11.01.2017

[Review] Wie alte Freunde wiedersehen: Gilmore Girls. A Year in Life

Bei den Gilmore Girls handelt es sich um eine Serie, die mir - genauso wie so vielen anderen - nicht nur Unterhaltungsprogramm war und ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration. Ob es sich dabei um Buch- oder Filmtipps handelt, oder zu lernen, wie man rasend schnell komplexe Sätze von sich gibt, diese Serie wird auch nach dem zwanzigsten Mal anschauen einfach nicht langweilig.

Das charismatische Kleinstädtchen Stars Hollow ist zwar ein fiktiver Ort, aber dank seinen schrulligen und einzigartigen Persönlichkeiten wurde es über die sieben Staffeln hinweg zu einer Art gedanklichem Zuhause. Und genau das zeigte sich auch, als ich wie all die anderen Fans Ende letzten Jahres vor dem Fernseher saß, und die vier neuen Folgen anschauen konnte: es war wie nach Hause kommen und alte Freund wieder sehen. Wie haben wir gejubelt, als der Einstiegsdialog der ersten Folge gleich aus einem der berühmten, blitzschnellen Wortwechsel zwischen Rory und Lorelei bestand. Und wie euphorisch haben wir jeden einzelnen der Charaktere begrüßt, wenn er zum ersten Mal wieder aufgetaucht ist. Auf eine Art waren es alle altbekannten Figuren, und gleichzeitig haben sie sich auch sehr verändert - so wie sich insgesamt der ganze Ton und die Atmosphäre der Serie verändert hat.

Aber wie sollte das auch anders sein, nachdem schließlich zehn Jahre vergangen sind. Zehn Jahre, seitdem Rory Logans Heiratsantrag abgelehnt hat und ihren ersten Job als Journalistin ergattern konnte. 10 Jahre, seitdem sie bei Lorelei ausgezogen ist, die gemeinsam mit ihren beiden Freunden Sookie und Michel ein erfolgreiches kleines Hotel geführt und ihre Beziehung zu dem grummeligen aber herzlichen Luke endlich klargemacht hat.
Wie hat sich wohl alles entwickelt? Und wohin verschlägt es unsere Gilmore Girls nach zehn Jahren? Spannende Fragen, auf die die vier neuen Folgen eher durchwachsene Antworten hatte.

Wohl um das allgemeine Zeitgefühl aufzugreifen, dümpeln unsere beiden Mädels mittlerweile relativ ziellos durch ihr Leben. Beide sind nicht zufrieden und haben das Gefühl, dass irgendetwas fehlt. Während Rory ohne festen Wohnsitz als freie Journalistin von Minijob zu Minijob hetzt und sich eigentlich nach etwas stabilerem sehnt, hadert Lorelei mit dem Stillstand, in dem sich ihre Beziehung mit Luke und vor allem ihr Hotel zu befinden scheint. So haben beide zwar höchst unterschiedliche Lebenskonzepte, fühlen sich aber beide nicht erfüllt davon.
Auch Emily steckt in einer Krise fest - allerdings einer wesentlich tragischeren als die anderen beiden. Schließlich ist - wie nach dem traurigen Tod des Schauspielers Edward Herrmann zu erwarten war - ihr Ehemann Richard verstorben. Ohne ihren Mann, mit dem sie 50 Jahre lang ihr Leben geteilt hat, fühlt sie sich nicht nur in dem riesigen Haus, sondern insgesamt in der Welt verloren. 

Es ist im Grunde so: während die ersten beiden der neuen Folgen noch einiges von dem alten Charme versprühen, fokussieren sich die letzten beiden Folgen darauf, zu zeigen, wie unseren Mädels alles entgleitet. Emily trägt plötzlich Jeans (der echte Fan weiß, wie dramatisch diese Tatsache ist), Rory ist mehr oder weniger arbeits- und obdachlos und führt auch noch verschiedene seltsam anmutende Beziehungen und Lorelei wird von einem blinden Aktionismus getrieben, der sie dazu bringt, auf eine Pilgerwanderung zu gehen. Zumindest so in etwa.

Ich habe nun kein Problem damit, wenn Figuren scheitern. Ganz im Gegenteil. Rorys Karriere war nicht nur realistisch dargestellt. Es war außerdem interessant zu sehen, wie sie damit umgeht, wenn nicht alles nach Plan läuft. Dass ihr das eigentlich gar nicht gefällt, konnten wir uns alle denken. Aber wie auch alle anderen hat sich Rory weiterentwickelt und versucht, irgendwie das beste aus ihrer Situation zu machen. Auch, wenn die Realität des Journalismus-Berufs wirklich kein Ponyhof ist.
Womit ich ein Problem habe, ist, wenn Figuren schlichtweg dumm sind und irgendwelche Konflikte herbeigedichtet werden, nur damit es etwas zu erzählen gibt. So wie es bei Lorelei der Fall ist. Da war einiges an unnötigem Raum, der meiner Meinung nach sehr gerne an die Nebenfiguren hätte abgetreten werden können. Die bekommen nämlich leider nur sehr wenig Platz zur Darstellung, was ich wirklich schade fand.

