05.02.2017

# L(i)ebenswert # Politik

[Gerede] Ausflug aus Prinzip

Früher, als ich noch ein kleines Kind war - was nun unleugbar schon einige Jährchen her ist - gab es manchmal einen ganz besonderen Ausflug. Da luden unsere Eltern meine Schwester und mich ins Auto ein und führen eine für den Sonntag ungewöhnliche Strecke. Es ging nämlich nirgendwo anders hin, als zum Gebäude unserer Grundschule. Vor und in diesem hallte unter der Woche an jeder Wand mal fröhliches und mal nicht so fröhliches Kindergeplärr wider, aber an diesen Tagen war es still geworden. Still, aber nicht leer. Denn obwohl es Sonntag war, standen auf dem kleinen Lehrerparkplatz überall Autos herum und kleine Grüppchen von Erwachsenen standen verstreut zusammen und beredeten anscheinend wichtige Dinge.
Sicher kennt ihr das Gefühl, das einem ein leeres Gebäude vermittelt, das eigentlich nicht zum Leer-Sein erbaut wurde. Ein Schulhaus muss voll sein. Voller quirliger Kinder, voller motivierter Lehrer, voller Menschen, die diesen Raum gestalten. Und wenn sich ein solches Gebäude dann ohne all diese Menschen präsentiert, durchschreitet man es irgendwie anders als gewohnt. Andächtiger. Und demütiger. Genauso ging es mir früher an diesen speziellen Sonntagen. Vor allem, weil ich spürte, dass die Erwachsenen hier etwas tun, was Andacht und Demut durchaus verdient hat. Neugierig sah ich dabei zu, wie meine Eltern nacheinander mit seltsamen Zetteln hinter einer Pappwand verschwanden, kurze Zeit später wieder auftauchten und die Zettel in den von unserem Dorfvorsteher (oder so etwas in der Art) bewachten Box warfen. Ich sah diesem Prozedere zu und lauschte danach den Gesprächen, die die Erwachsenen führten. Ob jetzt vielleicht endlich der Spielplatz saniert werden würde. Oder ob der Müller Fritz mit dem unvorteilhaften Wahlplakat überhaupt eine Chance hat, genug Stimmen zu bekommen. So in der Art. Natürlich waren diese Unterhaltungen für eine 7-jährige nicht so spannend wie mit den anderen Kindern auf dem so ungewohnt freien Pausenhof Nachlaufen zu spielen. Aber ich habe sie nicht vergessen. Auch, wenn das anschließende Eisessen noch ein bisschen präsenter in meiner Erinnerung vertreten ist.
Später, als ich dann ein Gespür und ein Interesse für Politik entwickelte, haben wir aus den Wahlsonntagen zwar keine Familienausflüge mehr gemacht. Aber ich beobachtete weiterhin, wie meine Eltern loszogen und nach einer halben Stunde wieder zurückkamen - und ganz nebenbei ihre Stimme abgegeben haben, mit der sie die Lenkung des Kreises, der Stadt, des Bundeslandes oder des Landes in dem sie leben, etwas mitbestimmt haben. Vielleicht waren sie nicht völlig überzeugt von ihrer Wahl, vielleicht empfanden auch sie eine gewisse Ohnmacht angesichts der Politik, vielleicht war auch für sie das Aufraffen zum Wahllokal eine lästige Bürde. Aber diese Ausflüge wurden nie in Frage gestellt. Es sind Wahlen, also wird gewählt.

Natürlich stand außer Frage, was meine erste Amtshandlung sein würde, wenn ich endlich volljährig und auch in diesem auserlesenen Kreis der Wähler aufgenommen war. Zufällig war mein erstes Jahr als vollmündige Bürgerin auch ein Superwahljahr. Bundestag, Europaparlament und auch noch der Landtag wurden gewählt - ganze dreimal durfte ich meine Stimme abgeben. Und jedes mal, wenn ich nach außen hin lässig die Zettel in die Box fallen lies, die immernoch in der Grundschule stand und immernoch von dem selben Mann beaufsichtigt wurde, spürte ich wieder dieses Gefühl von Demut. Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein.

