29.01.2017

# Hobby # Jubelei

[Gerede] Warum ein Hobby kein Zeitfresser ist

"Wie schaffst du es nur, dreimal die Woche zum Sport zu gehen und nebenbei auch noch Mützen zu häkeln? Ich habe neben dem Job und dem Studium gar keine Zeit, mich auch noch mit sowas zu beschäftigen."

Solche und ähnliche Unterhaltungen führe ich seit Jahren recht oft. Anfangs haben sie mich verwirrt und mein Zeitmanagement in Frage stellen lassen. Es stimmt, ich könnte wirklich etwas mehr Zeit ins Studium investieren, anstatt jetzt schon wieder an dem Schal für Oma weiterzuarbeiten. Und sollte ich wirklich zum Training gehen, oder doch lieber dieses Essay zu Ende schreiben? Außerdem sieht das Sofa auch wirklich einladend und gemütlich aus. - Vermutlich muss ich euch nicht erst sagen, dass ich mich in 90% der Fälle gegen die Arbeit (und auch gegen das Sofa!) und für die Freizeitaktivität entscheide. 
Trotzdem hatte ich nie oder nur sehr selten das Gefühl, meine Hobbys hätten mir Zeit gestohlen. Im Gegenteil - sie haben mir Zeit geschenkt. Mittlerweile bin ich nämlich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht egal ist, wie man seine freie Zeit verbringt. Es ist ein großer Unterschied, ob man nach Feierabend immer nur auf der Couch liegt und sich bei Netflix bis zum Schlafengehen Serien reinzieht, oder ob man sich noch mit etwas beschäftigt, woran das eigene Herz hängt. Hat man so eine Beschäftigung gefunden und schafft sich einen Zeitrahmen, in dem man sich damit beschäftigen kann, dann ist in dieser Zeit keine "Entspannungszeit" verloren, sondern "Motivationszeit" gewonnen.

Wichtig dabei ist die Definition von Hobby. Pflichtschuldig müsste ich jetzt vermutlich diverse Nachschlagewerke zu Rate ziehen und eine spannende Wortgeschichte präsentieren. Aber da mir diese sowieso relativ egal ist, spare ich mir die Arbeit und komme gleich zu meiner eigenen Definition. Diese schließt nämlich alles, was nur aus Input aufnehmen, besteht aus. Fernsehen, in gewissem Maße auch Lesen oder im Internet surfen. Auch, wenn ich all diese Beschäftigungen sehr liebe und (vor allem natürlich Lesen) als adäquate Freizeitgestaltung akzeptiere, ist ein richtiges Hobby für mich etwas mit Output. Es ist egal, um welches Output es sich handelt, aber man muss Energie, Zeit und Herz investieren. Um etwas zu erschaffen. Etwas zu erreichen. Etwas zu erlernen.
Geistige und/oder körperliche Arbeit plus Leidenschaft sind für mich die beiden Bestandteile eines Hobbys. Aktiv etwas tun müssen und wollen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das ist es, was ein Hobby ausmacht. Dabei kann es sich um einen Review-Blog handeln (dann schaut man Filme und liest Bücher eben doch ganz anders als sich stumpf berieseln zu lassen, weil man schließlich selbst etwas daraus  produzieren möchte), um Kochen, um irgendeinen Sport, um eine neu zu lernende Sprache, um handwerkliches, um Technik, egal um was. Hauptsache, man erhebt sich vom Sofa, arbeitet, scheitert, lernt und schafft sich persönliche Erfolgserlebnisse.

Das klingt jetzt alles schon ziemlich anstrengend. Ist es unter Umständen auch. Aber es ist eine ganz andere Art der Anstrengung als sie beim Job oder bei der Schule gefordert wird. Es ist eine motivierende und vor allem ausgleichende Anstrengung. Dieses Paradoxon wirkt vielleicht etwas befremdlich. Aber wenn man für etwas wirklich brennt und es schafft, zu gewissen Zeiten seine volle Konzentration darauf zu richten und in eine Art Flow zu rutschen, schaltet man alle anderen Aspekte des Lebens temporär aus - die nervigen Kollegen, der stressige Job, das blöde Essen mit der Schwiegermutter, alles ist für eine oder zwei Stunden egal.
So gesehen sind Hobbys nicht nur bereichernd, sondern auch wirklich entspannend. Viel entspannender als der abendliche Fernsehmarathon, bei dem im Hinterkopf doch alle Probleme dauerpräsent sind und weiterhin an einem nagen. Wobei ich natürlich gegen den einen oder anderen Fernsehmarathon auch nichts einzuwenden habe - es ist alle eine Frage der Balance. 

