbar traurig und einfach verdammt beschissen. In der Regel ist es für die Familienmitglieder, die nächsten Angehörigen und die engsten Freunde besonders schlimm - für sie ist die Lücke, die eine plötzlich fehlende Person hinterlässt, am größten. 
Bei Personen des öffentlichen Lebens ist die Sachlage immer noch einmal ein wenig komplizierter, weil nicht nur die Liebsten des Verstorbenen um die Person trauern, sondern ebenso viele Fans um den Künstler und sein Werk. Auch diese Trauer ist berechtigt und sehr emotional. Dennoch habe ich mich bisher immer stark davon distanziert. Ich habe es als vermessen und hochmütig empfunden, deutlich betroffen von dem Tod eines Menschen zu sein, den ich persönlich nicht einmal kannte und der von meiner Existenz erst recht nichts wusste. Doch mal wieder scheint es so, als hätte mich mangelnde Lebenserfahrung zu diesem Urteil geführt, das ich nun vielleicht nich völlig revidieren, so aber doch relativieren muss.

An manchen Tagen fällt es wohl jedem schwer, aus dem Bett zu steigen. Stress, Druck, Angst, Wut, Probleme mit Freunden und Familie, mit sich selbst und der Welt hängen wie ein Baldachin darüber und man ist nicht in der Lage, den Vorhang aus Negativität zur Seite zu schieben. Zumindest nicht alleine. Mein Mittel dagegen ist eigentlich schon immer Musik gewesen. Bloß zwei Songs, bei denen ich mich verstanden fühle, helfen mir dabei, die Kraft zu finden und mich unter diesem Baldachin hervorzukämpfen. 
Linkin Park gehört seit über zehn Jahren zu den Bands, die es immer wieder schaffen, mich aus dem Sumpf zu ziehen. Auch ich bin kein Fan des neusten Albums, aber die alten Stücke prägten nicht nur meine Teenager-Zeit, sondern gehören auch heute noch zu meinen regelmäßigen Begleitern. In den für mich durchwachsendsten Phasen hat diese Band formuliert, was ich nicht im Stande war, in Worte zu fassen und die Schreie gebrüllt, die ich - zurückgezogen in mich selbst - nicht selbst herauslassen konnte. Die Songs kanalisierten meine Wut, meine Verzweiflung und lenkten sie aus mir selbst heraus, damit ich nicht daran ersticken musste.
Dass jemand, dessen Kunst mir und vielen anderen so sehr  dabei geholfen hat, nicht aufzugeben, es selbst nicht geschafft hat und am Leben zerbrochen ist, ist nicht nur tragisch, sondern grausame Ironie des Schicksals.

Dass ich tatsächlich um eine für mich unbekannte Person trauere, habe ich erst realisiert, als ich einen Tag nach dem schrecklichen Ereignis zum ersten Mal wieder einen LP-Song gehört habe. Ich habe ihn plötzlich mit anderen Ohren gehört, wenn man das so sagen kann. Mit ehrfürchtigeren, schmerzerfüllteren und dankbarerern Ohren. 
Und gerade deshalb wünschte ich mir, dass in der ganzen öffentlichen Diskussion nicht mehr so viel spekuliert wird über seine Motive, Drogenabhängigkeiten oder seelischen Zustände. Ich wünsche mir, dass Depressionen und psychische Erkrankungen allgemein in den Vordergrund rücken und weniger stigmatisiert werden. 

Chester Bennington hat trotz allem nun hoffentlich Frieden gefunden. Und ich wünsche mir, dass die gesellschaftlichen Debatten endlich beginnen, nicht mehr dort anzusetzen, wo es zu spät ist, sondern da, wo noch geholfen werden kann. Nicht immer reicht Musik aus, um wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen. Das rechtzeitig zu merken und dagegen anzusteuern, ist vor allem deshalb schwer, weil es in unserer Gesellschaft nach wie vor als "schwach" angesehen wird, nicht "alleine fertig zu werden". Aber man wird auch mit einer Lungenentzündung nicht alleine fertig und geht bei entsprechenden Symptomen zum Arzt. Genau das sollte man auch mit seelischen oder psychischen Auffälligkeiten tun können, ohne sich noch verletzlicher und schwacher fühlen zu müssen, als sowieso schon.
'cause in the end it does matter. Very much.

20.07.2017

Hektik

08:30 6 Comments

To-Do-Liste
  • Präsentation vorbereiten
  • Aufsätze kopieren
  • Wäsche waschen
  • Geschirr spülen
  • 2-8 Telefonate führen (dringend!)
  • Bücher abgeben
  • Geschenk für L. besorgen
  • einkaufen (Klopapier!!)
  • Paket zur Post bringen

Weckerklingeln Zähneschrubben Schreibtisch ruft lesen schreiben lesen schreiben vor der Arbeit schnell in den Supermarkt - Brot - Milch - Eier - Obst - Wäsche in die Trommel Timer stellen Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt Topf einweichen in den Bus hüpfen Zwischenstopp bei der Post Arbeit runterrocken alles will sofort erledigt werden aber sorgfältig bitteschön bestimmtes Buch kaufen danke als Geschenk verpacke ich es selber Treppen hochhechten tausche Arbeitsschuhe gegen Sportschuhe mist Klopapier vergessen! rauf aufs Rad schon vorm Sport schwitzen nach dem Sport noch mehr immernoch nicht alle Punkte abgehakt ab zur Bibliothek auf dem Rückweg nochmal in den Supermarkt Heimweg führt am Hafen vorbei.

Plötzlich.

Sanftes Wasserrauschen.

Möwenschreie.
Kinderlachen.

Langsam gleitet ein Zweimaster vorbei und liegt dann ruhig am Kai.

Atmen. Ein. Aus.


