12.02.2017

[Rezi] Michel Houellebecq - Unterwerfung

Erscheinungsjahr: 2015
Originaltitel: Soumission
Genre: Dystopie
Seitenzahl: 272


Teaser:
Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.


Handlung
In ein paar wenigen Jahren werden die Wahlen in Frankreich nicht mehr von der rechtsextremen Partei Front National und den liberalen und konservativen restlichen Parteien entschieden, sondern es wird noch eine entscheidende weitere Strömung ins politische Feld eingetreten sein: in Form des Politkers Mohamed Ben Abbes tritt erstmals eine muslimische Partei auf die Bühne. Diese scharrt immer mehr Anhänger um sich und schafft es schließlich als Staatspräsident an die Regierungsspitze gewählt zu werden. So werden zum Teil sukzessiv und zum Teil rasant und offensichtlich nicht nur die westeuropäisch etablierte Staatsorganisation, sondern auch die gesellschaftlichen Werte, auf denen diese aufbaut, umgeworfen und umstrukturiert.

Meine Meinung
Dieser Roman hat hohe Wellen geschlagen - verständlich, scheint er doch die Befürchtungen der "besorgten Bürger" europaweit in einem Szenario auf die Spitze zu treiben. So oberflächlich sollte man dieses Werk aber nicht betrachten. Es handelt sich nicht um einen negativen Zukunftsentwurf, der vor einer möglichen Islamisierung warnt, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der gesamten Gesellschaft - vorrangig mit der intellektuellen Elite eines Landes - und der politischen Parteienlandschaft von links nach rechts. Es würde dem Roman nicht gerecht werden, würde man ihn Wort für Wort lesen und verstehen wollen. Der ironische Unterton, der ihn zu einer - zugegeben wenig komischen - Satire macht, ist zwar sehr zart, aber definitiv vorhanden und muss entsprechend verhandelt werden.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der Literaturwissenschaftsprofessor François. Er lehrt an der Universität Paris-Sarbonne und betrachtet seine Arbeit, sein Leben und die politischen Entwicklungen stets auf die gleiche kühle und zynische Art. Obwohl er noch relativ jung und in diesen ominösen besten Jahren ist, ist er sehr ernüchtert und resigniert. Seine wissenschaftliche Karriere empfindet er als mittelmäßig, sein Liebesleben als Sackgasse - weil es halt auch hauptsächlich aus Affären mit seine Studentinnen besteht - und die politische Situation betrachtet er sowieso äußerst skeptisch. Aber weniger aus Besorgnis um die Gesellschaft, sondern aus reinem Egoismus. Wegen des Aufstiegs der muslimischen Partei zieht die Familie seiner aktuellen Liebschaft nach Israel, weil es schwierig für alle Menschen mit jüdischem Glauben wird. Außerdem wird er seiner Lehrtätigkeit enthoben - wie alle Frauen und nicht muslimischen Lehrenden.

Es ist eine sehr bedrohlich wirkende Zeit, in der die etablierten Werte auf dem Prüfstand stehen. Aber niemand scheint bereit, sich aus seiner Bequemlichkeit zu erheben und sich gegen die neuen Machthaber zu stellen. So konnte zwar der rechte Extremismus abgewandt werden, aber nur zum Preis eines religiös geleiteten Staates, der eine gemäßigte Form der Scharia einführt, das Patriarchat etabliert und insgesamt einen riesigen Rückschritt bedeutet. Doch gerade die Eliten bestehen aus Opportunisten, die sich lieber arrangieren. So auch unser Protagonist, der plötzlich gar nicht mehr so viel gegen Polygamie einzuwenden hat und sich durchaus in der Lage sieht, zum Islam zu konvertieren, wenn er dafür seine Anstellung an der islamischen Universität Paris Sarbonne wieder zurück bekommt.

Was ich auch noch wirklich spannend fand und durchaus den negativen Ton etwas relativierend, war die Bedeutung der Literatur in diesem Buch. Für den Protagonisten ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, er zieht die Romane des Autors, auf den er sich in seiner Forschung spezialisiert hat, oft zu Rate und erhofft sich dadurch Antworten für seine eigenen Probleme. Und so sollte auch "Unterwerfung" betrachtet werden: Es geht in dem Roman nicht darum, eine Wahrheit darzustellen oder Zukunftsprognosen zu geben. Er will Tendenzen auf die Spitze treiben - aber meiner Meinung nach nicht unbedingt die Tendenzen einer islamisierten Gesellschaft, sondern die Tendenz der westlichen Bevölkerung und vor allem der Intellektuellen zur Resignation und zur Apathie. Es ist provokant, diesen Spiegel von einer muslimischen Machtposition umrahmen zu lassen, aber genau diese Provokation löste die enorme Diskussion aus - über den Roman und damit auch über die Gesellschaft. Dennoch beantwortet der Roman die großen Fragen, die er aufwirft nicht - und welche wirklich großen Romane tun das schon? Am Ende geht es auch ihm darum, sich weder für eine rechtsextreme noch für eine islamisierte Seite instrumentalisieren zu lassen, sondern die errungenen Rechte von freier Meinungsäußerung und individueller, gleichberechtigter Entfaltung zu bewahren.


