22.06.2017

Remember me - Lebe den Augenblick (2010)

18:39 0 Comments



Fast alles, was du tust, ist letzten Endes unwichtig. Aber es ist wichtig, dass du es tust.





Mit diesem Zitat von Mahatma Ghandi beginnt und endet der Film, den ich mir einer recht arroganten Haltung zu schauen begonnen habe. Was soll man schon erwarten von einem Hauptdarsteller, der als schmalzlockiger Vampirdarsteller bekannt ist, von einer recht stereotypen Figurenkonstellation und von einem vermeintlich vorhersehbaren Handlungsverlauf.
Doch ich wurde eines besseren belehrt. Von den Schauspielern ebenso wie von der Storyline. Es gab einen Moment - als Tyler und Ally zusammenkommen - in dem ich dachte, dass garantiert der chaotische beste Freund Tylers irgendwann verraten wird, dass es eine Art Wette zwischen ihm und Tyler war, weshalb letzterer Ally überhaupt erst angesprochen hat. Aber da habe ich die Mehrdimensionalität der Figuren noch völlig unterschätzt. Und wurde von dieser ebenso überrascht wie von dem knallenden Ende der Geschichte.

Dabei war ich eigentlich nach den ersten Minuten schon gefesselt: ein völlig sinnloser Mord an einer Mutter, die mit ihrer Tochter am Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Allein schon die Kameraführung baut so eine beklemmende Stimmung auf, die sich dann blitzschnell entlädt - ein genialer Einstieg. Vor allem auch deshalb, weil es danach mit einem völlig anderen Handlungszweig viele Jahre in der Zukunft weitergeht, sodass man erst einmal nicht weiß, wie diese ersten Szenen später mit der aktuellen Handlung zusammengeführt werden.
Tyler, 21 Jahre alt und Sohn eines erfolgreichen Anwaltes in New York City. Verloren in der Welt, wütend auf seinen Vater, der seine Kinder stark vernachlässigt und gleichzeitig sehr liebevoll im Umgang mit seiner kleinen Schwester Caroline, wird diese Rolle von Robert Pattinson verkörpert. Ohne Angst vor Hässlichkeit (sehen wir von einer einzigen Einstellung mal großzügig ab) und ohne große Donnerschläge spielt er diese Rolle des melancholischen, verirrten Jungen sehr glaubwürdig. Generell ist die Besetzung unheimlich überzeugend. So auch Emilie de Ravin, die die Rolle der Ally übernommen hat. Auch Ally ist nach dem tragischen Tod ihrer Mutter in der Welt verloren, reagiert darauf aber nicht mit Wut und Depression, sondern ist abgeklärt und in vielen Beziehungen knallhart. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, die (fast) völlig frei ist von Kitsch oder übertriebenem Pathos.

Beinahe mehr als die Schauspieler selbst und die starke Figurenkonzeption haben mich die Kombination von Musik und Kameraführung beeindruckt. Selten habe ich so einen passenden, manchmal scheinbar inkongruenten, Soundtrack zu einem Film gehört. 
Bezüglich der Kameraführung bin ich kein Experte und wenn selbst ich bei einer Kamerafahrt oder einer Einstellung die Mehrschichtigkeit des Bildes bemerke, will das schon etwas heißen.
Mal mehr und mal weniger hat man die ganze Zeit über das Gefühl, dass die Figuren auf eine Katastrophe zusteuern - und das tun sie am Ende auch. Allerdings ganz anders als erwartet.

*ab hier wird gespoiltert*

Die Szenen am Ende liefern erneut genial inszeniert die Puzzelteile, die den Zuschauer am Ende wissen lassen, welche Katastrophe geschehen wird. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts in den Raum hinein, sodass die Fensterfront immer größer wird. Caroline sitzt in der Schule und an der Tafel steht das aktuelle Datum: der 11. September 2001. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts aus dem Gebäude nach draußen, sodass deutlich wird, in welchem Gebäude sich das Büro des Anwalts befindet. Es ist einer Zwillingstürme des World Trade Centers.

Unheimlich eindrücklich dargestellt hat mich dieser Ausgang sehr bewegt. Die Katastrophe ist nicht nur eine persönliche. Die Figuren sind Teil einer viel größeren Katastrophe, die vom heutigen Standpunkt aus eine Zäsur in der Weltgeschichte markiert. Allegorisch stehen die Figuren des Films für Tausende von Einzelschicksalen, die von dem heftigsten Anschlag der jüngeren Geschichte getroffen wurden.