Die To-Do-Liste zerreißen. Liebe Freunde herbeirufen. Feierabendbier trinkend Schiffe beobachten. Eine viel zu unterschätzte Therapiemethode.

15.07.2017

Ambivalenzen

15:22 2 Comments


Im Internet hat jeder eine Stimme. Wenn es eine Errungenschaft der gegenwärtigen Zeit gibt, dann ist es die, dass jeder der breiten Öffentlichkeit mitteilen kann, was er zu sagen hat. Ob es das tatsächlich wert ist und/oder ob es wirklich jemand bemerkt, ist natürlich eine andere Sache. Aber die vernetzte Gesellschaft bietet zumindest nie da gewesene Möglichkeiten für jeden, sich in irgendeiner Form Gehör zu verschaffen, sich mit anderen zu verbinden und seine Standpunkte zu vertreten. Wenn etwas im Internet steht, kann es potentiell von jedem gefunden und wahrgenommen werden.

Diese Tatsache führt zu Phänomenen, die mir in Momenten, in denen ich an der Menschheit zweifele, wieder ein wenig Hoffnung geben. Hoffnung darauf, dass in mittelferner Zukunft doch nicht alles vor die Hunde geht. Weil es immernoch einen ganzen Haufen von Leuten gibt, denen der gesunde Menschenverstand nicht abhanden gekommen ist und die Problemen und Diskussionen nicht mit Gewalt und  Chaos begegnen.
Vergangene Woche hatte ich - wie viele andere sicher auch - so einige Zweifelmomente. Beim G20-Gipfeltreffen fanden sich die 19 angeblich wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und Vertreter der EU zusammen, um sich über die Geschicke des Weltgeschehens zu beraten. Kritik daran sehe ich nicht nur als berechtigt, sondern sogar als notwendig im öffentlichen Diskurs an. Aber darum soll es selbstverständlich hier nicht gehen - wie es eigentlich in 80% der Berichterstattung über das Gipfeltreffen auch nicht um die inhaltlichen Aspekte ging, sondern um das Drumherum im Austragungsort Hamburg. Denn die Schanze hat gebrannt. Das diplomatische Treffen, das darüber verhandelte, welche Menschen in nächster Zeit für den eigenen Wohlstand ausgebeutet werden dürfen und daher genuin selbst gewaltbereit ist oder zumindest Unterdrückung in Kauf nimmt, wurde überschattet von unmittelbaren Gewalttaten, unfassbaren Aggressionen sowie herz- und sinnlosen Angriffen auf völlig Unbeteiligte. Eigentlich eine ganz treffende Analogie. Dennoch oder gerade deshalb genauso scharf zu kritisieren. 

Die Lage eskalierte natürlich hauptsächlich zwischen der schwer hochgerüsteten Polizei und erst einmal den in Hamburg ansässigen Linksautonomen. Wie genau es dazu kam und wer wann welche Fehler begangen hat, lässt sich natürlich nur schwer nachvollziehen und je nachdem, auf welcher Seite Augenzeugen gestanden haben, verschiebt sich auch der Blickwinkel auf die Ereignisse. Einen sehr objektiven Beitrag dazu hat der WDR produziert (gibt es hier), der genau diese Tatsache verdeutlicht. Fakt ist, dass beide Seiten eine Eskalation bereits im Vorfeld angekündigt hatten und es daher kaum verwunderlich ist, wie sich die Lage entwickelt hat. Eine relativ kleine Menge an schwarz vermummten Personen kann schnell dazu führen, dass die Stimmung bei einer friedlichen Demonstration ins Aggressive umkippt, denn mit einer Schwarzen-Block-Formation verstehen die Polizeibeamten keinen Spaß. Und genauso passieren unrechtmäßige und unverhältnismäßige Übergriffe auf Zivilpersonen - wenn die Polizisten nicht mehr unterscheiden können, wer Aggressor ist, müssen alle greifbaren Menschen im Umfeld damit rechnen, niedergeknüppelt zu werden. Es gibt in diesem Fall leider kein schwarz-weiß, keine gut/böse - Dichotomie, sondern eine von beiden Seiten geförderte Gewaltanwendung, die das politische Geschehen in den Schatten gestellt und den Blick von den vielen kreativen und gewaltfreien Protesten abgelenkt haben.

Das alles aus relativer Nähe mitzubekommen (schließlich bin ich Wahlnordlicht und nah dran an der schicken Hansestadt), ist schon ganz schön heftig gewesen. Desillusionierend. Verstörend. Und im Grunde immernoch unfassbar für mich.
Aber zum Glück begegnen einem im Internet nicht nur die Videos mit Wasserwerfern und Ziegelsteinen, die Kampfaufrufe und fadenscheinige Rechtfertigungsversuche. Man findet auch Beiträge von Hamburgern und Polizisten gleichermaßen, die sich stark von den Krawallen distanzieren und diese Ausschreitungen auf beiden Seiten verurteilen. Leute, die sich nach dem Wochenende getroffen haben, um die Stadt gemeinsam aufzuräumen, nachdem sie in einem infantilen Perpetuum Mobile zerlegt worden ist. Da ging mir dann wieder ein bisschen das Herz auf.

Das Internet wird oft als eine Art Teufelswerk dargestellt, weil rechte Hetze und Hasskommentare zu dominieren scheinen. Aber es kann auch dieser virtuelle Ort sein, wo sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam ein bisschen mehr Gutes in die Welt zu bringen. Hochwasseropfern helfen, Bedürftigen Kleidung zu spenden oder eben in Hamburg den Besen zu schwingen. Und dann ist es ein ganz zauberhafter Ort - man muss sich eben einfach da umschauen, wo es sich lohnt ♥

04.07.2017

Alice im Wunderland (1871)

22:55 6 Comments


Eine Geschichte, die vermutlich jeder kennt und zu der es auch im Keller dieses Hauses eine mehr oder weniger ausführliche Rezension gibt, lag jüngst wieder auf meinem Nachttisch. So konnte ich vor dem Schlafen immer noch einen kleinen Ausflug ins Wunderland machen und ein bisschen die Gedanken schweifen lassen.

