10.08.2017

Zeitreise in die 50er - Filmklassiker

07:30 1 Comments
Die 1950er Jahre sind eine Zeit, die ich schon immer besonders spannend fand. Politisch als Zeit direkt nach den beiden Weltkriegen, gesellschaftlich als Brutstätte verschiedener Jugendproteste, literarisch als Heimat von Camus, Böll und Hemingway und musikalisch natürlich als Geburtsstunde des Rock'n'Roll. Wer denkt bei den 50ern nicht sofort an weit schwingende Petticoats, engsitzende Jeans, tolle Tollen und den Hüftschwung à la Elvis Presley?


Neulich befand ich mich in einer sehr nostalgischen Stimmung und plötzlich bescherte mir mein Gehirn den besten Ohrwurm der Welt. Kostprobe? Bitte schön!


Von einem Lied er Königinnen aller Musicals inspiriert beschloss ich zwei Dinge. Erstens musste ich dringend mal wieder West Side Story anschauen. Und zweitens musste ich außerdem mal (teilweise ebenfalls wieder) einige andere Filmklassiker aus den 50er ansehen, um mich ein wenig mehr mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen. Schließlich schaffen es Filme nicht umsonst in den Kanon - sie repräsentieren immer eine oder mehrere gesellschaftlich relevanten Strömungen - und ich hatte mehr als Lust, im Fluss der 50er  zu treiben. Daher hier nun meine persönliche Auswahl an Must-Watches für diese besondere Zeit:

1. West Side Story (1957)
Wie gesagt: die Königin der Musicals. Die Mutter der Musicals. Quasi das Urmusical schlechthin - alleine deshalb ist es schon einen Blick wert. Die Musik von Leonard Bernstein ist mindestens ebenso ausdrucksstark wie das grandiose Szenenbild und die wundervoll (denke ich zumindest) authentischen Kostüme. Allein der Anfang ist absolut genial inszeniert. In den ersten 10 Minuten wird die Ausgangssituation der Geschichte alleine durch Musik, Mimik und Gestik und tänzerischen Elementen der Schauspieler dargestellt - alles ohne dass ein Wort gesprochen wird!
In groben Zügen geht es um zwei rivalisierende Jugendgangs in New York: die Jets und die Sharks. Beide setzen sich zusammen aus Jugendlichen - den so genannten Halbstarken - die in der Gesellschaft keinen Platz haben. Die weißen, aber aus sozial schwachen Verhältnissen kommenden Jets gegen die eingewanderten, puertoricanischen Sharks. Kernelement ist die Liebesgeschichte, die sich unter Rückgriff auf den Romeo-und-Julia-Stoff Shakespears zwischen Tony von den Jets und Maria von den Sharks entspinnt. Und leider auch so ähnlich ausgeht. 
Besonders spannend gerade im Vergleich zu heutigen Musical-Filmen finde ich die eindeutige Gesellschaftskritik, die sich unter anderem auch gegen polizeiliche Willkür richtet. Es ist also nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern durchaus eine reflektierende Handlung.

2. Blondinen bevorzugt (1953)
Falls man Marilyn Monroe in einer ihrer Paraderollen sehen möchte, muss man sich diesen Film unbedingt ansehen. Sehr überzeugend spielt sie das naive aber hübsche Dummchen. Sogar so überzeugend, dass es mir in der einen oder anderen Szene ein wenig zu dumm war. Doch gerade diese Überzeichnung machen den Film aus und spätestens am Ende wird auch mehr als deutlich, dass Lorelei (aka Marilyn Monroe) alles andere als dumm ist, sondern im Gegenteil sehr intelligent und berechnend ist. Als Showgirl ist Lorelei sehr erfolgreich - noch erfolgreicher ist sie allerdings darin, reiche Männer zu bezirzen. Ihr großes Ziel: reich zu heiraten. Und einen angemessenen Kandidaten hat sie auch schon im Auge: Gus, der dank des Vermögens seines Vaters Absurd komisch ist die Handlung, einige fast schon slapstickartige Szenen, scharfe Kritik am Materialismus gekoppelt mit unvergessenen Liedern machen diesen Film aus. Und natürlich: die umwerfenden Outfits der beiden Hauptfiguren Lorelei und Dorothy die ungefähr in jeder Szene wechseln und für die alleine es sich schon lohnt, den Film zu schauen. Und wenn man an Klamotten nichts hat, kann man wenigstens folgende Lebensweisheit mitnehmen:



3. Denn sie wissen nicht was sie tun (1955)
Wo wir gerade bei Paraderollen und eben noch bei Halbstarken waren, darf ein Name natürlich nicht fehlen: James Dean. Auch wenn er mich persönlich als Schauspieler nicht so sehr vom Hocker haut und ich mich frage, ob er an seine Erfolge hätte anknüpfen können, wäre er nicht so früh verstorben. Aber dennoch bietet der Film einen spannenden Einblick in den Zeitgeist. Denn bereits in den 50er Jahren (und wahrscheinlich schon immer) hat sich die Jugend missverstanden und deplatziert gefühlt. Es ist ja eigentlich offensichtlich, aber dennoch interessant, es bildlich vorgeführt zu bekommen. Thematisiert werden Streitereien mit den Eltern, Gewalt und Mutproben, um sich unter Gleichaltrigen eine Position zu erkämpfen und welche Folgen das alles im Extremfall haben kann. Zeichen für die jugendliche Rebellion waren damals nicht nur das bestimmte Verhalten, sondern vor allem die Outfits bestehend aus Jenashosen und T-Shirts. Bis dato trug man T-Shirts ausschließlich unter den Hemden und niemals als eigenes Kleidungsstück. Ganz valides Mittel, um sich von den Erwachsenen abzugrenzen also.


Natürlich gibt es noch einige andere Filme aus dieser Zeit, die absolut sehenswert sind und es leider bloß nicht in meine Top-3 geschafft haben. Wie sieht es mit euch aus? Habt ihr bestimmte Filme aus den 50er, die ihr gerne schaut? Oder könnt ihr mit diesen alten Schmonzetten gar nichts anfangen?

02.08.2017

Armbandmanufaktur

07:30 0 Comments

Schon vorletztes Jahr im Sommer entdeckte ich das Knüpfen wieder für mich - einer der wenigen Trends aus den 90ern, dessen Revival keine Gänsehaut bei mir hervorruft. Irgendwann werdet ihr alle die Karottenjeans aus Samt berreuen - Generationen vor euch ging es genauso!

Jedenfalls haben wir früher in der Grundschule wie am Fließband Knüpfarmbänder hergestellt. Da wurde sich nach der Schule auf dem Spielplatz getroffen, Wollfäden auf einen Haufen geworfen, Knüpfmuster ausgetauscht und dann ging es los. Das Setup mit einer Sicherheitsnadel an der geringelten Radlerhose festgesteckt und die Arbeit konnte beginnen. Leider sind mir aus dieser Zeit keine Armbänder erhalten geblieben und auch das Knüpfen selbst ist nicht mehr sehr präsent in meinem Kopf gewesen. Aber wozu gibt es Youtube und ein haptisches Gedächtnis? Nach ein paar Reihen war alles wieder da und mein Repertoire hat sich um einiges erweitert. Deshalb werden auch alle meine Freunde seit zwei Jahren regelmäßig mit solchen Armbändern beschenkt. Herzen, Smileys, Anker, Packman, Totenköpfe, ich kann alles und fühle mich mindestens so cool damit wie damals in der dritten Klasse.

Für mich persönlich darf es aber gerne ein grafischeres Muster sein. Man ist ja schließlich dennoch erwachsen. Was ich außerdem auch wieder gelernt habe, ist der Schiebeknoten - damit kann man größenverstellbare Armbänder machen - wie dieses, das ich aus einem alten Lederband und einem Anhänger gezaubert habe, der sowieso nur bei mir herumgeflogen ist.


Aber wo wir gerade bei Geschenken waren: natürlich habe ich auch etwas für die Potterheads unter meinen Freunden in der Hinterhand. Wie wäre es zum Beispiel dieses kleine schicke Armband im Slytherin-Stil? Noch kann ich das Muster zwar nicht auswendig und brauche deshalb recht lange dafür, aber spätestens nach dem vierten "S" sollte das recht zackig gehen. Und ein paar Tage habe ich zum Glück auch noch Zeit, um es fertig zu stellen.



Habt ihr früher auch wie wild diese Armbänder geknüpft und seid wie Wolle Petry behangen durch die Gegend gerannt? Und was haltet ihr vom 90er Revival? Im Fall dieser Armbänder bin ich ja voll dafür!

25.07.2017

In the End

07:30 2 Comments


Es ist ja so: wenn ein Mensch diese Welt verlässt, ist das immer schrecklich, unfassbar traurig und einfach verdammt beschissen. In der Regel ist es für die Familienmitglieder, die nächsten Angehörigen und die engsten Freunde besonders schlimm - für sie ist die Lücke, die eine plötzlich fehlende Person hinterlässt, am größten. 
Bei Personen des öffentlichen Lebens ist die Sachlage immer noch einmal ein wenig komplizierter, weil nicht nur die Liebsten des Verstorbenen um die Person trauern, sondern ebenso viele Fans um den Künstler und sein Werk. Auch diese Trauer ist berechtigt und sehr emotional. Dennoch habe ich mich bisher immer stark davon distanziert. Ich habe es als vermessen und hochmütig empfunden, deutlich betroffen von dem Tod eines Menschen zu sein, den ich persönlich nicht einmal kannte und der von meiner Existenz erst recht nichts wusste. Doch mal wieder scheint es so, als hätte mich mangelnde Lebenserfahrung zu diesem Urteil geführt, das ich nun vielleicht nich völlig revidieren, so aber doch relativieren muss.