In meine Hobbies stecke ich viel Zeit, das stimmt. Aber eigentlich kriege ich dadurch Zeit zurück. Ich bin (meistens) ausgeglichen, freue mich auf meinen Alltag und kann gut mit Stress umgehen. Eben weil ich weiß, wie ich abschalten kann. Ohne meine Hobbys wäre mein Leben wesentlich stressiger - obwohl ich öfter auf dem Sofa liegen könnte.

Kommentare:

  1. Das sehe ich genauso!
    Übrigens habe ich gemerkt, dass ständig nur auf dem Sofa liegen und Netflix schauen viel stressiger ist, als wenn ich die ganze Woche mit Chorproben, Aktionen in meiner Jugendorganisation oder Sport beschäftigt bin. Denn wenn ich etwas sinnvolles mache, bei dem ich etwas lerne und auch etwas zurückgebe, bei dem ich Resultate sehe, dann habe ich nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben. Vor allem, wenn es feste Termine sind. Denn ich denke nicht während einer Chorprobe "Oh Mann, ich könnte doch jetzt so viel für die Uni lernen.". Aber wenn ich nur am Laptop sitze und sinnlos im Internet surfe, dann weiß ich, dass ich jetzt auch lernen könnte und es nur ohne guten Grund vor mir herschiebe. Und das ist kein gutes Gefühl.

    "Ausgleichende Anstrengung" trifft es sehr gut. Während einen arbeits- oder unibedingte Anstrengung ziemlich auslaugen kann, fühlt man sich, wenn man seine Hobbys ausübt, eher fitter und motivierter.
    Und ich empfinde es auch als unfassbar entspannend, mich auf etwas so richtig konzentrieren zu können, sodass ich alle nervigen anderen Gedanken mal für eine Weile aussperren kann. Bei Uni-Kram gelingt mir das leider nicht.

    Liebe Grüße :),
    Charlie

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genau, das schlechte Gewissen bleibt zum Glück meistens zu Hause bei solchen Aktivitäten. Weil man ja trotzdem etwas tut :)

      Mit ein bisschen Glück gelingt dir das auch irgendwann beim Unikram. Ich finde immer, wissenschaftliche Texte zu schreiben, kann einen auch in so einen Flow-Zustand versetzen. Aber danach fühlt sich mein Hirn leider trotzdem ausgequetscht an :D

      Aber super, dass wir das hier alle ähnlich sehen. Ich fühlte mich schon unverhältnismäßig terminbeladen xD

      Liebe Grüße zurück! :)

      Löschen
  2. Ich denke ein Hobby darf durchaus Zeitintensiv sein, wenn man es aber als Zeitfresser sieht dann sollte man natürlich schon drüber nachdenken. Ich finde es toll wenn man da Lust hat, sich mit etwas neuem auseinander zu setzen und sich Zeit nimmt, etwas zu schaffen, zu lernen usw.
    Bei mir ist wahrscheinlich das zeit und geldintensivste Hobby die Fotografie. Allerdings habe ich das für mich noch nie in Frage gestellt ob ich möglicherweise zu viel Geld dafür ausgebe. Mir macht es Freude und ich genieße es, dass ich überall in der Wohnung dann eigene Bilder aufhängen kann. Wie zum beispiel eine schöne Leinwand eines Bergpanoramas.
    Worin ich gerne mal wieder mehr Zeit investieren möchte ist das Klavierspielen, was allerdings aktuell aus Mangel an Klavier nicht so einfach umzusetzen ist.
    Trotz allem bin ich der Meinung, das ein Hobby immer noch Spaß machen sollte. Wenn der Spaß da ist, wird man das auch nie als Zeitverschwendung oder Zeitfresser sehen. Auch wenn es Zeit in Anspruch nimmt.
    Letztendlich muss man wohl für sich selbst einfach das richtige Maß finden und wenn jemand anders das nicht nachvollziehen kann, soll er die Klappe halten :)