Dabei stieß ich natürlich auch auf das wohl bekannteste Zitat des Buches, ausgesprochen von der wohl coolsten Figur des Buches - nämlich der Grinsekatze.
"Oh, you can't help that. We are all mad here. I'm mad. You're mad."
Und tatsächlich sind die Adjektive, mit denen man die Figuren und die gesamte Geschichte wohl am ehesten beschreiben kann wohl solche wie "verrückt", "wunderlich" oder "wahnsinnig". Es gelten keine Normen, keine Ordnungsprinzipien und keine Verhaltensrichtlinien mehr, die für den Leser (oder Alice) nachvollziehbar wären. Gleichzeitig ist eigentlich niemand wirklich freundlich, man begegnet sich gehetzt, unhöflich oder gar mit Mordbefehlen. Alice schafft es einfach nicht, sich mit den Bewohnern des Wunderlandes zu verständigen. Viele Missverständnisse pflastern Alice' Weg, weil die verrückten Figuren an ihren verrückten Handlungsweisen festhalten und starr den einmal etablierten Regeln folgen - so unsinnig diese auch sein mögen. Bis ins Extreme in den Strukturen gefangen, sehen die Wunderlandbewohner gar keine Handlungsalternativen mehr. Selbst dann nicht, als Alice sie ihnen quasi vor die Nase hält.
Wenn man es so betrachtet, gibt es mehrere Ebenen von Verrücktheit in diese Geschichte, die keine realitätsferne, sondern eine realitätsüberzeichnende ist. Und Alice, die sich das alles erträumt und in einer Phantasiewelt lebt, ist gar nicht die verrückte. Sondern eher die erwachsenen Tiere, die überall herumlaufen, seltsame Dinge tun, Alice als Kind nicht ernst nehmen und völlig unflexibel auf unvorhergesehene Situationen reagieren. 

Beim Lesen des Buches ist mir ein Moment eingefallen, den ich als Kind erlebt habe. Auch da haben die Erwachsenen irgendetwas völlig unlogisches getan und mir gesagt, ich würde das schon verstehen, wenn ich älter bin. Ich - ungefähr acht Jahre alt - habe mir so fest vorgenommen, dass ich das ruhig verstehen darf, aber niemals aufhören würde, auch die Kinderseite zu verstehen. Weil ich das Gefühl hatte, dass die Erwachsenen schon so lange keine Kinder mehr sind, dass sie gar nicht mehr wissen, wie die Welt wirklich funktioniert. Denn Kinder haben natürlich den Durchblick, das ist ja klar.
Und jetzt habe ich mich dabei ertappt, dass ich auch schon ganz schön lange erwachsen bin und viele Dinge einfach akzeptiere, ohne sie zu hinterfragen. Weil das alles einfach so ist. Mittlerweile spiele ich selbst meine Rolle in dem seltsamen Gerichtsverfahren des Lebens und mache einfach, was man so macht. Hetze durch das Leben, wundere mich weniger und bin wahrscheinlich auch zum Freundlichsein zu beschäftigt. Und das ist auch genau der Grund, aus dem ich Alice im Wunderland immer wieder gerne lese - um mir meiner eigenen festgefahrenen Denkstrukturen bewusst zu werden. 'Verrückt' im Wunderland bedeutet, komplett den unverständlichen aber etablierten Logiken zu folgen. 'Verrückt' in der Realität bedeutet, aus eben diesen Logiken auszubrechen. Und genau das sollte man auch hin und wieder auch mal tun.

28.06.2017

Kleiner Heimgarten

20:42 4 Comments
Meine Oma liebte Pflanzen und Blumenüber alles. Wenn es in ihrer Generation überhaupt einen Begriff von Hobby und Freizeitgestaltung gibt, dann war es für sie der Garten. Von fast jeder Pflanze wusste sie den idealen Standort, die optimale Pflege, kannte ihre lateinischen Namen und die diversen Verwendungszwecke. Vor allem aber freute sie sich jedes Jahr wieder erneut von Herzen, wenn ihre Schützlinge anfingen zu blühen.

Den grünen Daumen hat sie mit leider nicht mitgegeben - dafür aber die Freude am Blütenzauber und das Interesse für Pflanzen. Paradoxerweise habe ich dieses Interesse bisher wenig kultiviert und in Ermangelung von Garten oder Balkon sah ich da auch keine zukunftsnahe Möglichkeit, dies zu ändern. Doch dann entdeckte ich spontan einen wunderschönen Hibiskus und beschloss, einen Fensterbank-Garten-Versuch zu starten.

Eingezogen sind nun neben dem Hibiskus erst einmal ein angeblich extra strapazierfähiges Basilikumstöckchen und ein kleiner Zitronenthymian. Außerdem hat mir eine Kollegin einfach mal drei Tomatenpflanzen aus ihrem Garten mitgebracht und wir sind beide nun ganz gespannt, ob diese auch hinter dem Fenster ein paar Früchte tragen werden. Wachsen tun sie auf jeden Fall schon einmal sehr gut, obwohl ich nur Ost- und Westfenster habe und Tomaten ja - ähnlich wie der Hibiskus - eigentlich sehr viel Sonne mögen.