An manchen Tagen fällt es wohl jedem schwer, aus dem Bett zu steigen. Stress, Druck, Angst, Wut, Probleme mit Freunden und Familie, mit sich selbst und der Welt hängen wie ein Baldachin darüber und man ist nicht in der Lage, den Vorhang aus Negativität zur Seite zu schieben. Zumindest nicht alleine. Mein Mittel dagegen ist eigentlich schon immer Musik gewesen. Bloß zwei Songs, bei denen ich mich verstanden fühle, helfen mir dabei, die Kraft zu finden und mich unter diesem Baldachin hervorzukämpfen. 
Linkin Park gehört seit über zehn Jahren zu den Bands, die es immer wieder schaffen, mich aus dem Sumpf zu ziehen. Auch ich bin kein Fan des neusten Albums, aber die alten Stücke prägten nicht nur meine Teenager-Zeit, sondern gehören auch heute noch zu meinen regelmäßigen Begleitern. In den für mich durchwachsendsten Phasen hat diese Band formuliert, was ich nicht im Stande war, in Worte zu fassen und die Schreie gebrüllt, die ich - zurückgezogen in mich selbst - nicht selbst herauslassen konnte. Die Songs kanalisierten meine Wut, meine Verzweiflung und lenkten sie aus mir selbst heraus, damit ich nicht daran ersticken musste.
Dass jemand, dessen Kunst mir und vielen anderen so sehr  dabei geholfen hat, nicht aufzugeben, es selbst nicht geschafft hat und am Leben zerbrochen ist, ist nicht nur tragisch, sondern grausame Ironie des Schicksals.

Dass ich tatsächlich um eine für mich unbekannte Person trauere, habe ich erst realisiert, als ich einen Tag nach dem schrecklichen Ereignis zum ersten Mal wieder einen LP-Song gehört habe. Ich habe ihn plötzlich mit anderen Ohren gehört, wenn man das so sagen kann. Mit ehrfürchtigeren, schmerzerfüllteren und dankbarerern Ohren. 
Und gerade deshalb wünschte ich mir, dass in der ganzen öffentlichen Diskussion nicht mehr so viel spekuliert wird über seine Motive, Drogenabhängigkeiten oder seelischen Zustände. Ich wünsche mir, dass Depressionen und psychische Erkrankungen allgemein in den Vordergrund rücken und weniger stigmatisiert werden. 

Chester Bennington hat trotz allem nun hoffentlich Frieden gefunden. Und ich wünsche mir, dass die gesellschaftlichen Debatten endlich beginnen, nicht mehr dort anzusetzen, wo es zu spät ist, sondern da, wo noch geholfen werden kann. Nicht immer reicht Musik aus, um wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen. Das rechtzeitig zu merken und dagegen anzusteuern, ist vor allem deshalb schwer, weil es in unserer Gesellschaft nach wie vor als "schwach" angesehen wird, nicht "alleine fertig zu werden". Aber man wird auch mit einer Lungenentzündung nicht alleine fertig und geht bei entsprechenden Symptomen zum Arzt. Genau das sollte man auch mit seelischen oder psychischen Auffälligkeiten tun können, ohne sich noch verletzlicher und schwacher fühlen zu müssen, als sowieso schon.
'cause in the end it does matter. Very much.

20.07.2017

Hektik

08:30 4 Comments

To-Do-Liste
  • Präsentation vorbereiten
  • Aufsätze kopieren
  • Wäsche waschen
  • Geschirr spülen
  • 2-8 Telefonate führen (dringend!)
  • Bücher abgeben
  • Geschenk für L. besorgen
  • einkaufen (Klopapier!!)
  • Paket zur Post bringen

Weckerklingeln Zähneschrubben Schreibtisch ruft lesen schreiben lesen schreiben vor der Arbeit schnell in den Supermarkt - Brot - Milch - Eier - Obst - Wäsche in die Trommel Timer stellen Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt Topf einweichen in den Bus hüpfen Zwischenstopp bei der Post Arbeit runterrocken alles will sofort erledigt werden aber sorgfältig bitteschön bestimmtes Buch kaufen danke als Geschenk verpacke ich es selber Treppen hochhechten tausche Arbeitsschuhe gegen Sportschuhe mist Klopapier vergessen! rauf aufs Rad schon vorm Sport schwitzen nach dem Sport noch mehr immernoch nicht alle Punkte abgehakt ab zur Bibliothek auf dem Rückweg nochmal in den Supermarkt Heimweg führt am Hafen vorbei.

Plötzlich.

Sanftes Wasserrauschen.

Möwenschreie.
Kinderlachen.

Langsam gleitet ein Zweimaster vorbei und liegt dann ruhig am Kai.

Atmen. Ein. Aus.


Die To-Do-Liste zerreißen. Liebe Freunde herbeirufen. Feierabendbier trinkend Schiffe beobachten. Eine viel zu unterschätzte Therapiemethode.

15.07.2017

Ambivalenzen

15:22 2 Comments


Im Internet hat jeder eine Stimme. Wenn es eine Errungenschaft der gegenwärtigen Zeit gibt, dann ist es die, dass jeder der breiten Öffentlichkeit mitteilen kann, was er zu sagen hat. Ob es das tatsächlich wert ist und/oder ob es wirklich jemand bemerkt, ist natürlich eine andere Sache. Aber die vernetzte Gesellschaft bietet zumindest nie da gewesene Möglichkeiten für jeden, sich in irgendeiner Form Gehör zu verschaffen, sich mit anderen zu verbinden und seine Standpunkte zu vertreten. Wenn etwas im Internet steht, kann es potentiell von jedem gefunden und wahrgenommen werden.

Diese Tatsache führt zu Phänomenen, die mir in Momenten, in denen ich an der Menschheit zweifele, wieder ein wenig Hoffnung geben. Hoffnung darauf, dass in mittelferner Zukunft doch nicht alles vor die Hunde geht. Weil es immernoch einen ganzen Haufen von Leuten gibt, denen der gesunde Menschenverstand nicht abhanden gekommen ist und die Problemen und Diskussionen nicht mit Gewalt und  Chaos begegnen.
Vergangene Woche hatte ich - wie viele andere sicher auch - so einige Zweifelmomente. Beim G20-Gipfeltreffen fanden sich die 19 angeblich wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und Vertreter der EU zusammen, um sich über die Geschicke des Weltgeschehens zu beraten. Kritik daran sehe ich nicht nur als berechtigt, sondern sogar als notwendig im öffentlichen Diskurs an. Aber darum soll es selbstverständlich hier nicht gehen - wie es eigentlich in 80% der Berichterstattung über das Gipfeltreffen auch nicht um die inhaltlichen Aspekte ging, sondern um das Drumherum im Austragungsort Hamburg. Denn die Schanze hat gebrannt. Das diplomatische Treffen, das darüber verhandelte, welche Menschen in nächster Zeit für den eigenen Wohlstand ausgebeutet werden dürfen und daher genuin selbst gewaltbereit ist oder zumindest Unterdrückung in Kauf nimmt, wurde überschattet von unmittelbaren Gewalttaten, unfassbaren Aggressionen sowie herz- und sinnlosen Angriffen auf völlig Unbeteiligte. Eigentlich eine ganz treffende Analogie. Dennoch oder gerade deshalb genauso scharf zu kritisieren. 

Die Lage eskalierte natürlich hauptsächlich zwischen der schwer hochgerüsteten Polizei und erst einmal den in Hamburg ansässigen Linksautonomen. Wie genau es dazu kam und wer wann welche Fehler begangen hat, lässt sich natürlich nur schwer nachvollziehen und je nachdem, auf welcher Seite Augenzeugen gestanden haben, verschiebt sich auch der Blickwinkel auf die Ereignisse. Einen sehr objektiven Beitrag dazu hat der WDR produziert (gibt es hier), der genau diese Tatsache verdeutlicht. Fakt ist, dass beide Seiten eine Eskalation bereits im Vorfeld angekündigt hatten und es daher kaum verwunderlich ist, wie sich die Lage entwickelt hat. Eine relativ kleine Menge an schwarz vermummten Personen kann schnell dazu führen, dass die Stimmung bei einer friedlichen Demonstration ins Aggressive umkippt, denn mit einer Schwarzen-Block-Formation verstehen die Polizeibeamten keinen Spaß. Und genauso passieren unrechtmäßige und unverhältnismäßige Übergriffe auf Zivilpersonen - wenn die Polizisten nicht mehr unterscheiden können, wer Aggressor ist, müssen alle greifbaren Menschen im Umfeld damit rechnen, niedergeknüppelt zu werden. Es gibt in diesem Fall leider kein schwarz-weiß, keine gut/böse - Dichotomie, sondern eine von beiden Seiten geförderte Gewaltanwendung, die das politische Geschehen in den Schatten gestellt und den Blick von den vielen kreativen und gewaltfreien Protesten abgelenkt haben.