Vermutlich ist das auch mein größter Kritikpunkt: die vier Folgen sind zwar schon in Spielfilmlänge, versuchen aber, unfassbar viel Stoff unterzubringen. Allein die Gilmore Girls selbst könnten die Folgen füllen, aber natürlich dürfen die mindestens ebenso wichtigen Nebencharaktere wie Michel, Paris oder Luke, Miss Patty, Babette, Kirk, Taylor, Lane und wie sie alle heißen, einfach nicht fehlen. Aber leider tun sie das. Vor allem rund um Sookie, Lane und Zack herrscht ein bisschen traurige Stille, aber auch bei allen anderen reichte es leider nur für ein paar kleine Einblicke in ihr jetziges Leben. 
Andererseits war das auch irgendwie das Konzept der neuen Folgen und es illustriert schon auf eine gewisse Art, dass und wie das Leben halt auch in Stars Hollow einfach weitergeht. Aber trotzdem. Es war zu wenig. Und hier spricht nur zu 70% das gierige Fanherz. Mindestens 30% sind ernsthafte Kritik.

Noch eine kleine persönliche Notiz: ich hab es einfach nicht auf die Kette bekommen, dass Rory einfach 32 Jahre als sein soll! Sie verhält sich überwiegend total kindisch - eigentlich sogar wesentlich kindischer als auf der Highschool. Abgesehen davon, dass ich ihre Männerwahl und ihr Umgang mit ihrem Freund als total unnötig und absurd betrachte, hat sie auch eine so verquere Art der Realitätswahrnehmung, es ist wirklich unfassbar.

Was bleibt also noch zu sagen? Ich hab mich sehr gefreut. Durch die vier neuen Folgen konnte ich einem meiner Lieblingsorte aller fiktiven Ort mal wieder einen Besuch abstatten. Und er hat gar nichts an Liebreiz verloren. Dennoch waren die Folgen nur ein Abklatsch der eigentlich Serie und dem, weshalb ich alle Staffeln davon mehrmals angeschaut habe. Und hätte es diesen Bonus nicht gegeben, wäre mein Urteil sicher viel strenger. So war das Anschauen der neuen Folgen wie ein Treffen mit einem alten Bekannten, mit dem man leider nicht mehr viel gemeinsam hat, außer vielen guten Erinnerungen. Aber diese wieder aufzuwecken war das Treffen durchaus wert.


Kommentare:

  1. Du hast zwar meine Rezension schon gelesen (glaube ich) und weißt es, aber ich gebe dir hiermit trotzdem nochmal offiziell recht.
    Ich fand es auch richtig schön, Stars Hollow und all die schrulligen Bewohner wieder zu erleben. Michel war mein heimlicher Star, aber Kirk, Taylor und Paris fand ich auch wieder lustig ^^.
    Ich fand es auch extrem schade, wie wenig Sookie und Lane und Zach vorkamen.
    Lorelais Probleme fand ich gar nicht mal so unnötig, aber ich fand auch, dass die Staffel einfach viel zu kurz war, um all diese Lebenskrisen, die sie den Figuren da angedichtet haben, ordentlich zu behandeln.
    Und über Rory hab ich mich glaub ich schon genug aufgeregt... Das war einfach nicht zu fassen und hat mich am allermeisten genervt. Ich fand es ja schön zu sehen, dass auch jemand so Intelligentes, Fleißiges und Zielstrebiges wie sie einmal scheitert, aber was sie da in ihrem Liebesleben abgezogen hat, oh Mann. Das hat einfach nicht zu ihr gepasst.

    Liebe Grüße,
    Charlie

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    1. Aber selbstverständlich habe ich deine Rezi gelesen (und sogar kommentiert! :D ) Der Grundtenor bei uns ist ja auch relativ gleich.
      Ach naja - unnötig (bzw "dumm", wie ich es genannt habe), war vielleicht auch etwas hart formuliert. Aber Loreleis Verhalten ist für mich in den Staffeln schon immer ein bisschen überdramatisch, da war das hier einfach noch mal eine Schicht dicker.

      Die Geschichte rund um Rory... jaaaa, dazu ist vermutlich wirklich alles gesagt: es ist halt ganz schrecklich :D Aber abgesehen von ihrem offiziellen Freund - da passt es wirklich nicht zu ihr, wie sie ihn behandelt - fand ich es eigentlich eine logische Fortsetzung. Also die Tendenz zu Affären hat sie ja schon mit Dean bewiesen, von daher lag das ja nicht soooo fern. Aber dennoch. Schlimm.