Fürs erste gefällt mir das hier alles schon einmal sehr und ich bin auch bisher noch nicht inkonsequent mit der Gießerei geworden. Ich bezweifle auch, dass mir das jemals passieren wird, denn ich habe jede Gießempfehlung für die jeweiligen Pflanze vermutlich 20 Mal recherchiert und wahrscheinlich für immer in meinem Gedächtnis eingespeichert. Die Tomaten haben sogar schon eine Umtopfaktion überstanden und sich anscheinend mittlerweile gut in ihren neuen Töpfen eingelebt.
Drückt den Pflänzchen und mit die grünen Daumen, dass das Experiment glückt!


Wie ist es denn bei euch? Seid ihr Pflanzenfreunde und habt die Möglichkeit, das auszuleben? Oder lasst ihr lieber die Finger vom Grünzeug?

22.06.2017

Remember me - Lebe den Augenblick (2010)

18:39 0 Comments



Fast alles, was du tust, ist letzten Endes unwichtig. Aber es ist wichtig, dass du es tust.





Mit diesem Zitat von Mahatma Ghandi beginnt und endet der Film, den ich mir einer recht arroganten Haltung zu schauen begonnen habe. Was soll man schon erwarten von einem Hauptdarsteller, der als schmalzlockiger Vampirdarsteller bekannt ist, von einer recht stereotypen Figurenkonstellation und von einem vermeintlich vorhersehbaren Handlungsverlauf.
Doch ich wurde eines besseren belehrt. Von den Schauspielern ebenso wie von der Storyline. Es gab einen Moment - als Tyler und Ally zusammenkommen - in dem ich dachte, dass garantiert der chaotische beste Freund Tylers irgendwann verraten wird, dass es eine Art Wette zwischen ihm und Tyler war, weshalb letzterer Ally überhaupt erst angesprochen hat. Aber da habe ich die Mehrdimensionalität der Figuren noch völlig unterschätzt. Und wurde von dieser ebenso überrascht wie von dem knallenden Ende der Geschichte.

Dabei war ich eigentlich nach den ersten Minuten schon gefesselt: ein völlig sinnloser Mord an einer Mutter, die mit ihrer Tochter am Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Allein schon die Kameraführung baut so eine beklemmende Stimmung auf, die sich dann blitzschnell entlädt - ein genialer Einstieg. Vor allem auch deshalb, weil es danach mit einem völlig anderen Handlungszweig viele Jahre in der Zukunft weitergeht, sodass man erst einmal nicht weiß, wie diese ersten Szenen später mit der aktuellen Handlung zusammengeführt werden.
Tyler, 21 Jahre alt und Sohn eines erfolgreichen Anwaltes in New York City. Verloren in der Welt, wütend auf seinen Vater, der seine Kinder stark vernachlässigt und gleichzeitig sehr liebevoll im Umgang mit seiner kleinen Schwester Caroline, wird diese Rolle von Robert Pattinson verkörpert. Ohne Angst vor Hässlichkeit (sehen wir von einer einzigen Einstellung mal großzügig ab) und ohne große Donnerschläge spielt er diese Rolle des melancholischen, verirrten Jungen sehr glaubwürdig. Generell ist die Besetzung unheimlich überzeugend. So auch Emilie de Ravin, die die Rolle der Ally übernommen hat. Auch Ally ist nach dem tragischen Tod ihrer Mutter in der Welt verloren, reagiert darauf aber nicht mit Wut und Depression, sondern ist abgeklärt und in vielen Beziehungen knallhart. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, die (fast) völlig frei ist von Kitsch oder übertriebenem Pathos.

Beinahe mehr als die Schauspieler selbst und die starke Figurenkonzeption haben mich die Kombination von Musik und Kameraführung beeindruckt. Selten habe ich so einen passenden, manchmal scheinbar inkongruenten, Soundtrack zu einem Film gehört. 
Bezüglich der Kameraführung bin ich kein Experte und wenn selbst ich bei einer Kamerafahrt oder einer Einstellung die Mehrschichtigkeit des Bildes bemerke, will das schon etwas heißen.
Mal mehr und mal weniger hat man die ganze Zeit über das Gefühl, dass die Figuren auf eine Katastrophe zusteuern - und das tun sie am Ende auch. Allerdings ganz anders als erwartet.

*ab hier wird gespoiltert*

Die Szenen am Ende liefern erneut genial inszeniert die Puzzelteile, die den Zuschauer am Ende wissen lassen, welche Katastrophe geschehen wird. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts in den Raum hinein, sodass die Fensterfront immer größer wird. Caroline sitzt in der Schule und an der Tafel steht das aktuelle Datum: der 11. September 2001. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts aus dem Gebäude nach draußen, sodass deutlich wird, in welchem Gebäude sich das Büro des Anwalts befindet. Es ist einer Zwillingstürme des World Trade Centers.

Unheimlich eindrücklich dargestellt hat mich dieser Ausgang sehr bewegt. Die Katastrophe ist nicht nur eine persönliche. Die Figuren sind Teil einer viel größeren Katastrophe, die vom heutigen Standpunkt aus eine Zäsur in der Weltgeschichte markiert. Allegorisch stehen die Figuren des Films für Tausende von Einzelschicksalen, die von dem heftigsten Anschlag der jüngeren Geschichte getroffen wurden.

Dennoch endet der Film nicht düster. Sicherlich traurig, aber der Schockmoment wird ein wenig durch die letzte, lebensbejahende und dankbare Szene ein wenig abgemildert. Es ist ein Versuch, die vielen zerstörten Leben mit Bedeutung zu versehen. Dieser Versuch gelingt für mich. Ghandis Satz vom Anfang gewinnt durch diesen Ausgang eine ganz neue Dimension und auch die gesamte Geschichte erscheint in einem völlig neuen Licht. Denn es ist doch wirklich so, dass man für die Menschen, die man berührt hat auch nach den Tod noch weiterwirkt. Das ist global und gesamtgesellschaftlich vielleicht nicht viel, aber es ist definitiv auch nicht bedeutungslos. 