Das alles aus relativer Nähe mitzubekommen (schließlich bin ich Wahlnordlicht und nah dran an der schicken Hansestadt), ist schon ganz schön heftig gewesen. Desillusionierend. Verstörend. Und im Grunde immernoch unfassbar für mich.
Aber zum Glück begegnen einem im Internet nicht nur die Videos mit Wasserwerfern und Ziegelsteinen, die Kampfaufrufe und fadenscheinige Rechtfertigungsversuche. Man findet auch Beiträge von Hamburgern und Polizisten gleichermaßen, die sich stark von den Krawallen distanzieren und diese Ausschreitungen auf beiden Seiten verurteilen. Leute, die sich nach dem Wochenende getroffen haben, um die Stadt gemeinsam aufzuräumen, nachdem sie in einem infantilen Perpetuum Mobile zerlegt worden ist. Da ging mir dann wieder ein bisschen das Herz auf.

Das Internet wird oft als eine Art Teufelswerk dargestellt, weil rechte Hetze und Hasskommentare zu dominieren scheinen. Aber es kann auch dieser virtuelle Ort sein, wo sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam ein bisschen mehr Gutes in die Welt zu bringen. Hochwasseropfern helfen, Bedürftigen Kleidung zu spenden oder eben in Hamburg den Besen zu schwingen. Und dann ist es ein ganz zauberhafter Ort - man muss sich eben einfach da umschauen, wo es sich lohnt ♥

04.07.2017

Alice im Wunderland (1871)

22:55 6 Comments


Eine Geschichte, die vermutlich jeder kennt und zu der es auch im Keller dieses Hauses eine mehr oder weniger ausführliche Rezension gibt, lag jüngst wieder auf meinem Nachttisch. So konnte ich vor dem Schlafen immer noch einen kleinen Ausflug ins Wunderland machen und ein bisschen die Gedanken schweifen lassen.

Dabei stieß ich natürlich auch auf das wohl bekannteste Zitat des Buches, ausgesprochen von der wohl coolsten Figur des Buches - nämlich der Grinsekatze.
"Oh, you can't help that. We are all mad here. I'm mad. You're mad."
Und tatsächlich sind die Adjektive, mit denen man die Figuren und die gesamte Geschichte wohl am ehesten beschreiben kann wohl solche wie "verrückt", "wunderlich" oder "wahnsinnig". Es gelten keine Normen, keine Ordnungsprinzipien und keine Verhaltensrichtlinien mehr, die für den Leser (oder Alice) nachvollziehbar wären. Gleichzeitig ist eigentlich niemand wirklich freundlich, man begegnet sich gehetzt, unhöflich oder gar mit Mordbefehlen. Alice schafft es einfach nicht, sich mit den Bewohnern des Wunderlandes zu verständigen. Viele Missverständnisse pflastern Alice' Weg, weil die verrückten Figuren an ihren verrückten Handlungsweisen festhalten und starr den einmal etablierten Regeln folgen - so unsinnig diese auch sein mögen. Bis ins Extreme in den Strukturen gefangen, sehen die Wunderlandbewohner gar keine Handlungsalternativen mehr. Selbst dann nicht, als Alice sie ihnen quasi vor die Nase hält.
Wenn man es so betrachtet, gibt es mehrere Ebenen von Verrücktheit in diese Geschichte, die keine realitätsferne, sondern eine realitätsüberzeichnende ist. Und Alice, die sich das alles erträumt und in einer Phantasiewelt lebt, ist gar nicht die verrückte. Sondern eher die erwachsenen Tiere, die überall herumlaufen, seltsame Dinge tun, Alice als Kind nicht ernst nehmen und völlig unflexibel auf unvorhergesehene Situationen reagieren. 

Beim Lesen des Buches ist mir ein Moment eingefallen, den ich als Kind erlebt habe. Auch da haben die Erwachsenen irgendetwas völlig unlogisches getan und mir gesagt, ich würde das schon verstehen, wenn ich älter bin. Ich - ungefähr acht Jahre alt - habe mir so fest vorgenommen, dass ich das ruhig verstehen darf, aber niemals aufhören würde, auch die Kinderseite zu verstehen. Weil ich das Gefühl hatte, dass die Erwachsenen schon so lange keine Kinder mehr sind, dass sie gar nicht mehr wissen, wie die Welt wirklich funktioniert. Denn Kinder haben natürlich den Durchblick, das ist ja klar.
Und jetzt habe ich mich dabei ertappt, dass ich auch schon ganz schön lange erwachsen bin und viele Dinge einfach akzeptiere, ohne sie zu hinterfragen. Weil das alles einfach so ist. Mittlerweile spiele ich selbst meine Rolle in dem seltsamen Gerichtsverfahren des Lebens und mache einfach, was man so macht. Hetze durch das Leben, wundere mich weniger und bin wahrscheinlich auch zum Freundlichsein zu beschäftigt. Und das ist auch genau der Grund, aus dem ich Alice im Wunderland immer wieder gerne lese - um mir meiner eigenen festgefahrenen Denkstrukturen bewusst zu werden. 'Verrückt' im Wunderland bedeutet, komplett den unverständlichen aber etablierten Logiken zu folgen. 'Verrückt' in der Realität bedeutet, aus eben diesen Logiken auszubrechen. Und genau das sollte man auch hin und wieder auch mal tun.

28.06.2017

Kleiner Heimgarten

20:42 4 Comments
Meine Oma liebte Pflanzen und Blumenüber alles. Wenn es in ihrer Generation überhaupt einen Begriff von Hobby und Freizeitgestaltung gibt, dann war es für sie der Garten. Von fast jeder Pflanze wusste sie den idealen Standort, die optimale Pflege, kannte ihre lateinischen Namen und die diversen Verwendungszwecke. Vor allem aber freute sie sich jedes Jahr wieder erneut von Herzen, wenn ihre Schützlinge anfingen zu blühen.

Den grünen Daumen hat sie mit leider nicht mitgegeben - dafür aber die Freude am Blütenzauber und das Interesse für Pflanzen. Paradoxerweise habe ich dieses Interesse bisher wenig kultiviert und in Ermangelung von Garten oder Balkon sah ich da auch keine zukunftsnahe Möglichkeit, dies zu ändern. Doch dann entdeckte ich spontan einen wunderschönen Hibiskus und beschloss, einen Fensterbank-Garten-Versuch zu starten.

Eingezogen sind nun neben dem Hibiskus erst einmal ein angeblich extra strapazierfähiges Basilikumstöckchen und ein kleiner Zitronenthymian. Außerdem hat mir eine Kollegin einfach mal drei Tomatenpflanzen aus ihrem Garten mitgebracht und wir sind beide nun ganz gespannt, ob diese auch hinter dem Fenster ein paar Früchte tragen werden. Wachsen tun sie auf jeden Fall schon einmal sehr gut, obwohl ich nur Ost- und Westfenster habe und Tomaten ja - ähnlich wie der Hibiskus - eigentlich sehr viel Sonne mögen.

Fürs erste gefällt mir das hier alles schon einmal sehr und ich bin auch bisher noch nicht inkonsequent mit der Gießerei geworden. Ich bezweifle auch, dass mir das jemals passieren wird, denn ich habe jede Gießempfehlung für die jeweiligen Pflanze vermutlich 20 Mal recherchiert und wahrscheinlich für immer in meinem Gedächtnis eingespeichert. Die Tomaten haben sogar schon eine Umtopfaktion überstanden und sich anscheinend mittlerweile gut in ihren neuen Töpfen eingelebt.
Drückt den Pflänzchen und mit die grünen Daumen, dass das Experiment glückt!


Wie ist es denn bei euch? Seid ihr Pflanzenfreunde und habt die Möglichkeit, das auszuleben? Oder lasst ihr lieber die Finger vom Grünzeug?

22.06.2017

Remember me - Lebe den Augenblick (2010)

18:39 0 Comments



Fast alles, was du tust, ist letzten Endes unwichtig. Aber es ist wichtig, dass du es tust.





Mit diesem Zitat von Mahatma Ghandi beginnt und endet der Film, den ich mir einer recht arroganten Haltung zu schauen begonnen habe. Was soll man schon erwarten von einem Hauptdarsteller, der als schmalzlockiger Vampirdarsteller bekannt ist, von einer recht stereotypen Figurenkonstellation und von einem vermeintlich vorhersehbaren Handlungsverlauf.
Doch ich wurde eines besseren belehrt. Von den Schauspielern ebenso wie von der Storyline. Es gab einen Moment - als Tyler und Ally zusammenkommen - in dem ich dachte, dass garantiert der chaotische beste Freund Tylers irgendwann verraten wird, dass es eine Art Wette zwischen ihm und Tyler war, weshalb letzterer Ally überhaupt erst angesprochen hat. Aber da habe ich die Mehrdimensionalität der Figuren noch völlig unterschätzt. Und wurde von dieser ebenso überrascht wie von dem knallenden Ende der Geschichte.