05.02.2017

[Gerede] Ausflug aus Prinzip

Früher, als ich noch ein kleines Kind war - was nun unleugbar schon einige Jährchen her ist - gab es manchmal einen ganz besonderen Ausflug. Da luden unsere Eltern meine Schwester und mich ins Auto ein und führen eine für den Sonntag ungewöhnliche Strecke. Es ging nämlich nirgendwo anders hin, als zum Gebäude unserer Grundschule. Vor und in diesem hallte unter der Woche an jeder Wand mal fröhliches und mal nicht so fröhliches Kindergeplärr wider, aber an diesen Tagen war es still geworden. Still, aber nicht leer. Denn obwohl es Sonntag war, standen auf dem kleinen Lehrerparkplatz überall Autos herum und kleine Grüppchen von Erwachsenen standen verstreut zusammen und beredeten anscheinend wichtige Dinge.
Sicher kennt ihr das Gefühl, das einem ein leeres Gebäude vermittelt, das eigentlich nicht zum Leer-Sein erbaut wurde. Ein Schulhaus muss voll sein. Voller quirliger Kinder, voller motivierter Lehrer, voller Menschen, die diesen Raum gestalten. Und wenn sich ein solches Gebäude dann ohne all diese Menschen präsentiert, durchschreitet man es irgendwie anders als gewohnt. Andächtiger. Und demütiger. Genauso ging es mir früher an diesen speziellen Sonntagen. Vor allem, weil ich spürte, dass die Erwachsenen hier etwas tun, was Andacht und Demut durchaus verdient hat. Neugierig sah ich dabei zu, wie meine Eltern nacheinander mit seltsamen Zetteln hinter einer Pappwand verschwanden, kurze Zeit später wieder auftauchten und die Zettel in den von unserem Dorfvorsteher (oder so etwas in der Art) bewachten Box warfen. Ich sah diesem Prozedere zu und lauschte danach den Gesprächen, die die Erwachsenen führten. Ob jetzt vielleicht endlich der Spielplatz saniert werden würde. Oder ob der Müller Fritz mit dem unvorteilhaften Wahlplakat überhaupt eine Chance hat, genug Stimmen zu bekommen. So in der Art. Natürlich waren diese Unterhaltungen für eine 7-jährige nicht so spannend wie mit den anderen Kindern auf dem so ungewohnt freien Pausenhof Nachlaufen zu spielen. Aber ich habe sie nicht vergessen. Auch, wenn das anschließende Eisessen noch ein bisschen präsenter in meiner Erinnerung vertreten ist.
Später, als ich dann ein Gespür und ein Interesse für Politik entwickelte, haben wir aus den Wahlsonntagen zwar keine Familienausflüge mehr gemacht. Aber ich beobachtete weiterhin, wie meine Eltern loszogen und nach einer halben Stunde wieder zurückkamen - und ganz nebenbei ihre Stimme abgegeben haben, mit der sie die Lenkung des Kreises, der Stadt, des Bundeslandes oder des Landes in dem sie leben, etwas mitbestimmt haben. Vielleicht waren sie nicht völlig überzeugt von ihrer Wahl, vielleicht empfanden auch sie eine gewisse Ohnmacht angesichts der Politik, vielleicht war auch für sie das Aufraffen zum Wahllokal eine lästige Bürde. Aber diese Ausflüge wurden nie in Frage gestellt. Es sind Wahlen, also wird gewählt.

Natürlich stand außer Frage, was meine erste Amtshandlung sein würde, wenn ich endlich volljährig und auch in diesem auserlesenen Kreis der Wähler aufgenommen war. Zufällig war mein erstes Jahr als vollmündige Bürgerin auch ein Superwahljahr. Bundestag, Europaparlament und auch noch der Landtag wurden gewählt - ganze dreimal durfte ich meine Stimme abgeben. Und jedes mal, wenn ich nach außen hin lässig die Zettel in die Box fallen lies, die immernoch in der Grundschule stand und immernoch von dem selben Mann beaufsichtigt wurde, spürte ich wieder dieses Gefühl von Demut. Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein.

Angesichts des Wahljahres 2017 und den Dingen, die in letzter Zeit bei einigen Wahlen - auch dank Protest-Nichtwählern - so herausgekommen sind, wünschte ich, mehr Leute wären wie meine Eltern. Die nicht in Frage stellen, dass gewählt werden muss. Die sich nicht von einer Politikverdrossenheit übermannen lassen, und die halt einfach wählen gehen, weil man gar nicht anders kann.
Jeder, der in einer Gesellschaft leben möchte, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert, muss wählen. Wer nicht wählt, wacht mit dem Brexit auf. Wer nicht wählt, wacht mit Trump auf. Wer nicht wählt, überlässt die Wahl und das Feld einer Bewegung, die mich nicht nur maßlos schockiert, sondern auch sehr beunruhigt. Und da ist so ein kleiner sonntäglicher Ausflug wirklich kein großer Aufwand. Aber eine große Sache.