17.06.2017

Abtauchen in düstere Zeiten

17:21 0 Comments



Heute präsentiere ich euch ein super einfaches DIY, mit dem ihr ganz schnell dieses praktische Nudelsieb aus einem alten Soldatenhelm basteln könnt!


Neu in der Produktpalette ist außerdem diese total süße Gasmaske - die kann wirklich jeder tragen. In modischem olivgrün und perfekt geschnitten, um den optimalen Schutz bei austretenden Gasen zu gewährleisten.


Hätte es zu Zeiten der Propagandamaschinerie des Nationalsozialismus' bereits Youtube gegeben, hätten die zuständigen ..nennen wir es Marketingstrategen sicher nicht zweimal überlegt und sofort bekannte Lifestyle-Youtuber Videos mit oben skizzierten Konzepten drehen lassen.
Auch das familienfreundliche Informationsmagazin Die Sirene hätte vermutlich nicht nur informative Artikel zum Luftschutz abgedruckt, sondern sich auch BRAVO-like an der Reichweite von Youtubern bedient. Vielleicht in Form eines kleinen Fotoromans, in dem sich der Youtuber mit 1.000 weiteren Einwohnern Berlins geordnet und zügig beim ersten Warnsignal in den nächstgelegenen Luftschutzbunker begibt und dank seine vorbildlichen Verhaltens nach 60-minütiger Wartezeit wieder in sein gemütliches Filmzimmer zurückkehren kann.
Vielleicht wäre in diesem hypothetischen Fotoroman der Luftschutzbunker Gesundbrunnen der Hauptort der Handlung gewesen. Dieser wurde im Verlauf des zweiten Weltkrieges in den bereits existierenden U-Bahnhof hinein gebaut. Und zwar als klar wurde, dass der Krieg entgegen aller Versprechungen sehr wohl ins "eigene" Land zurückkommt und dummerweise nur für 4,5% der berliner Stadtbevölkerung Schutzräume zur Verfügung standen. Und genau, wie es bis heute im Marketing praktiziert wird, würde in dem Fotoroman, sowie in sämtlicher Kommunikation nach außen verschwiegen werden, dass der angebliche Schutz lediglich aus 80 Zentimetern dünner Betondecke bestand. Zum Vergleich: der Schutzbunker des Reichkanzlers wies eine Deckenstärke von vier Metern Stahlbeton. Doch unser Youtuber würde auf dem betreffenden Foto mit strahlendem Lächeln nach oben zeigen und die Sicherheit des Bunkers loben.

Zum Ende des Krieges fanden im Luftschutzbunker Gesundbrunnen bis zu 3.000 Menschen Zuflucht und hatte damit wie jeder Schutzbunker in Berlin eine 200-300prozentige Überbelegung. Eng gedrängt in stickigen, dunklen Räumen wurden die Bombenangriffe ausgesessen. Teilweise bis zu fünf Mal am Tag. Tatsächlich passiert ist dort auch nie etwas - zumindest nicht durch Bomben. Denn eben dieser Bunker wurde zufällig nie getroffen und war so durch eine glückliche Fügung und nicht durch die angebliche Fürsorge des Staates wirklich ein einigermaßen sicherer Ort.
Diese nicht-existente Fürsorge äußerte sich auch in der Gründung des Reichsluftschutzbundes. Dieser wurde bereits Anfang der 1930er Jahre gegründet - zu einem Zeitpunkt, an dem von Krieg offiziell noch gar keine Rede war. Man gründete diesen Bund laut der Propagandamaschinierie lediglich zum Schutz, falls mal irgendwann etwas passieren sollte. "Nur zum Schutz" war und ist kein Argument, sondern eine bestimmte Kommunikationsstrategie, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Unter anderem aus der ehemaligen Zufluchtsstätte im U-Bahnhof Gesundbrunnen sind heute die Räume des Berliner Unterwelten Museums geworden. Durch den authentischen Ort und die zum Teil original erhaltenen Räume nähert man den Besucher an die Themen Bombenkrieg, Gefahr aus der Luft und Luftschutz an. Details fernab des Geschichtsunterrichts vermitteln eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Zivilbevölkerung während des Krieges gelebt hat und wie sich dieser Teil der Geschichte in den berliner Untergrund eingeschrieben hat. 
Um den Besuch dieser Bunkeranlage nicht nur beklemmend und bedrückend zu gestalten, erfährt man in den letzten Räumen auch noch weitere spannende, den Untergrund betreffende Dinge: etwa zum Abwassersystem, dem großartigen Netz der Rohrpost und der vielfältigen Bierbrauerei im 19. Jahrhundert. Doch am Ende der Tour steht eigentlich nur ein Gedanke: Krieg ist der letzte Dreck. Ein sinnloses Verpulvern von Menschenleben. Und die Werbemaschinerie drumherum hätten geschmackloser und scheinheiliger nicht sein können.

1936 gab es noch keine Youtuber, Instagramer oder sonstige Influencer. Aber alle anderen Produkte der massenmedialen Kommunikation wurden bis ins kleinste Detail instrumentalisiert. Das ist schon grundsätzlich verwerflich. Aber richtig ekelhaft wird es erst im Kontext des Krieges und des Sterbens tausender Menschen. Das Kennenlernen verschiedener Einzelschicksale und das Nachvollziehen ihrer Lebensrealität geht weit über die Faktenlernerei im Geschichtsunterricht hinaus. Mich hat der Besuch dieser  Anlage extrem beeindruckt, mal wieder sehr wütend gemacht und zu neuem Aktionismus motiviert. Wer also an einem verregneten Tag in Berlin ein wenig Zeit hat und keine klaustrophobischen Anwandlungen bekommt, sollte diese Führung unbedingt einmal mitmachen!