Dabei war ich eigentlich nach den ersten Minuten schon gefesselt: ein völlig sinnloser Mord an einer Mutter, die mit ihrer Tochter am Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Allein schon die Kameraführung baut so eine beklemmende Stimmung auf, die sich dann blitzschnell entlädt - ein genialer Einstieg. Vor allem auch deshalb, weil es danach mit einem völlig anderen Handlungszweig viele Jahre in der Zukunft weitergeht, sodass man erst einmal nicht weiß, wie diese ersten Szenen später mit der aktuellen Handlung zusammengeführt werden.
Tyler, 21 Jahre alt und Sohn eines erfolgreichen Anwaltes in New York City. Verloren in der Welt, wütend auf seinen Vater, der seine Kinder stark vernachlässigt und gleichzeitig sehr liebevoll im Umgang mit seiner kleinen Schwester Caroline, wird diese Rolle von Robert Pattinson verkörpert. Ohne Angst vor Hässlichkeit (sehen wir von einer einzigen Einstellung mal großzügig ab) und ohne große Donnerschläge spielt er diese Rolle des melancholischen, verirrten Jungen sehr glaubwürdig. Generell ist die Besetzung unheimlich überzeugend. So auch Emilie de Ravin, die die Rolle der Ally übernommen hat. Auch Ally ist nach dem tragischen Tod ihrer Mutter in der Welt verloren, reagiert darauf aber nicht mit Wut und Depression, sondern ist abgeklärt und in vielen Beziehungen knallhart. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, die (fast) völlig frei ist von Kitsch oder übertriebenem Pathos.

Beinahe mehr als die Schauspieler selbst und die starke Figurenkonzeption haben mich die Kombination von Musik und Kameraführung beeindruckt. Selten habe ich so einen passenden, manchmal scheinbar inkongruenten, Soundtrack zu einem Film gehört. 
Bezüglich der Kameraführung bin ich kein Experte und wenn selbst ich bei einer Kamerafahrt oder einer Einstellung die Mehrschichtigkeit des Bildes bemerke, will das schon etwas heißen.
Mal mehr und mal weniger hat man die ganze Zeit über das Gefühl, dass die Figuren auf eine Katastrophe zusteuern - und das tun sie am Ende auch. Allerdings ganz anders als erwartet.

*ab hier wird gespoiltert*

Die Szenen am Ende liefern erneut genial inszeniert die Puzzelteile, die den Zuschauer am Ende wissen lassen, welche Katastrophe geschehen wird. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts in den Raum hinein, sodass die Fensterfront immer größer wird. Caroline sitzt in der Schule und an der Tafel steht das aktuelle Datum: der 11. September 2001. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts aus dem Gebäude nach draußen, sodass deutlich wird, in welchem Gebäude sich das Büro des Anwalts befindet. Es ist einer Zwillingstürme des World Trade Centers.

Unheimlich eindrücklich dargestellt hat mich dieser Ausgang sehr bewegt. Die Katastrophe ist nicht nur eine persönliche. Die Figuren sind Teil einer viel größeren Katastrophe, die vom heutigen Standpunkt aus eine Zäsur in der Weltgeschichte markiert. Allegorisch stehen die Figuren des Films für Tausende von Einzelschicksalen, die von dem heftigsten Anschlag der jüngeren Geschichte getroffen wurden.

Dennoch endet der Film nicht düster. Sicherlich traurig, aber der Schockmoment wird ein wenig durch die letzte, lebensbejahende und dankbare Szene ein wenig abgemildert. Es ist ein Versuch, die vielen zerstörten Leben mit Bedeutung zu versehen. Dieser Versuch gelingt für mich. Ghandis Satz vom Anfang gewinnt durch diesen Ausgang eine ganz neue Dimension und auch die gesamte Geschichte erscheint in einem völlig neuen Licht. Denn es ist doch wirklich so, dass man für die Menschen, die man berührt hat auch nach den Tod noch weiterwirkt. Das ist global und gesamtgesellschaftlich vielleicht nicht viel, aber es ist definitiv auch nicht bedeutungslos. 

17.06.2017

Abtauchen in düstere Zeiten

17:21 0 Comments



Heute präsentiere ich euch ein super einfaches DIY, mit dem ihr ganz schnell dieses praktische Nudelsieb aus einem alten Soldatenhelm basteln könnt!


Neu in der Produktpalette ist außerdem diese total süße Gasmaske - die kann wirklich jeder tragen. In modischem olivgrün und perfekt geschnitten, um den optimalen Schutz bei austretenden Gasen zu gewährleisten.


Hätte es zu Zeiten der Propagandamaschinerie des Nationalsozialismus' bereits Youtube gegeben, hätten die zuständigen ..nennen wir es Marketingstrategen sicher nicht zweimal überlegt und sofort bekannte Lifestyle-Youtuber Videos mit oben skizzierten Konzepten drehen lassen.
Auch das familienfreundliche Informationsmagazin Die Sirene hätte vermutlich nicht nur informative Artikel zum Luftschutz abgedruckt, sondern sich auch BRAVO-like an der Reichweite von Youtubern bedient. Vielleicht in Form eines kleinen Fotoromans, in dem sich der Youtuber mit 1.000 weiteren Einwohnern Berlins geordnet und zügig beim ersten Warnsignal in den nächstgelegenen Luftschutzbunker begibt und dank seine vorbildlichen Verhaltens nach 60-minütiger Wartezeit wieder in sein gemütliches Filmzimmer zurückkehren kann.
Vielleicht wäre in diesem hypothetischen Fotoroman der Luftschutzbunker Gesundbrunnen der Hauptort der Handlung gewesen. Dieser wurde im Verlauf des zweiten Weltkrieges in den bereits existierenden U-Bahnhof hinein gebaut. Und zwar als klar wurde, dass der Krieg entgegen aller Versprechungen sehr wohl ins "eigene" Land zurückkommt und dummerweise nur für 4,5% der berliner Stadtbevölkerung Schutzräume zur Verfügung standen. Und genau, wie es bis heute im Marketing praktiziert wird, würde in dem Fotoroman, sowie in sämtlicher Kommunikation nach außen verschwiegen werden, dass der angebliche Schutz lediglich aus 80 Zentimetern dünner Betondecke bestand. Zum Vergleich: der Schutzbunker des Reichkanzlers wies eine Deckenstärke von vier Metern Stahlbeton. Doch unser Youtuber würde auf dem betreffenden Foto mit strahlendem Lächeln nach oben zeigen und die Sicherheit des Bunkers loben.

Zum Ende des Krieges fanden im Luftschutzbunker Gesundbrunnen bis zu 3.000 Menschen Zuflucht und hatte damit wie jeder Schutzbunker in Berlin eine 200-300prozentige Überbelegung. Eng gedrängt in stickigen, dunklen Räumen wurden die Bombenangriffe ausgesessen. Teilweise bis zu fünf Mal am Tag. Tatsächlich passiert ist dort auch nie etwas - zumindest nicht durch Bomben. Denn eben dieser Bunker wurde zufällig nie getroffen und war so durch eine glückliche Fügung und nicht durch die angebliche Fürsorge des Staates wirklich ein einigermaßen sicherer Ort.
Diese nicht-existente Fürsorge äußerte sich auch in der Gründung des Reichsluftschutzbundes. Dieser wurde bereits Anfang der 1930er Jahre gegründet - zu einem Zeitpunkt, an dem von Krieg offiziell noch gar keine Rede war. Man gründete diesen Bund laut der Propagandamaschinierie lediglich zum Schutz, falls mal irgendwann etwas passieren sollte. "Nur zum Schutz" war und ist kein Argument, sondern eine bestimmte Kommunikationsstrategie, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Unter anderem aus der ehemaligen Zufluchtsstätte im U-Bahnhof Gesundbrunnen sind heute die Räume des Berliner Unterwelten Museums geworden. Durch den authentischen Ort und die zum Teil original erhaltenen Räume nähert man den Besucher an die Themen Bombenkrieg, Gefahr aus der Luft und Luftschutz an. Details fernab des Geschichtsunterrichts vermitteln eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Zivilbevölkerung während des Krieges gelebt hat und wie sich dieser Teil der Geschichte in den berliner Untergrund eingeschrieben hat. 
Um den Besuch dieser Bunkeranlage nicht nur beklemmend und bedrückend zu gestalten, erfährt man in den letzten Räumen auch noch weitere spannende, den Untergrund betreffende Dinge: etwa zum Abwassersystem, dem großartigen Netz der Rohrpost und der vielfältigen Bierbrauerei im 19. Jahrhundert. Doch am Ende der Tour steht eigentlich nur ein Gedanke: Krieg ist der letzte Dreck. Ein sinnloses Verpulvern von Menschenleben. Und die Werbemaschinerie drumherum hätten geschmackloser und scheinheiliger nicht sein können.

1936 gab es noch keine Youtuber, Instagramer oder sonstige Influencer. Aber alle anderen Produkte der massenmedialen Kommunikation wurden bis ins kleinste Detail instrumentalisiert. Das ist schon grundsätzlich verwerflich. Aber richtig ekelhaft wird es erst im Kontext des Krieges und des Sterbens tausender Menschen. Das Kennenlernen verschiedener Einzelschicksale und das Nachvollziehen ihrer Lebensrealität geht weit über die Faktenlernerei im Geschichtsunterricht hinaus. Mich hat der Besuch dieser  Anlage extrem beeindruckt, mal wieder sehr wütend gemacht und zu neuem Aktionismus motiviert. Wer also an einem verregneten Tag in Berlin ein wenig Zeit hat und keine klaustrophobischen Anwandlungen bekommt, sollte diese Führung unbedingt einmal mitmachen!

