20.03.2017

[Rezi] Erich Maria Remarque - Im Westen nichts Neues







Erscheinungsjahr: 2014 (Erstausgabe 1929)
Genre: Kriegsroman
Seitenzahl: 336








"Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren."

Solche Worte, die den Krieg als einen Schrecken ohnegleichen und vor allem ohne Sinn darstellen, ausgesprochen oder gedacht von einem jungen Soldaten direkt an der deutschen Westfront des ersten Weltkrieges, ließen dieses Buch berechtigterweise nicht nur zu einem Weltbestseller, sondern auch zu dem Anti-Kriegs-Buch schlechthin werden. Inwieweit dies vom Autor beabsichtigt war oder nicht, kann und will ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Mir geht es um die Geschichte und um die Bilder, die der Roman von einem Krieg zeichnet, der so blutrünstig und so sinnlos ist wie jeder andere Krieg auch - und die deshalb leider nicht an Aktualität verloren haben.

Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der junge Soldat Paul Bäumer, dessen analytischer Scharfsinn ihm nicht nur erlaubt, die individuelle Situation der einzelnen Soldaten in das grausige Gesamtkonzept des Krieges einzuordnen, sondern der auch auf ernüchternde und zynische Art und Weise lernen muss, dass der Krieg alle Überlebenden trotzdem niemals wirklich verlassen kann.
Rücksichtlos und ungeschönt schildert Bäumer, was er auf dem Schlachtfeld sieht: zerfetze Körper, mit dem Tode ringende Männer und einem völligen, von Resignation durchdrungenem Zynismus, an den sich die Überlebenden klammern müssen, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Doch nicht jeder aus der Mannschaft hält dem Druck der stetigen Geschosse und Gefahren stand. Manch einer bekommt einen Panikanfall und gibt seinem Fluchtinstinkt nach - inmitten der Schlacht, ohne Deckung. Nicht, dass solche Tode wesentlich unnötiger und tragischer sind als alle anderen verlorenen Leben in einem Krieg. Aber es verdeutlicht sehr eindringlich, wie die Lage innerhalb einer Einheit eskalieren kann, weil aus kontrollierten Soldaten hemmungslose, ihren Instinkten folgenden Menschen werden.

Bäumer sammelt um sich eine lustige Gruppe von Männern - teilweise aus alten Schulkameraden und teilweise aus alten, gewieften Haudegen. Diese Gruppe stellt eine Art Familie dar - eine Familie, aus der jeden Tag, jede Sekunde ein Mitglied gerissen werden kann, ohne dass jemand aktiv etwas daran zu ändern vermag. So gibt es nicht nur einen Kameraden, dem Bäumer beim Sterben beisteht. Und danach weitermacht, als wäre nichts geschehen. Denn die Front muss immer noch verteidigt werden. 

Besonders einprägsam für mich in diesem Buch war die offene Kritik an den Regierungs- und Staatsoberhäuptern, die diesen Krieg provoziert und angeordnet haben. Sie befehlen den Krieg, aber sie führen ihn nicht. Auf dem Feld stehen Familienväter, die bei ihren Kindern sein sollten, Bauern, die besser bei ihren Milchkühen wären, Handwerker, die gerade eigentlich Möbel zusammenschrauben sollten und vor allem junge Männer, fast noch Kinder, die hinter der Schulbank so viel besser aufgehoben wären als hinter einem Bajonett.
Was tut der Krieg gerade mit diesen Menschen? Die, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten und zu keiner eigenen Familie, keinem festen Beruf und keiner wirklichen Stabilität zurückkehren können, sollten sie den Krieg überleben? Die Antwort findet Bäumer während seines Heimaturlaubs: sie verzweifeln. Sie können nichts anderes als Krieg führen, haben vom Leben nichts anderes kennengelernt als den Tod. Wie kann da irgendetwas aus einem alltäglichen Leben von Bedeutung sein?

Ein Krieg hinterlässt neben körperlichen Wunden auch seelische. Ich denke, diese Tatsache ist jedem bewusst. Diese seelischen Verstümmelungen so eindringlich beschrieben zu lesen (mit Informationen aus erster Hand, denn Remarque selbst diente tatsächlich ähnlich wie sein Protagonist im 1. Weltkrieg), hat mich aber noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise erschüttert. Auch, wenn die Kriege heutzutage immer weniger im Mann-gegen-Mann-Kampf geführt werden, sind es dennoch weiterhin Menschen, die als Kanonenfutter sterben, um einigen wenigen bei ihren größtenwahnsinnigen Ideen nach mehr Macht den Weg zu ebnen. Gerade wegen dieser ungebrochenen Aktualität hat mich die Lektüre sehr mitgenommen - aber das spricht durch und durch für das Buch. Keine leichte Kost. Aber absolut lesenswert.

19.03.2017

[Gerede] Oh kostbare Zeit!