12.06.2017

Wenn einem selbst die virtuelle Decke auf den Kopf fällt...

23:43 2 Comments
... braucht man dringend einen Tapetenwechsel.
Generell ist es bei akuten Anfällen von "Ich weiß einfach nicht wohin mit mir, meinen Sachen oder meinem Leben" hilfreich und daher ratsam, einfach mal ein bisschen was zu verändern. Das Klischee,  dass Frauen nach einer Trennung erst einmal zum Friseur rennen, kommt nämlich tatsächlich nicht von ungefähr. Passieren einschneidende Dinge im Leben, tun Veränderungen, Umstrukturierungen oder Neudenken einen besonderen Dienst: sie markieren den Übergang einer bestimmten (blöden) Phase in eine andere (wieder lichtere) Phase und sind damit meiner Meinung nach äußerst wichtig für einen Verarbeitungsprozess.

Nun kann es natürlich vorkommen, dass man eine richtig miese Zeit erlebt, in der eine Drecksphase auf die nächste folgt. Und dann hilft manchmal nur noch: Koffer packen und umziehen. Denn ein neuer Haarschnitt würde das emotionale Überwinden nicht ausreichend repräsentieren.
Weil das in der realen Welt aber leider nicht so einfach möglich ist, muss man irgendwie lernen, mit der gegebenen Situation umzugehen. Auch, wenn ich sicher bin, dass man manche Dinge nie überwinden kann (und möchte), ist es doch irgendwann geboten, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Daran habe ich zum Ende letzten Jahres schon mal und seit Anfang diesen Jahres schon wieder ziemlich hart gearbeitet. Das Ergebnis waren  nicht nur ein neuer Haarschnitt, die Erkenntnis, dass Familie (ob blutsverwandt oder wahlverwandt) das allergrößte auf der Welt ist, und eine endlich wieder blitzblank geputze Wohnung. Sondern ich habe mich auch wieder mehr mit meinem virtuellen Zuhause beschäftigt.

Das Haus des Wahnsinns existiert seit dem Jahr 2011. Damals war ich frisch an der Uni eingeschrieben, alleine und abenteuerlustig in eine fremde Stadt gezogen und weit weg von allem, was mir vertraut war. Ich wollte hier einen Ort für mich schaffen, an den ich mich zurückziehen und gleichzeitig eine meiner Leidenschaften mit der Welt teilen konnte: ein Bücherparadies gepaart mit Gedanken und Erlebnissen, die mir so in dieser chaotischen Welt widerfahren sind. 
Das ist ein Grundkonzept, das ich auch weiterhin gerne beibehalten möchte. Doch Raumaufteilung, Wandgestaltung, Inhaltsschwerpunkte und Strukturierung haben einfach nicht mehr dem entsprochen, was ich mittlerweile selbst gerne sehe, lese und mit dem ich mich wirklich identifizieren kann. Wie das eben oft nach krisigen Zeiten ist (oder nach sechs Jahren vielleicht auch einfach mal fällig war).

Eigentlich habe ich lange Zeit mit dem Gedanken gespielt, das Bloggen generell sein zu lassen. Zu viel Druck, wenigstens einen Post die Woche, dann im Monat und dann überhaupt mal irgendwann zu veröffentlichen, obwohl ich meine Gedanken gar nicht fokussieren konnte und einfach keinen Drang mehr zum Schreiben hatte. Anstatt meinem Prinzips "Ich habe etwas zu sagen" zu folgen, wurde das hier eine gezwungene "Ich will irgendetwas sagen" - Geschichte, die mich sehr unzufrieden gemacht hat.

Und dann saß ich in einer wunderschönen ruhigen Sommernacht mit einem Bier und zwei Herzensmenschen an der Spree und dachte über verschiedene Dinge nach. Über das letzte Jahr, über letzte Worte und über letzte Gänge. Und darüber, dass langsam wieder alles einen Platz hat, auch wenn ein Platz leer bleibt. Und, dass ich ganz vielleicht bereit bin, auch meinem virtuellen Zufluchtsort wieder Raum zuzugestehen. 

Alles aus dem alten Haus des Wahnsinns gibt es noch. Nur steht es gut verpackt im Keller, um hin und wieder hervorgeholt zu werden. Die Posts sind nicht überarbeitet und die Formatierung ist daher total zerschossen; passend zu archivierten Erinnerungen. Ich wollte sie nicht vergraben, aber mich auch nicht täglich damit umgeben.

So kam also der Umbau, dem hoffentlich auch bald wieder inhaltliches folgt. Wenn nicht, ist das aber auch okay, denn ich will wieder nur dann etwas sagen, wenn ich wirklich auch etwas zu sagen habe. Grundsätzlich habe ich nun offiziell und endgültig den sowieso schwindenden Fokus auf Bücherrezensionen verabschiedet. Wenn ich etwas zu einem Buch schreibe, dann wird es eher in eine thematische Richtung gehen: welche Diskurse werden darin verarbeitet und zu welchen Gedankengängen hat mich die Art der Darstellung und der Inhalt gebracht. Das finde ich mittlerweile sehr viel spannender. Ansonsten will ich mich inhaltlich nicht festlegen und schauen, was da kommt. Alles, was mich in irgendeiner Form inspiriert (so sehr ich dieses Wort eigentlich vermeide, muss ich hier doch mal Lisa Simpson spielen und es nutzen) oder was das Ergebnis einer Inspiration ist, kann und darf hier verarbeitet werden. Auch ich bin gespannt, was da so kommt.