12.06.2017

Wenn einem selbst die virtuelle Decke auf den Kopf fällt...

23:43 2 Comments
... braucht man dringend einen Tapetenwechsel.
Generell ist es bei akuten Anfällen von "Ich weiß einfach nicht wohin mit mir, meinen Sachen oder meinem Leben" hilfreich und daher ratsam, einfach mal ein bisschen was zu verändern. Das Klischee,  dass Frauen nach einer Trennung erst einmal zum Friseur rennen, kommt nämlich tatsächlich nicht von ungefähr. Passieren einschneidende Dinge im Leben, tun Veränderungen, Umstrukturierungen oder Neudenken einen besonderen Dienst: sie markieren den Übergang einer bestimmten (blöden) Phase in eine andere (wieder lichtere) Phase und sind damit meiner Meinung nach äußerst wichtig für einen Verarbeitungsprozess.

Nun kann es natürlich vorkommen, dass man eine richtig miese Zeit erlebt, in der eine Drecksphase auf die nächste folgt. Und dann hilft manchmal nur noch: Koffer packen und umziehen. Denn ein neuer Haarschnitt würde das emotionale Überwinden nicht ausreichend repräsentieren.
Weil das in der realen Welt aber leider nicht so einfach möglich ist, muss man irgendwie lernen, mit der gegebenen Situation umzugehen. Auch, wenn ich sicher bin, dass man manche Dinge nie überwinden kann (und möchte), ist es doch irgendwann geboten, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Daran habe ich zum Ende letzten Jahres schon mal und seit Anfang diesen Jahres schon wieder ziemlich hart gearbeitet. Das Ergebnis waren  nicht nur ein neuer Haarschnitt, die Erkenntnis, dass Familie (ob blutsverwandt oder wahlverwandt) das allergrößte auf der Welt ist, und eine endlich wieder blitzblank geputze Wohnung. Sondern ich habe mich auch wieder mehr mit meinem virtuellen Zuhause beschäftigt.

Das Haus des Wahnsinns existiert seit dem Jahr 2011. Damals war ich frisch an der Uni eingeschrieben, alleine und abenteuerlustig in eine fremde Stadt gezogen und weit weg von allem, was mir vertraut war. Ich wollte hier einen Ort für mich schaffen, an den ich mich zurückziehen und gleichzeitig eine meiner Leidenschaften mit der Welt teilen konnte: ein Bücherparadies gepaart mit Gedanken und Erlebnissen, die mir so in dieser chaotischen Welt widerfahren sind. 
Das ist ein Grundkonzept, das ich auch weiterhin gerne beibehalten möchte. Doch Raumaufteilung, Wandgestaltung, Inhaltsschwerpunkte und Strukturierung haben einfach nicht mehr dem entsprochen, was ich mittlerweile selbst gerne sehe, lese und mit dem ich mich wirklich identifizieren kann. Wie das eben oft nach krisigen Zeiten ist (oder nach sechs Jahren vielleicht auch einfach mal fällig war).

Eigentlich habe ich lange Zeit mit dem Gedanken gespielt, das Bloggen generell sein zu lassen. Zu viel Druck, wenigstens einen Post die Woche, dann im Monat und dann überhaupt mal irgendwann zu veröffentlichen, obwohl ich meine Gedanken gar nicht fokussieren konnte und einfach keinen Drang mehr zum Schreiben hatte. Anstatt meinem Prinzips "Ich habe etwas zu sagen" zu folgen, wurde das hier eine gezwungene "Ich will irgendetwas sagen" - Geschichte, die mich sehr unzufrieden gemacht hat.

Und dann saß ich in einer wunderschönen ruhigen Sommernacht mit einem Bier und zwei Herzensmenschen an der Spree und dachte über verschiedene Dinge nach. Über das letzte Jahr, über letzte Worte und über letzte Gänge. Und darüber, dass langsam wieder alles einen Platz hat, auch wenn ein Platz leer bleibt. Und, dass ich ganz vielleicht bereit bin, auch meinem virtuellen Zufluchtsort wieder Raum zuzugestehen. 

Alles aus dem alten Haus des Wahnsinns gibt es noch. Nur steht es gut verpackt im Keller, um hin und wieder hervorgeholt zu werden. Die Posts sind nicht überarbeitet und die Formatierung ist daher total zerschossen; passend zu archivierten Erinnerungen. Ich wollte sie nicht vergraben, aber mich auch nicht täglich damit umgeben.

So kam also der Umbau, dem hoffentlich auch bald wieder inhaltliches folgt. Wenn nicht, ist das aber auch okay, denn ich will wieder nur dann etwas sagen, wenn ich wirklich auch etwas zu sagen habe. Grundsätzlich habe ich nun offiziell und endgültig den sowieso schwindenden Fokus auf Bücherrezensionen verabschiedet. Wenn ich etwas zu einem Buch schreibe, dann wird es eher in eine thematische Richtung gehen: welche Diskurse werden darin verarbeitet und zu welchen Gedankengängen hat mich die Art der Darstellung und der Inhalt gebracht. Das finde ich mittlerweile sehr viel spannender. Ansonsten will ich mich inhaltlich nicht festlegen und schauen, was da kommt. Alles, was mich in irgendeiner Form inspiriert (so sehr ich dieses Wort eigentlich vermeide, muss ich hier doch mal Lisa Simpson spielen und es nutzen) oder was das Ergebnis einer Inspiration ist, kann und darf hier verarbeitet werden. Auch ich bin gespannt, was da so kommt.

Falls Du es bis hierher durchgehalten hast: Respekt! Eigentlich sollte das hier nur ein kurzer Ja-ich-lebe-noch-Post werden. Der hat sich nun irgendwie verselbstständigt und ist ziemlich lang geworden. Ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Anscheinend hatte ich nämlich doch mal wieder was zu sagen! Ich hoffe, dieser Zustand hält nun wieder für eine Weile an. Für jetzt wünsche ich Dir  erst einmal einen wundervollen Tag mit viel Sonne, deinem Lieblingssommerkleid und vor allem deinen liebsten Menschen um dich herum. Und mit ein bisschen weniger Pathos, als gerade hier serviert wird. Wir lesen uns! ♥

20.03.2017

[Rezi] Erich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues

22:06 2 Comments






Erscheinungsjahr: 2014 (Erstausgabe 1929)
Genre: Kriegsroman
Seitenzahl: 336








"Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren."

Solche Worte, die den Krieg als einen Schrecken ohnegleichen und vor allem ohne Sinn darstellen, ausgesprochen oder gedacht von einem jungen Soldaten direkt an der deutschen Westfront des ersten Weltkrieges, ließen dieses Buch berechtigterweise nicht nur zu einem Weltbestseller, sondern auch zu dem Anti-Kriegs-Buch schlechthin werden. Inwieweit dies vom Autor beabsichtigt war oder nicht, kann und will ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Mir geht es um die Geschichte und um die Bilder, die der Roman von einem Krieg zeichnet, der so blutrünstig und so sinnlos ist wie jeder andere Krieg auch - und die deshalb leider nicht an Aktualität verloren haben.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der junge Soldat Paul Bäumer, dessen analytischer Scharfsinn ihm nicht nur erlaubt, die individuelle Situation der einzelnen Soldaten in das grausige Gesamtkonzept des Krieges einzuordnen, sondern der auch auf ernüchternde und zynische Art und Weise lernen muss, dass der Krieg alle Überlebenden trotzdem niemals wirklich verlassen kann.
Rücksichtlos und ungeschönt schildert Bäumer, was er auf dem Schlachtfeld sieht: zerfetze Körper, mit dem Tode ringende Männer und einem völligen, von Resignation durchdrungenem Zynismus, an den sich die Überlebenden klammern müssen, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Doch nicht jeder aus der Mannschaft hält dem Druck der stetigen Geschosse und Gefahren stand. Manch einer bekommt einen Panikanfall und gibt seinem Fluchtinstinkt nach - inmitten der Schlacht, ohne Deckung. Nicht, dass solche Tode wesentlich unnötiger und tragischer sind als alle anderen verlorenen Leben in einem Krieg. Aber es verdeutlicht sehr eindringlich, wie die Lage innerhalb einer Einheit eskalieren kann, weil aus kontrollierten Soldaten hemmungslose, ihren Instinkten folgenden Menschen werden.

Bäumer sammelt um sich eine lustige Gruppe von Männern - teilweise aus alten Schulkameraden und teilweise aus alten, gewieften Haudegen. Diese Gruppe stellt eine Art Familie dar - eine Familie, aus der jeden Tag, jede Sekunde ein Mitglied gerissen werden kann, ohne dass jemand aktiv etwas daran zu ändern vermag. So gibt es nicht nur einen Kameraden, dem Bäumer beim Sterben beisteht. Und danach weitermacht, als wäre nichts geschehen. Denn die Front muss immer noch verteidigt werden. 