Dennoch endet der Film nicht düster. Sicherlich traurig, aber der Schockmoment wird ein wenig durch die letzte, lebensbejahende und dankbare Szene ein wenig abgemildert. Es ist ein Versuch, die vielen zerstörten Leben mit Bedeutung zu versehen. Dieser Versuch gelingt für mich. Ghandis Satz vom Anfang gewinnt durch diesen Ausgang eine ganz neue Dimension und auch die gesamte Geschichte erscheint in einem völlig neuen Licht. Denn es ist doch wirklich so, dass man für die Menschen, die man berührt hat auch nach den Tod noch weiterwirkt. Das ist global und gesamtgesellschaftlich vielleicht nicht viel, aber es ist definitiv auch nicht bedeutungslos. 

17.06.2017

Abtauchen in düstere Zeiten

17:21 0 Comments



Heute präsentiere ich euch ein super einfaches DIY, mit dem ihr ganz schnell dieses praktische Nudelsieb aus einem alten Soldatenhelm basteln könnt!


Neu in der Produktpalette ist außerdem diese total süße Gasmaske - die kann wirklich jeder tragen. In modischem olivgrün und perfekt geschnitten, um den optimalen Schutz bei austretenden Gasen zu gewährleisten.


Hätte es zu Zeiten der Propagandamaschinerie des Nationalsozialismus' bereits Youtube gegeben, hätten die zuständigen ..nennen wir es Marketingstrategen sicher nicht zweimal überlegt und sofort bekannte Lifestyle-Youtuber Videos mit oben skizzierten Konzepten drehen lassen.
Auch das familienfreundliche Informationsmagazin Die Sirene hätte vermutlich nicht nur informative Artikel zum Luftschutz abgedruckt, sondern sich auch BRAVO-like an der Reichweite von Youtubern bedient. Vielleicht in Form eines kleinen Fotoromans, in dem sich der Youtuber mit 1.000 weiteren Einwohnern Berlins geordnet und zügig beim ersten Warnsignal in den nächstgelegenen Luftschutzbunker begibt und dank seine vorbildlichen Verhaltens nach 60-minütiger Wartezeit wieder in sein gemütliches Filmzimmer zurückkehren kann.
Vielleicht wäre in diesem hypothetischen Fotoroman der Luftschutzbunker Gesundbrunnen der Hauptort der Handlung gewesen. Dieser wurde im Verlauf des zweiten Weltkrieges in den bereits existierenden U-Bahnhof hinein gebaut. Und zwar als klar wurde, dass der Krieg entgegen aller Versprechungen sehr wohl ins "eigene" Land zurückkommt und dummerweise nur für 4,5% der berliner Stadtbevölkerung Schutzräume zur Verfügung standen. Und genau, wie es bis heute im Marketing praktiziert wird, würde in dem Fotoroman, sowie in sämtlicher Kommunikation nach außen verschwiegen werden, dass der angebliche Schutz lediglich aus 80 Zentimetern dünner Betondecke bestand. Zum Vergleich: der Schutzbunker des Reichkanzlers wies eine Deckenstärke von vier Metern Stahlbeton. Doch unser Youtuber würde auf dem betreffenden Foto mit strahlendem Lächeln nach oben zeigen und die Sicherheit des Bunkers loben.