Falls Du es bis hierher durchgehalten hast: Respekt! Eigentlich sollte das hier nur ein kurzer Ja-ich-lebe-noch-Post werden. Der hat sich nun irgendwie verselbstständigt und ist ziemlich lang geworden. Ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Anscheinend hatte ich nämlich doch mal wieder was zu sagen! Ich hoffe, dieser Zustand hält nun wieder für eine Weile an. Für jetzt wünsche ich Dir  erst einmal einen wundervollen Tag mit viel Sonne, deinem Lieblingssommerkleid und vor allem deinen liebsten Menschen um dich herum. Und mit ein bisschen weniger Pathos, als gerade hier serviert wird. Wir lesen uns! ♥

20.03.2017

[Rezi] Erich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues

22:06 2 Comments






Erscheinungsjahr: 2014 (Erstausgabe 1929)
Genre: Kriegsroman
Seitenzahl: 336








"Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren."

Solche Worte, die den Krieg als einen Schrecken ohnegleichen und vor allem ohne Sinn darstellen, ausgesprochen oder gedacht von einem jungen Soldaten direkt an der deutschen Westfront des ersten Weltkrieges, ließen dieses Buch berechtigterweise nicht nur zu einem Weltbestseller, sondern auch zu dem Anti-Kriegs-Buch schlechthin werden. Inwieweit dies vom Autor beabsichtigt war oder nicht, kann und will ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Mir geht es um die Geschichte und um die Bilder, die der Roman von einem Krieg zeichnet, der so blutrünstig und so sinnlos ist wie jeder andere Krieg auch - und die deshalb leider nicht an Aktualität verloren haben.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der junge Soldat Paul Bäumer, dessen analytischer Scharfsinn ihm nicht nur erlaubt, die individuelle Situation der einzelnen Soldaten in das grausige Gesamtkonzept des Krieges einzuordnen, sondern der auch auf ernüchternde und zynische Art und Weise lernen muss, dass der Krieg alle Überlebenden trotzdem niemals wirklich verlassen kann.
Rücksichtlos und ungeschönt schildert Bäumer, was er auf dem Schlachtfeld sieht: zerfetze Körper, mit dem Tode ringende Männer und einem völligen, von Resignation durchdrungenem Zynismus, an den sich die Überlebenden klammern müssen, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Doch nicht jeder aus der Mannschaft hält dem Druck der stetigen Geschosse und Gefahren stand. Manch einer bekommt einen Panikanfall und gibt seinem Fluchtinstinkt nach - inmitten der Schlacht, ohne Deckung. Nicht, dass solche Tode wesentlich unnötiger und tragischer sind als alle anderen verlorenen Leben in einem Krieg. Aber es verdeutlicht sehr eindringlich, wie die Lage innerhalb einer Einheit eskalieren kann, weil aus kontrollierten Soldaten hemmungslose, ihren Instinkten folgenden Menschen werden.

Bäumer sammelt um sich eine lustige Gruppe von Männern - teilweise aus alten Schulkameraden und teilweise aus alten, gewieften Haudegen. Diese Gruppe stellt eine Art Familie dar - eine Familie, aus der jeden Tag, jede Sekunde ein Mitglied gerissen werden kann, ohne dass jemand aktiv etwas daran zu ändern vermag. So gibt es nicht nur einen Kameraden, dem Bäumer beim Sterben beisteht. Und danach weitermacht, als wäre nichts geschehen. Denn die Front muss immer noch verteidigt werden. 

Besonders einprägsam für mich in diesem Buch war die offene Kritik an den Regierungs- und Staatsoberhäuptern, die diesen Krieg provoziert und angeordnet haben. Sie befehlen den Krieg, aber sie führen ihn nicht. Auf dem Feld stehen Familienväter, die bei ihren Kindern sein sollten, Bauern, die besser bei ihren Milchkühen wären, Handwerker, die gerade eigentlich Möbel zusammenschrauben sollten und vor allem junge Männer, fast noch Kinder, die hinter der Schulbank so viel besser aufgehoben wären als hinter einem Bajonett.
Was tut der Krieg gerade mit diesen Menschen? Die, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten und zu keiner eigenen Familie, keinem festen Beruf und keiner wirklichen Stabilität zurückkehren können, sollten sie den Krieg überleben? Die Antwort findet Bäumer während seines Heimaturlaubs: sie verzweifeln. Sie können nichts anderes als Krieg führen, haben vom Leben nichts anderes kennengelernt als den Tod. Wie kann da irgendetwas aus einem alltäglichen Leben von Bedeutung sein?

Ein Krieg hinterlässt neben körperlichen Wunden auch seelische. Ich denke, diese Tatsache ist jedem bewusst. Diese seelischen Verstümmelungen so eindringlich beschrieben zu lesen (mit Informationen aus erster Hand, denn Remarque selbst diente tatsächlich ähnlich wie sein Protagonist im 1. Weltkrieg), hat mich aber noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise erschüttert. Auch, wenn die Kriege heutzutage immer weniger im Mann-gegen-Mann-Kampf geführt werden, sind es dennoch weiterhin Menschen, die als Kanonenfutter sterben, um einigen wenigen bei ihren größtenwahnsinnigen Ideen nach mehr Macht den Weg zu ebnen. Gerade wegen dieser ungebrochenen Aktualität hat mich die Lektüre sehr mitgenommen - aber das spricht durch und durch für das Buch. Keine leichte Kost. Aber absolut lesenswert.

19.03.2017

[Gerede] Oh kostbare Zeit!