Besonders einprägsam für mich in diesem Buch war die offene Kritik an den Regierungs- und Staatsoberhäuptern, die diesen Krieg provoziert und angeordnet haben. Sie befehlen den Krieg, aber sie führen ihn nicht. Auf dem Feld stehen Familienväter, die bei ihren Kindern sein sollten, Bauern, die besser bei ihren Milchkühen wären, Handwerker, die gerade eigentlich Möbel zusammenschrauben sollten und vor allem junge Männer, fast noch Kinder, die hinter der Schulbank so viel besser aufgehoben wären als hinter einem Bajonett.
Was tut der Krieg gerade mit diesen Menschen? Die, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten und zu keiner eigenen Familie, keinem festen Beruf und keiner wirklichen Stabilität zurückkehren können, sollten sie den Krieg überleben? Die Antwort findet Bäumer während seines Heimaturlaubs: sie verzweifeln. Sie können nichts anderes als Krieg führen, haben vom Leben nichts anderes kennengelernt als den Tod. Wie kann da irgendetwas aus einem alltäglichen Leben von Bedeutung sein?

Ein Krieg hinterlässt neben körperlichen Wunden auch seelische. Ich denke, diese Tatsache ist jedem bewusst. Diese seelischen Verstümmelungen so eindringlich beschrieben zu lesen (mit Informationen aus erster Hand, denn Remarque selbst diente tatsächlich ähnlich wie sein Protagonist im 1. Weltkrieg), hat mich aber noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise erschüttert. Auch, wenn die Kriege heutzutage immer weniger im Mann-gegen-Mann-Kampf geführt werden, sind es dennoch weiterhin Menschen, die als Kanonenfutter sterben, um einigen wenigen bei ihren größtenwahnsinnigen Ideen nach mehr Macht den Weg zu ebnen. Gerade wegen dieser ungebrochenen Aktualität hat mich die Lektüre sehr mitgenommen - aber das spricht durch und durch für das Buch. Keine leichte Kost. Aber absolut lesenswert.

19.03.2017

[Gerede] Oh kostbare Zeit!

17:40 8 Comments
Zeit ist Geld und Geld ist knapp. Gemäß dieser Logik ist auch Zeit ein wertvolles Gut. Eines, das man investieren kann, das einem durch die Finger rinnt, das man verlieren oder gewinnen kann.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind diese Metaphern, mit denen das abstrakte Konzept von Zeit greifbar gemacht werden soll, eigentlich eine Art Handlungsanweisung, wie mit der Zeit umzugehen ist. Nämlich ähnlich wie mit Geld: clever anlegen, um mehr zu bekommen. Sparen, um möglichst viel dafür zu kriegen. Und bloß nicht dekadent verschwenden!
Aber da Zeit für ein kurzes Menschenleben vielleicht so wertvoll erscheint wie Geld, hat sie nun einmal leider ansonsten nicht viel mit diesem Zahlungsmittel gemein. Unter anderem auch das nicht: man kann Zeit nicht sparen. Egal, wie oft diverse Redewendungen diese Tatsache zu leugnen versuchen: Zeit ist vielleicht ein kompliziertes Konstrukt, aber wenn etwas sicher ist, dann, dass sie vergeht. Unaufhaltsam, uneinholbar und unwiederbringlich.

Bei meinen Überlegungen zu Hobbys und die Zeit, die man damit verbringt, wurde mit bewusst, wie kapitalismuisgeprägt die allgemeine Vorstellung von Zeit ist. Und das vermutlich nicht erst, seit Benjamin Franklin 1748 mit dem bis heute beliebten und eingangs zitierten Ausspruch daherkam: "Zeit ist Geld".
Diese Aussage erschien abgedruckt in Franklins Tippsammlung "Ratschläge für junge Kaufleute", und als bekennender Bücherwurm fiel mir beim Nachdenken darüber ein anderes Buch ein, in dem sich eine der Figuren ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Es handelt sich dabei um Frank Schätzings "Der Schwarm" (ein ohnehin absolut grandioses Buch♥) und um eine Feststellung einer sehr weisen Person:


Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie [...]. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.


Das Warten auf etwas oder das Nicht-Eintreten ist nach dieser Einstellung keine verlorene Zeit, weil man Zeit von vorne herein überhaupt nicht besitzt. Sie ist da und man selbst ist da und was passiert, passiert.
Ich finde, das ist ein unwahrscheinlich beruhigender Gedanke. Diese Sichtweise ist nicht nur entschleunigend, sie befreit auch von dem Druck, das unbedingt alles nach einem gewissen (Zeit-)Plan abzulaufen hat. Natürlich nimmt sie nicht die Verantwortung von einem, die Zeit, die man hat, bewusst zu gestalten. Darum geht ist mir ja auch: ich will mein Leben füllen mit Erfahrungen, Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Aber wenn diese Abenteuer darin bestehen, nachts um 3 Uhr zum nächsten McDonald's zu fahren und auf dem Parkplatz dort mit jemandem Pommes zu essen und über die Welt zu philosophieren, dann ist diese Zeit genauso viel wert wie die der Packpacker in Peru, die gerade Cevice in sich reinstopfen. Einfach, weil in dieser Zeit das Leben stattfindet. Auch, wenn es nicht für ein ominöses Außergewöhnliches genutzt wurde.

Es gibt momentan diesen Optimierungs-Trend. Immer muss alles in der bestmöglichen Version da sein. Der eigene Körper, die eigene Persönlichkeit, die Persönlichkeit der Freunde, die Karriere, die Familienplanung, das Auslandsjahr, die Freizeitgestaltung. Alles perfekt. Und mir suggerieren immer mehr Medien, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich nicht irgendetwas in meinem Leben optimiere. Es gibt schließlich immer was zu tun, und das bezieht sich nicht nur auf Baumärkte. 
Aber ich verschwende meine Zeit nicht, wenn ich an einem verregneten Sonntag einen Blogpost schreibe, den vielleicht 8 Leute lesen und der auf einer nicht optimal optimiert gestalteten Internetseite erscheint, weil dort das Design laienhaft und SEO vollkommen irrelevant ist. Ich habe dann keine Zeit geopfert, in der ich hätte Bewerbungen schreiben können. Oder meine Dissertation. Ich habe auch keine Zeit verschwendet oder verloren. Die Zeit war ja trotzdem da. Und mein Leben auch. 

Natürlich ist Zeit kostbar. Aber es ist eine andere Art von Kostbarkeit als Diamanten oder Geld. Man kann sich nicht damit schmücken, sie nicht wegschließen und nicht verschenken. Niemand besitzt Zeit. Aber jeder hat eine gewisse Zeitspanne innerhalb der Geschichte, während der er existiert. Und das kann entspannt sein oder stressig. Wenn optimale Zeitnutzung bedeutet, sich permanent zu stressen, dann lasse ich das mit dem Optimieren lieber, setze mich mit einem Tee auf das Sofa und schaue der Zeit beim verstreichen zu.


12.02.2017

[Rezi] Michel Houellebecq - Unterwerfung

12:39 1 Comments
Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Soumission
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 272


Teaser:
Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.


Handlung
In ein paar wenigen Jahren werden die Wahlen in Frankreich nicht mehr von der rechtsextremen Partei Front National und den liberalen und konservativen restlichen Parteien entschieden, sondern es wird noch eine entscheidende weitere Strömung ins politische Feld eingetreten sein: in Form des Politkers Mohamed Ben Abbes tritt erstmals eine muslimische Partei auf die Bühne. Diese scharrt immer mehr Anhänger um sich und schafft es schließlich als Staatspräsident an die Regierungsspitze gewählt zu werden. So werden zum Teil sukzessiv und zum Teil rasant und offensichtlich nicht nur die westeuropäisch etablierte Staatsorganisation, sondern auch die gesellschaftlichen Werte, auf denen diese aufbaut, umgeworfen und umstrukturiert.

Meine Meinung
Dieser Roman hat hohe Wellen geschlagen - verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.

Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.

Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.