      Liebe Grüße
      Melanie

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  2. Hallihallo, freu mich so, mich wieder auf deinem Blog umzusehen. Fühlt sich auch an wie alte Bekannte treffen, aber ohne den schlechten Beigeschmack =D
    Ich habe viel mitgenickt und bejahendes Grummeln von mir gegeben beim Durchlesen des Posts. Gleichzeitig will ich immernoch nicht einsehen, das der gewisse Charme von früher nicht ganz wiederbelebt werden konnte - Wunschdenken ist deshalb stärker als Realität und ich schreie lauthals: DIE FOLGEN WAREN TOLL. Oft anstrengend und unglogis- TOOOOLL.

    Um ehrlich zu sein, ich hab mich auch sehr aufgeregt über Rory. Als zum ersten Mal der Schwenker zu ihrer Affäre hin kam (gute Kameraführung, das muss gesagt sein), hab ich lauthals (das ist generell ein sehr passendes Adjektiv für meine Person) aufgeschnauft. Nach intensiven Überlegungen währenddessen und danach, muss gesagt sein, es passt eigentlich ziemlich gut zu Rory. Es ist ihr typisches Charakterschema, was ihr Liebesleben betrifft. Ich würde sagen, nach Dean ging es - was ihre Entscheidungen in diesem Bereich angeht - bergab. Persönlich bin ich #teamjess, aber Rorys Umgang mit Beziehungen zu allen Menschen um sich rum wurde von Staffel zu Staffel unerträglicher. Insofern ist sich der Charakter dadurch teilweise treu geblieben, meinst du nicht? Es war zwar aufwühlend und sehr zu Misgunst unserer eigenen Wünsche (, dass Rory wieder das perfekte Vorbild wird, das sie einst war), doch man kann es auch als Fortführung ihres Entscheidungsschema sehen.

    Insgesamt waren mir die Szenen mit den anderen quirligen Charakteren auch viel zu wenig. Paris kam zwar öfter vor und das habe ich geliebt - ihr Ausraster im Bad habe ich mächtig gefeiert -, doch Miss Patti oder Lane, Zach und ganz kar Sookie haben große Lücken gelassen. Das wurde tatsächlich mit etwas zuviel Musical und einigen zu langen Therapiestunden gefüllt.

    Die Folgen waren wirklich mehr Nostalgie als Fortschritt meiner Meinung nach. Sie hatten all das, was die Original-Serie ausmacht, nur in falscher Proportion, das ist die Beschreibung, wie ich sie mittlerweile verwende.
    Meine Lieblingsszenen waren also die im Bad mit Paris, Emily in Jeans, die Hochzeit, alles bei Lane und Zach zuhause und die Szenen mit Jess, in der er Rory mal ab und zu die Arschtritte verpasst, die ich ihr am liebsten die ganze Zeit gegeben hätte.

    Wunderbar, dass es uns allen ähnlich ging, das vereint! Ich werd mir die neuen Folgen trotzdem noch öfter reinziehen, um alles im Detail zu kennen :D
    Allerliebste Grüße,
    Leyla ♥

    P.S.: Mir hat auch irgendwie gefehlt, Rory als Leseratte mit vielen Bücher zu sehen - dafür bleibt wohl nicht viel im Alltag einer Journalistin =(

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    1. Hello liebe Ley! :D Das freut mich aber sehr - schön, dich wieder mal hier anzutreffen! :)

      Genau! Man fühlt sich so zerrissen! :D Aber vielleicht sind wir auch alle mit zu hohen Erwartungen an die Sache rangegangen, und es konnte nur enttäuschend werden? Man weiß es nicht.

      Das mit Rorys Charakterschema (wie du es so schön nennst), sehe ich genauso. Aber für mich ging es eigentlich mit Dean los. Bzw mit der zweiten "Beziehung" die sie führen - das war ja auch eine geheime Affäre, während er mit Lindsey verheiratet war. Man hätte aber trotzdem denken können, sie hätte was daraus gelernt.
      Aber witzig, dass du Rorys Umgang mit ihren Mitmenschen so empfindest - mir geht es so mit Lorelei :D

      Richtig! Paris' Ausraster auf der Toilette war einfach fabelhaft! :D

      In der Tat stehen wir geschlossen als halb skeptisch und halb glückliche Gilmore-Girls-Fraktion da. Sehr schön! :D Ich werde mir die Folgen auch auf jeden Fall nochmal anschauen. Auch auf englisch auf jeden Fall.

      Und stiiiiimmt - es kamen auch kaum Bücher vor. Das hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber das fehlte echt. Sie hätte doch zumindest ihrem Patenkind mal ein Buch schenken können oder so :D

      Liebe Grüße! :)

      PS: ebenfalls #teamjess ! :D

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