Zeit ist Geld und Geld ist knapp. Gemäß dieser Logik ist auch Zeit ein wertvolles Gut. Eines, das man investieren kann, das einem durch die Finger rinnt, das man verlieren oder gewinnen kann.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind diese Metaphern, mit denen das abstrakte Konzept von Zeit greifbar gemacht werden soll, eigentlich eine Art Handlungsanweisung, wie mit der Zeit umzugehen ist. Nämlich ähnlich wie mit Geld: clever anlegen, um mehr zu bekommen. Sparen, um möglichst viel dafür zu kriegen. Und bloß nicht dekadent verschwenden!
Aber da Zeit für ein kurzes Menschenleben vielleicht so wertvoll erscheint wie Geld, hat sie nun einmal leider ansonsten nicht viel mit diesem Zahlungsmittel gemein. Unter anderem auch das nicht: man kann Zeit nicht sparen. Egal, wie oft diverse Redewendungen diese Tatsache zu leugnen versuchen: Zeit ist vielleicht ein kompliziertes Konstrukt, aber wenn etwas sicher ist, dann, dass sie vergeht. Unaufhaltsam, uneinholbar und unwiederbringlich.

Bei meinen Überlegungen zu Hobbys und die Zeit, die man damit verbringt, wurde mit bewusst, wie kapitalismuisgeprägt die allgemeine Vorstellung von Zeit ist. Und das vermutlich nicht erst, seit Benjamin Franklin 1748 mit dem bis heute beliebten und eingangs zitierten Ausspruch daherkam: "Zeit ist Geld".
Diese Aussage erschien abgedruckt in Franklins Tippsammlung "Ratschläge für junge Kaufleute", und als bekennender Bücherwurm fiel mir beim Nachdenken darüber ein anderes Buch ein, in dem sich eine der Figuren ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Es handelt sich dabei um Frank Schätzings "Der Schwarm" (ein ohnehin absolut grandioses Buch♥) und um eine Feststellung einer sehr weisen Person:


Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie [...]. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.


Das Warten auf etwas oder das Nicht-Eintreten ist nach dieser Einstellung keine verlorene Zeit, weil man Zeit von vorne herein überhaupt nicht besitzt. Sie ist da und man selbst ist da und was passiert, passiert.
Ich finde, das ist ein unwahrscheinlich beruhigender Gedanke. Diese Sichtweise ist nicht nur entschleunigend, sie befreit auch von dem Druck, das unbedingt alles nach einem gewissen (Zeit-)Plan abzulaufen hat. Natürlich nimmt sie nicht die Verantwortung von einem, die Zeit, die man hat, bewusst zu gestalten. Darum geht ist mir ja auch: ich will mein Leben füllen mit Erfahrungen, Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Aber wenn diese Abenteuer darin bestehen, nachts um 3 Uhr zum nächsten McDonald's zu fahren und auf dem Parkplatz dort mit jemandem Pommes zu essen und über die Welt zu philosophieren, dann ist diese Zeit genauso viel wert wie die der Packpacker in Peru, die gerade Cevice in sich reinstopfen. Einfach, weil in dieser Zeit das Leben stattfindet. Auch, wenn es nicht für ein ominöses Außergewöhnliches genutzt wurde.

Es gibt momentan diesen Optimierungs-Trend. Immer muss alles in der bestmöglichen Version da sein. Der eigene Körper, die eigene Persönlichkeit, die Persönlichkeit der Freunde, die Karriere, die Familienplanung, das Auslandsjahr, die Freizeitgestaltung. Alles perfekt. Und mir suggerieren immer mehr Medien, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich nicht irgendetwas in meinem Leben optimiere. Es gibt schließlich immer was zu tun, und das bezieht sich nicht nur auf Baumärkte. 
Aber ich verschwende meine Zeit nicht, wenn ich an einem verregneten Sonntag einen Blogpost schreibe, den vielleicht 8 Leute lesen und der auf einer nicht optimal optimiert gestalteten Internetseite erscheint, weil dort das Design laienhaft und SEO vollkommen irrelevant ist. Ich habe dann keine Zeit geopfert, in der ich hätte Bewerbungen schreiben können. Oder meine Dissertation. Ich habe auch keine Zeit verschwendet oder verloren. Die Zeit war ja trotzdem da. Und mein Leben auch. 

Natürlich ist Zeit kostbar. Aber es ist eine andere Art von Kostbarkeit als Diamanten oder Geld. Man kann sich nicht damit schmücken, sie nicht wegschließen und nicht verschenken. Niemand besitzt Zeit. Aber jeder hat eine gewisse Zeitspanne innerhalb der Geschichte, während der er existiert. Und das kann entspannt sein oder stressig. Wenn optimale Zeitnutzung bedeutet, sich permanent zu stressen, dann lasse ich das mit dem Optimieren lieber, setze mich mit einem Tee auf das Sofa und schaue der Zeit beim verstreichen zu.