05.02.2017

[Gerede] Ausflug aus Prinzip

13:59 4 Comments
Früher, als ich noch ein kleines Kind war - was nun unleugbar schon einige Jährchen her ist - gab es manchmal einen ganz besonderen Ausflug. Da luden unsere Eltern meine Schwester und mich ins Auto ein und führen eine für den Sonntag ungewöhnliche Strecke. Es ging nämlich nirgendwo anders hin, als zum Gebäude unserer Grundschule. Vor und in diesem hallte unter der Woche an jeder Wand mal fröhliches und mal nicht so fröhliches Kindergeplärr wider, aber an diesen Tagen war es still geworden. Still, aber nicht leer. Denn obwohl es Sonntag war, standen auf dem kleinen Lehrerparkplatz überall Autos herum und kleine Grüppchen von Erwachsenen standen verstreut zusammen und beredeten anscheinend wichtige Dinge.
Sicher kennt ihr das Gefühl, das einem ein leeres Gebäude vermittelt, das eigentlich nicht zum Leer-Sein erbaut wurde. Ein Schulhaus muss voll sein. Voller quirliger Kinder, voller motivierter Lehrer, voller Menschen, die diesen Raum gestalten. Und wenn sich ein solches Gebäude dann ohne all diese Menschen präsentiert, durchschreitet man es irgendwie anders als gewohnt. Andächtiger. Und demütiger. Genauso ging es mir früher an diesen speziellen Sonntagen. Vor allem, weil ich spürte, dass die Erwachsenen hier etwas tun, was Andacht und Demut durchaus verdient hat. Neugierig sah ich dabei zu, wie meine Eltern nacheinander mit seltsamen Zetteln hinter einer Pappwand verschwanden, kurze Zeit später wieder auftauchten und die Zettel in den von unserem Dorfvorsteher (oder so etwas in der Art) bewachten Box warfen. Ich sah diesem Prozedere zu und lauschte danach den Gesprächen, die die Erwachsenen führten. Ob jetzt vielleicht endlich der Spielplatz saniert werden würde. Oder ob der Müller Fritz mit dem unvorteilhaften Wahlplakat überhaupt eine Chance hat, genug Stimmen zu bekommen. So in der Art. Natürlich waren diese Unterhaltungen für eine 7-jährige nicht so spannend wie mit den anderen Kindern auf dem so ungewohnt freien Pausenhof Nachlaufen zu spielen. Aber ich habe sie nicht vergessen. Auch, wenn das anschließende Eisessen noch ein bisschen präsenter in meiner Erinnerung vertreten ist.
Später, als ich dann ein Gespür und ein Interesse für Politik entwickelte, haben wir aus den Wahlsonntagen zwar keine Familienausflüge mehr gemacht. Aber ich beobachtete weiterhin, wie meine Eltern loszogen und nach einer halben Stunde wieder zurückkamen - und ganz nebenbei ihre Stimme abgegeben haben, mit der sie die Lenkung des Kreises, der Stadt, des Bundeslandes oder des Landes in dem sie leben, etwas mitbestimmt haben. Vielleicht waren sie nicht völlig überzeugt von ihrer Wahl, vielleicht empfanden auch sie eine gewisse Ohnmacht angesichts der Politik, vielleicht war auch für sie das Aufraffen zum Wahllokal eine lästige Bürde. Aber diese Ausflüge wurden nie in Frage gestellt. Es sind Wahlen, also wird gewählt.

Natürlich stand außer Frage, was meine erste Amtshandlung sein würde, wenn ich endlich volljährig und auch in diesem auserlesenen Kreis der Wähler aufgenommen war. Zufällig war mein erstes Jahr als vollmündige Bürgerin auch ein Superwahljahr. Bundestag, Europaparlament und auch noch der Landtag wurden gewählt - ganze dreimal durfte ich meine Stimme abgeben. Und jedes mal, wenn ich nach außen hin lässig die Zettel in die Box fallen lies, die immernoch in der Grundschule stand und immernoch von dem selben Mann beaufsichtigt wurde, spürte ich wieder dieses Gefühl von Demut. Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein.

Angesichts des Wahljahres 2017 und den Dingen, die in letzter Zeit bei einigen Wahlen - auch dank Protest-Nichtwählern - so herausgekommen sind, wünschte ich, mehr Leute wären wie meine Eltern. Die nicht in Frage stellen, dass gewählt werden muss. Die sich nicht von einer Politikverdrossenheit übermannen lassen, und die halt einfach wählen gehen, weil man gar nicht anders kann.
Jeder, der in einer Gesellschaft leben möchte, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert, muss wählen. Wer nicht wählt, wacht mit dem Brexit auf. Wer nicht wählt, wacht mit Trump auf. Wer nicht wählt, überlässt die Wahl und das Feld einer Bewegung, die mich nicht nur maßlos schockiert, sondern auch sehr beunruhigt. Und da ist so ein kleiner sonntäglicher Ausflug wirklich kein großer Aufwand. Aber eine große Sache.

29.01.2017

[Gerede] Warum ein Hobby kein Zeitfresser ist

13:58 6 Comments
"Wie schaffst du es nur, dreimal die Woche zum Sport zu gehen und nebenbei auch noch Mützen zu häkeln? Ich habe neben dem Job und dem Studium gar keine Zeit, mich auch noch mit sowas zu beschäftigen."

Solche und ähnliche Unterhaltungen führe ich seit Jahren recht oft. Anfangs haben sie mich verwirrt und mein Zeitmanagement in Frage stellen lassen. Es stimmt, ich könnte wirklich etwas mehr Zeit ins Studium investieren, anstatt jetzt schon wieder an dem Schal für Oma weiterzuarbeiten. Und sollte ich wirklich zum Training gehen, oder doch lieber dieses Essay zu Ende schreiben? Außerdem sieht das Sofa auch wirklich einladend und gemütlich aus. - Vermutlich muss ich euch nicht erst sagen, dass ich mich in 90% der Fälle gegen die Arbeit (und auch gegen das Sofa!) und für die Freizeitaktivität entscheide. 
Trotzdem hatte ich nie oder nur sehr selten das Gefühl, meine Hobbys hätten mir Zeit gestohlen. Im Gegenteil - sie haben mir Zeit geschenkt. Mittlerweile bin ich nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht egal ist, wie man seine freie Zeit verbringt. Es ist ein großer Unterschied, ob man nach Feierabend immer nur auf der Couch liegt und sich bei Netflix bis zum Schlafengehen Serien reinzieht, oder ob man sich noch mit etwas beschäftigt, woran das eigene Herz hängt. Hat man so eine Beschäftigung gefunden und schafft sich einen Zeitrahmen, in dem man sich damit beschäftigen kann, dann ist in dieser Zeit keine "Entspannungszeit" verloren, sondern "Motivationszeit" gewonnen.

Wichtig dabei ist die Definition von Hobby. Pflichtschuldig müsste ich jetzt vermutlich diverse Nachschlagewerke zu Rate ziehen und eine spannende Wortgeschichte präsentieren. Aber da mir diese sowieso relativ egal ist, spare ich mir die Arbeit und komme gleich zu meiner eigenen Definition. Diese schließt nämlich alles, was nur aus Input aufnehmen, besteht aus. Fernsehen, in gewissem Maße auch Lesen oder im Internet surfen. Auch, wenn ich all diese Beschäftigungen sehr liebe und (vor allem natürlich Lesen) als adäquate Freizeitgestaltung akzeptiere, ist ein richtiges Hobby für mich etwas mit Output. Es ist egal, um welches Output es sich handelt, aber man muss Energie, Zeit und Herz investieren. Um etwas zu erschaffen. Etwas zu erreichen. Etwas zu erlernen.
Geistige und/oder körperliche Arbeit plus Leidenschaft sind für mich die beiden Bestandteile eines Hobbys. Aktiv etwas tun müssen und wollen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das ist es, was ein Hobby ausmacht. Dabei kann es sich um einen Review-Blog handeln (dann schaut man Filme und liest Bücher eben doch ganz anders als sich stumpf berieseln zu lassen, weil man schließlich selbst etwas daraus  produzieren möchte), um Kochen, um irgendeinen Sport, um eine neu zu lernende Sprache, um handwerkliches, um Technik, egal um was. Hauptsache, man erhebt sich vom Sofa, arbeitet, scheitert, lernt und schafft sich persönliche Erfolgserlebnisse.

Das klingt jetzt alles schon ziemlich anstrengend. Ist es unter Umständen auch. Aber es ist eine ganz andere Art der Anstrengung als sie beim Job oder bei der Schule gefordert wird. Es ist eine motivierende und vor allem ausgleichende Anstrengung. Dieses Paradoxon wirkt vielleicht etwas befremdlich. Aber wenn man für etwas wirklich brennt und es schafft, zu gewissen Zeiten seine volle Konzentration darauf zu richten und in eine Art Flow zu rutschen, schaltet man alle anderen Aspekte des Lebens temporär aus - die nervigen Kollegen, der stressige Job, das blöde Essen mit der Schwiegermutter, alles ist für eine oder zwei Stunden egal.
So gesehen sind Hobbys nicht nur bereichernd, sondern auch wirklich entspannend. Viel entspannender als der abendliche Fernsehmarathon, bei dem im Hinterkopf doch alle Probleme dauerpräsent sind und weiterhin an einem nagen. Wobei ich natürlich gegen den einen oder anderen Fernsehmarathon auch nichts einzuwenden habe - es ist alle eine Frage der Balance. 

In meine Hobbies stecke ich viel Zeit, das stimmt. Aber eigentlich kriege ich dadurch Zeit zurück. Ich bin (meistens) ausgeglichen, freue mich auf meinen Alltag und kann gut mit Stress umgehen. Eben weil ich weiß, wie ich abschalten kann. Ohne meine Hobbys wäre mein Leben wesentlich stressiger - obwohl ich öfter auf dem Sofa liegen könnte.

20.01.2017

[Rezept] Curry mit Hähnchen und Ananas

19:07 0 Comments
Nachdem ich in den letzten Monaten weder die Zeit noch die Nerven fürs Kochen hatte, sondern hauptsächlich von Nudeln mit Soße gelebt habe, erfreue ich mich gerade endlich wieder an der Lust am Kochen und am Essen. 
Das folgende Curry ist zwar nicht unbedingt etwas besonderes, aber eine wahre Geschmacksexplosion, wenn man Ewigkeiten nur eher wenige spannende Pastagerichte (diese Bezeichnung ist maßlos übertrieben) gegessen hat. Nunja. Auch für alle anderen ist es ein leckeres Rezept, um ein bisschen Abwechslung in den Menüplan zu bringen. 

