19.03.2017

# Katzenjammer # L(i)ebenswert

[Gerede] Oh kostbare Zeit!

Zeit ist Geld und Geld ist knapp. Gemäß dieser Logik ist auch Zeit ein wertvolles Gut. Eines, das man investieren kann, das einem durch die Finger rinnt, das man verlieren oder gewinnen kann.
Wenn man einmal darüber nachdenkt, sind diese Metaphern, mit denen das abstrakte Konzept von Zeit greifbar gemacht werden soll, eigentlich eine Art Handlungsanweisung, wie mit der Zeit umzugehen ist. Nämlich ähnlich wie mit Geld: clever anlegen, um mehr zu bekommen. Sparen, um möglichst viel dafür zu kriegen. Und bloß nicht dekadent verschwenden!
Aber da Zeit für ein kurzes Menschenleben vielleicht so wertvoll erscheint wie Geld, hat sie nun einmal leider ansonsten nicht viel mit diesem Zahlungsmittel gemein. Unter anderem auch das nicht: man kann Zeit nicht sparen. Egal, wie oft diverse Redewendungen diese Tatsache zu leugnen versuchen: Zeit ist vielleicht ein kompliziertes Konstrukt, aber wenn etwas sicher ist, dann, dass sie vergeht. Unaufhaltsam, uneinholbar und unwiederbringlich.

Bei meinen Überlegungen zu Hobbys und die Zeit, die man damit verbringt, wurde mit bewusst, wie kapitalismuisgeprägt die allgemeine Vorstellung von Zeit ist. Und das vermutlich nicht erst, seit Benjamin Franklin 1748 mit dem bis heute beliebten und eingangs zitierten Ausspruch daherkam: "Zeit ist Geld".
Diese Aussage erschien abgedruckt in Franklins Tippsammlung "Ratschläge für junge Kaufleute", und als bekennender Bücherwurm fiel mir beim Nachdenken darüber ein anderes Buch ein, in dem sich eine der Figuren ebenfalls mit dem Thema Zeit befasst. Es handelt sich dabei um Frank Schätzings "Der Schwarm" (ein ohnehin absolut grandioses Buch♥) und um eine Feststellung einer sehr weisen Person:


Wir opfern keine Zeit. Wir behalten sie [...]. Wenn du einen Umweg fährst, findet dein Leben trotzdem statt. Keine Zeit ist verloren.


Das Warten auf etwas oder das Nicht-Eintreten ist nach dieser Einstellung keine verlorene Zeit, weil man Zeit von vorne herein überhaupt nicht besitzt. Sie ist da und man selbst ist da und was passiert, passiert.
Ich finde, das ist ein unwahrscheinlich beruhigender Gedanke. Diese Sichtweise ist nicht nur entschleunigend, sie befreit auch von dem Druck, das unbedingt alles nach einem gewissen (Zeit-)Plan abzulaufen hat. Natürlich nimmt sie nicht die Verantwortung von einem, die Zeit, die man hat, bewusst zu gestalten. Darum geht ist mir ja auch: ich will mein Leben füllen mit Erfahrungen, Erinnerungen und kleinen Abenteuern. Aber wenn diese Abenteuer darin bestehen, nachts um 3 Uhr zum nächsten McDonald's zu fahren und auf dem Parkplatz dort mit jemandem Pommes zu essen und über die Welt zu philosophieren, dann ist diese Zeit genauso viel wert wie die der Packpacker in Peru, die gerade Cevice in sich reinstopfen. Einfach, weil in dieser Zeit das Leben stattfindet. Auch, wenn es nicht für ein ominöses Außergewöhnliches genutzt wurde.

Es gibt momentan diesen Optimierungs-Trend. Immer muss alles in der bestmöglichen Version da sein. Der eigene Körper, die eigene Persönlichkeit, die Persönlichkeit der Freunde, die Karriere, die Familienplanung, das Auslandsjahr, die Freizeitgestaltung. Alles perfekt. Und mir suggerieren immer mehr Medien, dass ich meine Zeit verschwende, wenn ich nicht irgendetwas in meinem Leben optimiere. Es gibt schließlich immer was zu tun, und das bezieht sich nicht nur auf Baumärkte. 
Aber ich verschwende meine Zeit nicht, wenn ich an einem verregneten Sonntag einen Blogpost schreibe, den vielleicht 8 Leute lesen und der auf einer nicht optimal optimiert gestalteten Internetseite erscheint, weil dort das Design laienhaft und SEO vollkommen irrelevant ist. Ich habe dann keine Zeit geopfert, in der ich hätte Bewerbungen schreiben können. Oder meine Dissertation. Ich habe auch keine Zeit verschwendet oder verloren. Die Zeit war ja trotzdem da. Und mein Leben auch. 

Natürlich ist Zeit kostbar. Aber es ist eine andere Art von Kostbarkeit als Diamanten oder Geld. Man kann sich nicht damit schmücken, sie nicht wegschließen und nicht verschenken. Niemand besitzt Zeit. Aber jeder hat eine gewisse Zeitspanne innerhalb der Geschichte, während der er existiert. Und das kann entspannt sein oder stressig. Wenn optimale Zeitnutzung bedeutet, sich permanent zu stressen, dann lasse ich das mit dem Optimieren lieber, setze mich mit einem Tee auf das Sofa und schaue der Zeit beim verstreichen zu.


Kommentare:

  1. Das sind schöne und zum nachdenken anregende Worte und ich bin deiner Meinung, auch wenn man dem Stress in unserem Alltag manchmal einfach nicht entfliehen kann. Aber es gibt immer einen Moment indem man sich entschieden kann, auch mal seine Seele baumeln zu lassen und mehr von dem zumachen, was einen wirklich glücklich macht. Daher stoße ich gerne mit einer Tasse Tee an. (^.^) Vielen Dank für diesen Post.

    GLG Doreen

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    1. Gegen ein bisschen Stress ist ja auch überhaupt nichts einzuwenden. Ansonsten wäre es schon etwas langweilig. Aber Stress als Grundhaltung ist mir zu anstrengend. Also herzlich willkommen im Tee-Trinker-Club und vielen Dank für das Lob :)

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  2. Dein letzter Satz allein trifft es schon wahnsinnig gut. Ich lese recht viel in der Bullet Journal Community und bei dieser Art Notizbücher zu führen, geht es auch viel um Zeitmanagement. Aber wenn ich mir so anhöre, dass Leute eine Stunde pro Tag alleine an ihrem Notizbuch arbeiten, um ihre Zeit minutiös zu planen und einzuteilen, habe ich schon keine Lust mehr darauf :D. Ich weiche oft von meinen groben Zeitplänen ab und "trödel" ein, zwei Stunden und manchmal bräuchte ich durchaus mehr Selbstdisziplin, aber in anderen Momenten denke ich mir auch, dass es ein Zeichen ist, wenn ich mich nicht mehr konzentrieren kann und etwas anderes mehr genieße als das, was ich vernünftigerweise vielleicht tun sollte. Das gilt insbesondere für Dinge wie Sport, Aufräumen und andere nicht lebenswichtige Vorhaben ^^. Und man muss auch wirklich nicht jede Minute des Tages produktiv sein und "sinnvolle" Dinge tun, sonst wird man ja irre.

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    1. Genau. Also ich halte auch nichts von übermäßiger Faulheit - man muss einfach die Mitte finden. Und wenn manchmal die eine Seite ausschlägt und manchmal die andere, gleicht sich das doch aus :D

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