Angesichts des Wahljahres 2017 und den Dingen, die in letzter Zeit bei einigen Wahlen - auch dank Protest-Nichtwählern - so herausgekommen sind, wünschte ich, mehr Leute wären wie meine Eltern. Die nicht in Frage stellen, dass gewählt werden muss. Die sich nicht von einer Politikverdrossenheit übermannen lassen, und die halt einfach wählen gehen, weil man gar nicht anders kann.
Jeder, der in einer Gesellschaft leben möchte, die auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert, muss wählen. Wer nicht wählt, wacht mit dem Brexit auf. Wer nicht wählt, wacht mit Trump auf. Wer nicht wählt, überlässt die Wahl und das Feld einer Bewegung, die mich nicht nur maßlos schockiert, sondern auch sehr beunruhigt. Und da ist so ein kleiner sonntäglicher Ausflug wirklich kein großer Aufwand. Aber eine große Sache.

Kommentare:

  1. Die Wichtigkeit des Wählens kann wirklich gar nicht oft genug betont werden! Wer nicht wählen geht, kann sich meiner Meinung nach auch nicht über die Regierung oder Gesetze beschweren, die ihm nicht passen.
    Ich sehe sowieso kein gutes Argument fürs Nicht-wählen. Selbst, wenn man sich mit keiner der "großen" Parteien identifizieren kann (kann ich auch nicht), hat man immer noch die Möglichkeit, mit seiner Stimme kleinen Parteien, die man gut findet, mehr Unterstützung zu geben, oder einfach den Parteien, die man nicht gut findet, einen winzigen Anteil an Stimmen zu nehmen.
    Und in einigen besonderen Fällen würde ich sogar das "kleinere Übel"-Prinzip akzeptieren, wenn man sich in einer Partei oder einen Kandidaten vielleicht nicht 100%ig repräsentiert sieht, diese/r aber die einzige Möglichkeit ist, etwas anderes zu verhindern
    So oder so ist das Wahlrecht ein hohes Gut, das jeder, der ein einer Demokratie lebt, zu schätzen, aber auch mit Vorsicht zu gebrauchen wissen sollte.
    Für mich war es jedenfalls immer selbstverständlich, dass ich wählen gehe, sobald ich es kann, und das habe ich letztes Jahr dann auch zum ersten Mal getan.

    Liebe Grüße :)

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    1. Das finde ich auch. Also, die Politikverdrossenheit ist für mich durchaus auch verständlich - je älter man wird, desto resignierter wird man ja auch. Aber trotzdem sehe ich auch kein valides Argument fürs Nicht-Wählen. Man kann ja bei aller Resignation wohl ein Kreuzchen, selbst wenn es "nur" eine kleine Partei ist wie du schon sagst.

      Meiner Meinung nach kann man bei den großen Parteien nur das "kleinere Übel" nehmen - da liegt doch überall so viel im Argen und viele handeln gar nicht nach ihren eigenen ideellen Prinzipien. Und je größer eine Partei ist, desto weniger kann sie es allen Mitgliedern recht machen. Aber ja. Fast alles ist besser als nicht zu wählen. Von daher: sehr schön! :)

      Liebste Grüße :)

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  2. Ein großartiger Text, du hast so tolle Worte gewählt - ich hab alles vor meinen Augen gesehen und ich stimme dir so sehr zu. Weniges ist so wichtig, wie vom Recht zur Wahl Gebrauch zu machen. Ein großes Kompliment für diesen tollen und so wichtigen Text - danke! Ich wünschte mehr Menschen würden so denken, wie deine Eltern und vor allem wie du.

    "Denn auch, wenn meine Stimme alleine nichts bewirkt, niemanden beeindruckt und für sich genommen völlig irrelevant ist, so ist sie doch ein Zeichen, das ich gesetzt habe. Dafür, in welcher Gesellschaft ich leben will, welche Werte ich vertrete und vertreten sehen will und dafür, dass ich akzeptiert habe, Teil einer Demokratie zu sein."

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    1. Vielen lieben Dank :)
      Viele vergessen leider oft, was das Wahlrecht für eine besondere Errungenschaft ist und empfinden es eher als Last denn als Privileg. Und langsam empfinde ich das al richtig schlimm. Hoffen wir mal, dass diese Tendenz endlich wieder rückläufig wird.

      Liebe Grüße :)

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