Zum Ende des Krieges fanden im Luftschutzbunker Gesundbrunnen bis zu 3.000 Menschen Zuflucht und hatte damit wie jeder Schutzbunker in Berlin eine 200-300prozentige Überbelegung. Eng gedrängt in stickigen, dunklen Räumen wurden die Bombenangriffe ausgesessen. Teilweise bis zu fünf Mal am Tag. Tatsächlich passiert ist dort auch nie etwas - zumindest nicht durch Bomben. Denn eben dieser Bunker wurde zufällig nie getroffen und war so durch eine glückliche Fügung und nicht durch die angebliche Fürsorge des Staates wirklich ein einigermaßen sicherer Ort.
Diese nicht-existente Fürsorge äußerte sich auch in der Gründung des Reichsluftschutzbundes. Dieser wurde bereits Anfang der 1930er Jahre gegründet - zu einem Zeitpunkt, an dem von Krieg offiziell noch gar keine Rede war. Man gründete diesen Bund laut der Propagandamaschinierie lediglich zum Schutz, falls mal irgendwann etwas passieren sollte. "Nur zum Schutz" war und ist kein Argument, sondern eine bestimmte Kommunikationsstrategie, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Unter anderem aus der ehemaligen Zufluchtsstätte im U-Bahnhof Gesundbrunnen sind heute die Räume des Berliner Unterwelten Museums geworden. Durch den authentischen Ort und die zum Teil original erhaltenen Räume nähert man den Besucher an die Themen Bombenkrieg, Gefahr aus der Luft und Luftschutz an. Details fernab des Geschichtsunterrichts vermitteln eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Zivilbevölkerung während des Krieges gelebt hat und wie sich dieser Teil der Geschichte in den berliner Untergrund eingeschrieben hat. 
Um den Besuch dieser Bunkeranlage nicht nur beklemmend und bedrückend zu gestalten, erfährt man in den letzten Räumen auch noch weitere spannende, den Untergrund betreffende Dinge: etwa zum Abwassersystem, dem großartigen Netz der Rohrpost und der vielfältigen Bierbrauerei im 19. Jahrhundert. Doch am Ende der Tour steht eigentlich nur ein Gedanke: Krieg ist der letzte Dreck. Ein sinnloses Verpulvern von Menschenleben. Und die Werbemaschinerie drumherum hätten geschmackloser und scheinheiliger nicht sein können.

1936 gab es noch keine Youtuber, Instagramer oder sonstige Influencer. Aber alle anderen Produkte der massenmedialen Kommunikation wurden bis ins kleinste Detail instrumentalisiert. Das ist schon grundsätzlich verwerflich. Aber richtig ekelhaft wird es erst im Kontext des Krieges und des Sterbens tausender Menschen. Das Kennenlernen verschiedener Einzelschicksale und das Nachvollziehen ihrer Lebensrealität geht weit über die Faktenlernerei im Geschichtsunterricht hinaus. Mich hat der Besuch dieser  Anlage extrem beeindruckt, mal wieder sehr wütend gemacht und zu neuem Aktionismus motiviert. Wer also an einem verregneten Tag in Berlin ein wenig Zeit hat und keine klaustrophobischen Anwandlungen bekommt, sollte diese Führung unbedingt einmal mitmachen!

12.06.2017

Wenn einem selbst die virtuelle Decke auf den Kopf fällt...

23:43 2 Comments
... braucht man dringend einen Tapetenwechsel.
Generell ist es bei akuten Anfällen von "Ich weiß einfach nicht wohin mit mir, meinen Sachen oder meinem Leben" hilfreich und daher ratsam, einfach mal ein bisschen was zu verändern. Das Klischee,  dass Frauen nach einer Trennung erst einmal zum Friseur rennen, kommt nämlich tatsächlich nicht von ungefähr. Passieren einschneidende Dinge im Leben, tun Veränderungen, Umstrukturierungen oder Neudenken einen besonderen Dienst: sie markieren den Übergang einer bestimmten (blöden) Phase in eine andere (wieder lichtere) Phase und sind damit meiner Meinung nach äußerst wichtig für einen Verarbeitungsprozess.

Nun kann es natürlich vorkommen, dass man eine richtig miese Zeit erlebt, in der eine Drecksphase auf die nächste folgt. Und dann hilft manchmal nur noch: Koffer packen und umziehen. Denn ein neuer Haarschnitt würde das emotionale Überwinden nicht ausreichend repräsentieren.
Weil das in der realen Welt aber leider nicht so einfach möglich ist, muss man irgendwie lernen, mit der gegebenen Situation umzugehen. Auch, wenn ich sicher bin, dass man manche Dinge nie überwinden kann (und möchte), ist es doch irgendwann geboten, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Daran habe ich zum Ende letzten Jahres schon mal und seit Anfang diesen Jahres schon wieder ziemlich hart gearbeitet. Das Ergebnis waren  nicht nur ein neuer Haarschnitt, die Erkenntnis, dass Familie (ob blutsverwandt oder wahlverwandt) das allergrößte auf der Welt ist, und eine endlich wieder blitzblank geputze Wohnung. Sondern ich habe mich auch wieder mehr mit meinem virtuellen Zuhause beschäftigt.