Gebraucht werden
Reis als Beilage
500g Hähnchenbrustfilet
ein Bund Frühlingszwiebeln
1 Dose Ananas in Stücken
etwas Öl
2 EL Honig
Currypulver
100 ml Schlagsahne
200g Frischkäse
Chiliflocken
Knoblauchpulver
Gemüsebrühe
Salz, Pfeffer zum Abschmecken

Außerdem
eine Pfanne
Schneidebrettchen
scharfe Messer

So wird's gemacht
Erst einmal sollte der Reis aufgesetzt werden, der braucht nämlich am längsten. Danach kann mit der Schnippelei begonnen werden: erst das Fleisch in längliche Streifen und dann die Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden. Die Ananas kann schonmal abgegossen werden - nicht den kompletten Saft weg gießen, damit wird später die Soße abgeschmeckt.

Als nächstes das Fleisch in etwas Öl scharf anbraten. Frühlingszwiebeln und Honig dazugeben und alles bei mittlerer Hitze kurz weiterbraten. Dann kommen die Ananasstücke, das Knoblauch - und Currypulver dazu und alles darf kurz gemeinsam dünsten.
Anschließend die Sahne und den Frischkäse unterrühren, alles mit Salz, Pfeffer, Gemüsebrühe und etwas Ananassaft abschmecken und zum Schluss die Chiliflocken darüber geben.
Mit dem Reis servieren.

Und so sah es bei mir aus

Da ich normalerweise beim Kochen Knoblauch sehr vermeide, war alleine das Knoblauchpulver hier für mich schon eine geschmackliche Besonderheit. Natürlich kann man auch eine echte Knobi-Zehe nehmen, aber das war mir in diesem Fall zu doll. Chiliflocken habe ich auch gerade erst neu für mich entdeckt und daraufhin habe ich mir vorgenommen, mein Gewürz-Repertoire drastisch zu erweitern. Da liegen ungeahnte Welten vor mir!

11.01.2017

[Review] Wie alte Freunde wiedersehen: Gilmore Girls. A Year in Life

22:08 4 Comments
Bei den Gilmore Girls handelt es sich um eine Serie, die mir - genauso wie so vielen anderen - nicht nur Unterhaltungsprogramm war und ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration. Ob es sich dabei um Buch- oder Filmtipps handelt, oder zu lernen, wie man rasend schnell komplexe Sätze von sich gibt, diese Serie wird auch nach dem zwanzigsten Mal anschauen einfach nicht langweilig.

Das charismatische Kleinstädtchen Stars Hollow ist zwar ein fiktiver Ort, aber dank seinen schrulligen und einzigartigen Persönlichkeiten wurde es über die sieben Staffeln hinweg zu einer Art gedanklichem Zuhause. Und genau das zeigte sich auch, als ich wie all die anderen Fans Ende letzten Jahres vor dem Fernseher saß, und die vier neuen Folgen anschauen konnte: es war wie nach Hause kommen und alte Freund wieder sehen. Wie haben wir gejubelt, als der Einstiegsdialog der ersten Folge gleich aus einem der berühmten, blitzschnellen Wortwechsel zwischen Rory und Lorelei bestand. Und wie euphorisch haben wir jeden einzelnen der Charaktere begrüßt, wenn er zum ersten Mal wieder aufgetaucht ist. Auf eine Art waren es alle altbekannten Figuren, und gleichzeitig haben sie sich auch sehr verändert - so wie sich insgesamt der ganze Ton und die Atmosphäre der Serie verändert hat.

Aber wie sollte das auch anders sein, nachdem schließlich zehn Jahre vergangen sind. Zehn Jahre, seitdem Rory Logans Heiratsantrag abgelehnt hat und ihren ersten Job als Journalistin ergattern konnte. 10 Jahre, seitdem sie bei Lorelei ausgezogen ist, die gemeinsam mit ihren beiden Freunden Sookie und Michel ein erfolgreiches kleines Hotel geführt und ihre Beziehung zu dem grummeligen aber herzlichen Luke endlich klargemacht hat.
Wie hat sich wohl alles entwickelt? Und wohin verschlägt es unsere Gilmore Girls nach zehn Jahren? Spannende Fragen, auf die die vier neuen Folgen eher durchwachsene Antworten hatte.

Wohl um das allgemeine Zeitgefühl aufzugreifen, dümpeln unsere beiden Mädels mittlerweile relativ ziellos durch ihr Leben. Beide sind nicht zufrieden und haben das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Während Rory ohne festen Wohnsitz als freie Journalistin von Minijob zu Minijob hetzt und sich eigentlich nach etwas stabilerem sehnt, hadert Lorelei mit dem Stillstand, in dem sich ihre Beziehung mit Luke und vor allem ihr Hotel zu befinden scheint. So haben beide zwar höchst unterschiedliche Lebenskonzepte, fühlen sich aber beide nicht erfüllt davon.
Auch Emily steckt in einer Krise fest - allerdings einer wesentlich tragischeren als die anderen beiden. Schließlich ist - wie nach dem traurigen Tod des Schauspielers Edward Herrmann zu erwarten war - ihr Ehemann Richard verstorben. Ohne ihren Mann, mit dem sie 50 Jahre lang ihr Leben geteilt hat, fühlt sie sich nicht nur in dem riesigen Haus, sondern insgesamt in der Welt verloren. 

Es ist im Grunde so: während die ersten beiden der neuen Folgen noch einiges von dem alten Charme versprühen, fokussieren sich die letzten beiden Folgen darauf, zu zeigen, wie unseren Mädels alles entgleitet. Emily trägt plötzlich Jeans (der echte Fan weiß, wie dramatisch diese Tatsache ist), Rory ist mehr oder weniger arbeits- und obdachlos und führt auch noch verschiedene seltsam anmutende Beziehungen und Lorelei wird von einem blinden Aktionismus getrieben, der sie dazu bringt, auf eine Pilgerwanderung zu gehen. Zumindest so in etwa.

Ich habe nun kein Problem damit, wenn Figuren scheitern. Ganz im Gegenteil. Rorys Karriere war nicht nur realistisch dargestellt. Es war außerdem interessant zu sehen, wie sie damit umgeht, wenn nicht alles nach Plan läuft. Dass ihr das eigentlich gar nicht gefällt, konnten wir uns alle denken. Aber wie auch alle anderen hat sich Rory weiterentwickelt und versucht, irgendwie das beste aus ihrer Situation zu machen. Auch, wenn die Realität des Journalismus-Berufs wirklich kein Ponyhof ist.
Womit ich ein Problem habe, ist, wenn Figuren schlichtweg dumm sind und irgendwelche Konflikte herbeigedichtet werden, nur damit es etwas zu erzählen gibt. So wie es bei Lorelei der Fall ist. Da war einiges an unnötigem Raum, der meiner Meinung nach sehr gerne an die Nebenfiguren hätte abgetreten werden können. Die bekommen nämlich leider nur sehr wenig Platz zur Darstellung, was ich wirklich schade fand.

Vermutlich ist das auch mein größter Kritikpunkt: die vier Folgen sind zwar schon in Spielfilmlänge, versuchen aber, unfassbar viel Stoff unterzubringen. Allein die Gilmore Girls selbst könnten die Folgen füllen, aber natürlich dürfen die mindestens ebenso wichtigen Nebencharaktere wie Michel, Paris oder Luke, Miss Patty, Babette, Kirk, Taylor, Lane und wie sie alle heißen, einfach nicht fehlen. Aber leider tun sie das. Vor allem rund um Sookie, Lane und Zack herrscht ein bisschen traurige Stille, aber auch bei allen anderen reichte es leider nur für ein paar kleine Einblicke in ihr jetziges Leben. 
Andererseits war das auch irgendwie das Konzept der neuen Folgen und es illustriert schon auf eine gewisse Art, dass und wie das Leben halt auch in Stars Hollow einfach weitergeht. Aber trotzdem. Es war zu wenig. Und hier spricht nur zu 70% das gierige Fanherz. Mindestens 30% sind ernsthafte Kritik.

Noch eine kleine persönliche Notiz: ich hab es einfach nicht auf die Kette bekommen, dass Rory einfach 32 Jahre als sein soll! Sie verhält sich überwiegend total kindisch - eigentlich sogar wesentlich kindischer als auf der Highschool. Abgesehen davon, dass ich ihre Männerwahl und ihr Umgang mit ihrem Freund als total unnötig und absurd betrachte, hat sie auch eine so verquere Art der Realitätswahrnehmung, es ist wirklich unfassbar.

Was bleibt also noch zu sagen? Ich hab mich sehr gefreut. Durch die vier neuen Folgen konnte ich einem meiner Lieblingsorte aller fiktiven Ort mal wieder einen Besuch abstatten. Und er hat gar nichts an Liebreiz verloren. Dennoch waren die Folgen nur ein Abklatsch der eigentlich Serie und dem, weshalb ich alle Staffeln davon mehrmals angeschaut habe. Und hätte es diesen Bonus nicht gegeben, wäre mein Urteil sicher viel strenger. So war das Anschauen der neuen Folgen wie ein Treffen mit einem alten Bekannten, mit dem man leider nicht mehr viel gemeinsam hat, außer vielen guten Erinnerungen. Aber diese wieder aufzuwecken war das Treffen durchaus wert.