    Liebe Grüße <3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt, der Geldaspekt spielt natürlich auch eine Rolle. In jedes Hobby investiert man früher oder später einige Moneten, weil man sich mit dem Weiterentwickeln einfach mehr Equipment zulegen möchte. Da ist es auch egal, ob man kocht und diesen super krassen Dampfgarer braucht, reitet und einen speziellen Sattel möchte oder eben neue Objektive für bestimmte Aufnahmen. Zeit und Geld werden investiert. Aber eben seeeehr gut angelegt :)

      Ganz genau! :D

      Löschen
  3. Du sprichst mal wieder genau das an, was mir persönlich auch grad auf der Seele brennt. Ein Hobby sollte man vor anderen nie verteigen müssen, und doch ist das sehr viel alltäglicher als andersrum: unterstützt zu werden von neugierigen Menschen.
    Ich weiß nicht, wie das bei dir aussieht, aber ich kenne auch beides sehr gut. Ich hatte eine lange Phase über ein paar Jahre, in denen ich kaum noch Hobbys ausgeübt habe. Einerseits hatte ich davor so viel gemacht, vieles was mir als Person nicht mehr entsprach, und dadurch nur noch Stress verursachte. Andererseits habe ich in der Phase gemerkt, wie stark und krass ich dieses Beschäftigtsein vermisst hab anstelle davon, das Herumliegen und pure Serienschauen zu genießen. Ich bin grad dabei, wieder einige Hobbys (klar, kommentieren und bloggen gehören dazu ;) aufleben zu lassen und Neue zu beginnen. Da du auch von Sprachkurs geschrieben hast: Ich mache grad Einen neben meinem FSJ 40 Stunden/Woche Beruf und alle klatschen sich an den Kopf und fragen, weshalb ich mir sowas Verrücktes am Wochenende auch noch antue. Und dabei komme ich gleich nochmal auf etwas zurück, was du beschrieben hast: Das, was man zurückbekommt, "Output", ist so wunderbar und macht einen sowohl stolz als auch selbsticherer in diesem Hobby. Dabei wiegt es alles auf, wenn man tatsächlich gern die Zeit dafür aufwendet. Das Investieren in einen Selbst bringt immer was und das lerne ich grad nochmal ganz neu =)

    Danke für das Gerede!^^ Ich nehm jedes mal viel mit von dem, was du dir so dabei denkst.
    Liebe Grüße,
    Leyla

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Neugierige Menschen sind in diesem Fall hoch willkommen - wohl wahr! Denn wer redet nicht gerne über das, was er mit Leidenschaft und Herzblut verfolgt? Ich persönlich höre dabei auch gerne zu, weil es sehr spannend ist, wofür sich Leute aus welchen Gründen begeistern :

      Natürlich, wenn man merkt, dass ein Hobby keinen Spaß mehr macht und man es nur aus Gewohnheit noch tut, dann sollte man sich überlegen, nicht vielleicht aufzuhören und sich was passenderes zu suchen. Man entwickelt sich ja auch weiter und braucht manchmal auch einfach eine Pause. Ich hatte eigentlich immer so zwei, drei Sachen am Laufen, die ich sehr engagiert verfolgt habe. Aber aus einigen bin ich dann irgendwann "rausgewachsen". Was ja aber nicht heißt, dass man es für immer verloren hat. Vielleicht ist ja irgendwann doch wieder die richtige Zeit dafür :)

      Ich finde es super, dass du noch einen Sprachkurs nebenbei machst! Welche Sprache denn? :) Diese Meckerer haben bestimmt auch was auf der Liste, was sie schon immer ausprobieren wollen und reden sich immer damit heraus, dass sie keine Zeit haben. Du beweist gerade das Gegenteil, bestimmt nervt sie das :D

      Das freut mich sehr zu lesen! :D Ich schreibe sowas ja immer als Quasi-Therapie runter, da ist es schön, wenn Leute sich das tatsächlich durchlesen und es mögen :)

      Liebe Grüße!

      Löschen