Das Haus des Wahnsinns existiert seit dem Jahr 2011. Damals war ich frisch an der Uni eingeschrieben, alleine und abenteuerlustig in eine fremde Stadt gezogen und weit weg von allem, was mir vertraut war. Ich wollte hier einen Ort für mich schaffen, an den ich mich zurückziehen und gleichzeitig eine meiner Leidenschaften mit der Welt teilen konnte: ein Bücherparadies gepaart mit Gedanken und Erlebnissen, die mir so in dieser chaotischen Welt widerfahren sind. 
Das ist ein Grundkonzept, das ich auch weiterhin gerne beibehalten möchte. Doch Raumaufteilung, Wandgestaltung, Inhaltsschwerpunkte und Strukturierung haben einfach nicht mehr dem entsprochen, was ich mittlerweile selbst gerne sehe, lese und mit dem ich mich wirklich identifizieren kann. Wie das eben oft nach krisigen Zeiten ist (oder nach sechs Jahren vielleicht auch einfach mal fällig war).

Eigentlich habe ich lange Zeit mit dem Gedanken gespielt, das Bloggen generell sein zu lassen. Zu viel Druck, wenigstens einen Post die Woche, dann im Monat und dann überhaupt mal irgendwann zu veröffentlichen, obwohl ich meine Gedanken gar nicht fokussieren konnte und einfach keinen Drang mehr zum Schreiben hatte. Anstatt meinem Prinzips "Ich habe etwas zu sagen" zu folgen, wurde das hier eine gezwungene "Ich will irgendetwas sagen" - Geschichte, die mich sehr unzufrieden gemacht hat.

Und dann saß ich in einer wunderschönen ruhigen Sommernacht mit einem Bier und zwei Herzensmenschen an der Spree und dachte über verschiedene Dinge nach. Über das letzte Jahr, über letzte Worte und über letzte Gänge. Und darüber, dass langsam wieder alles einen Platz hat, auch wenn ein Platz leer bleibt. Und, dass ich ganz vielleicht bereit bin, auch meinem virtuellen Zufluchtsort wieder Raum zuzugestehen. 

Alles aus dem alten Haus des Wahnsinns gibt es noch. Nur steht es gut verpackt im Keller, um hin und wieder hervorgeholt zu werden. Die Posts sind nicht überarbeitet und die Formatierung ist daher total zerschossen; passend zu archivierten Erinnerungen. Ich wollte sie nicht vergraben, aber mich auch nicht täglich damit umgeben.

So kam also der Umbau, dem hoffentlich auch bald wieder inhaltliches folgt. Wenn nicht, ist das aber auch okay, denn ich will wieder nur dann etwas sagen, wenn ich wirklich auch etwas zu sagen habe. Grundsätzlich habe ich nun offiziell und endgültig den sowieso schwindenden Fokus auf Bücherrezensionen verabschiedet. Wenn ich etwas zu einem Buch schreibe, dann wird es eher in eine thematische Richtung gehen: welche Diskurse werden darin verarbeitet und zu welchen Gedankengängen hat mich die Art der Darstellung und der Inhalt gebracht. Das finde ich mittlerweile sehr viel spannender. Ansonsten will ich mich inhaltlich nicht festlegen und schauen, was da kommt. Alles, was mich in irgendeiner Form inspiriert (so sehr ich dieses Wort eigentlich vermeide, muss ich hier doch mal Lisa Simpson spielen und es nutzen) oder was das Ergebnis einer Inspiration ist, kann und darf hier verarbeitet werden. Auch ich bin gespannt, was da so kommt.

Falls Du es bis hierher durchgehalten hast: Respekt! Eigentlich sollte das hier nur ein kurzer Ja-ich-lebe-noch-Post werden. Der hat sich nun irgendwie verselbstständigt und ist ziemlich lang geworden. Ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin? Anscheinend hatte ich nämlich doch mal wieder was zu sagen! Ich hoffe, dieser Zustand hält nun wieder für eine Weile an. Für jetzt wünsche ich Dir  erst einmal einen wundervollen Tag mit viel Sonne, deinem Lieblingssommerkleid und vor allem deinen liebsten Menschen um dich herum. Und mit ein bisschen weniger Pathos, als gerade hier serviert wird. Wir lesen uns! ♥