17:40 8 Comments
Zeit ist Geld und Geld ist knapp. Gemäß dieser Logik ist auch Zeit ein wertvolles Gut. Eines, das man investieren kann, das einem durch die Finger rinnt, das man verlieren oder gewinnen kann.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind diese Metaphern, mit denen das abstrakte Konzept von Zeit greifbar gemacht werden soll, eigentlich eine Art Handlungsanweisung, wie mit der Zeit umzugehen ist. Nämlich ähnlich wie mit Geld: clever anlegen, um mehr zu bekommen. Sparen, um möglichst viel dafür zu kriegen. Und bloß nicht dekadent verschwenden!
Aber da Zeit für ein kurzes Menschenleben vielleicht so wertvoll erscheint wie Geld, hat sie nun einmal leider ansonsten nicht viel mit diesem Zahlungsmittel gemein. Unter anderem auch das nicht: man kann Zeit nicht sparen. Egal, wie oft diverse Redewendungen diese Tatsache zu leugnen versuchen: Zeit ist vielleicht ein kompliziertes Konstrukt, aber wenn etwas sicher ist, dann, dass sie vergeht. Unaufhaltsam, uneinholbar und unwiederbringlich.

Bei meinen Überlegungen zu Hobbys und die Zeit, die man damit verbringt, wurde mit bewusst, wie kapitalismuisgeprägt die allgemeine Vorstellung von Zeit ist. Und das vermutlich nicht erst, seit Benjamin Franklin 1748 mit dem bis heute beliebten und eingangs zitierten Ausspruch daherkam: "Zeit ist Geld".
Diese Aussage erschien abgedruckt in Franklins Tippsammlung "Ratschläge für junge Kaufleute", und als bekennender Bücherwurm fiel mir beim Nachdenken darüber ein anderes Buch ein, in dem sich eine der Figuren ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Es handelt sich dabei um Frank Schätzings "Der Schwarm" (ein ohnehin absolut grandioses Buch♥) und um eine Feststellung einer sehr weisen Person:


Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie [...]. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.


Das Warten auf etwas oder das Nicht-Eintreten ist nach dieser Einstellung keine verlorene Zeit, weil man Zeit von vorne herein überhaupt nicht besitzt. Sie ist da und man selbst ist da und was passiert, passiert.
Ich finde, das ist ein unwahrscheinlich beruhigender Gedanke. Diese Sichtweise ist nicht nur entschleunigend, sie befreit auch von dem Druck, das unbedingt alles nach einem gewissen (Zeit-)Plan abzulaufen hat. Natürlich nimmt sie nicht die Verantwortung von einem, die Zeit, die man hat, bewusst zu gestalten. Darum geht ist mir ja auch: ich will mein Leben füllen mit Erfahrungen, Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Aber wenn diese Abenteuer darin bestehen, nachts um 3 Uhr zum nächsten McDonald's zu fahren und auf dem Parkplatz dort mit jemandem Pommes zu essen und über die Welt zu philosophieren, dann ist diese Zeit genauso viel wert wie die der Packpacker in Peru, die gerade Cevice in sich reinstopfen. Einfach, weil in dieser Zeit das Leben stattfindet. Auch, wenn es nicht für ein ominöses Außergewöhnliches genutzt wurde.

Es gibt momentan diesen Optimierungs-Trend. Immer muss alles in der bestmöglichen Version da sein. Der eigene Körper, die eigene Persönlichkeit, die Persönlichkeit der Freunde, die Karriere, die Familienplanung, das Auslandsjahr, die Freizeitgestaltung. Alles perfekt. Und mir suggerieren immer mehr Medien, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich nicht irgendetwas in meinem Leben optimiere. Es gibt schließlich immer was zu tun, und das bezieht sich nicht nur auf Baumärkte. 
Aber ich verschwende meine Zeit nicht, wenn ich an einem verregneten Sonntag einen Blogpost schreibe, den vielleicht 8 Leute lesen und der auf einer nicht optimal optimiert gestalteten Internetseite erscheint, weil dort das Design laienhaft und SEO vollkommen irrelevant ist. Ich habe dann keine Zeit geopfert, in der ich hätte Bewerbungen schreiben können. Oder meine Dissertation. Ich habe auch keine Zeit verschwendet oder verloren. Die Zeit war ja trotzdem da. Und mein Leben auch. 

Natürlich ist Zeit kostbar. Aber es ist eine andere Art von Kostbarkeit als Diamanten oder Geld. Man kann sich nicht damit schmücken, sie nicht wegschließen und nicht verschenken. Niemand besitzt Zeit. Aber jeder hat eine gewisse Zeitspanne innerhalb der Geschichte, während der er existiert. Und das kann entspannt sein oder stressig. Wenn optimale Zeitnutzung bedeutet, sich permanent zu stressen, dann lasse ich das mit dem Optimieren lieber, setze mich mit einem Tee auf das Sofa und schaue der Zeit beim verstreichen zu.


12.02.2017

[Rezi] Michel Houellebecq - Unterwerfung

12:39 1 Comments
Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Soumission
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 272


Teaser:
Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.


Handlung
In ein paar wenigen Jahren werden die Wahlen in Frankreich nicht mehr von der rechtsextremen Partei Front National und den liberalen und konservativen restlichen Parteien entschieden, sondern es wird noch eine entscheidende weitere Strömung ins politische Feld eingetreten sein: in Form des Politkers Mohamed Ben Abbes tritt erstmals eine muslimische Partei auf die Bühne. Diese scharrt immer mehr Anhänger um sich und schafft es schließlich als Staatspräsident an die Regierungsspitze gewählt zu werden. So werden zum Teil sukzessiv und zum Teil rasant und offensichtlich nicht nur die westeuropäisch etablierte Staatsorganisation, sondern auch die gesellschaftlichen Werte, auf denen diese aufbaut, umgeworfen und umstrukturiert.

Meine Meinung
Dieser Roman hat hohe Wellen geschlagen - verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.

Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.

Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.