17.06.2017

# Fotoalbum # Wohnzimmer

Abtauchen in düstere Zeiten




Heute präsentiere ich euch ein super einfaches DIY, mit dem ihr ganz schnell dieses praktische Nudelsieb aus einem alten Soldatenhelm basteln könnt!


Neu in der Produktpalette ist außerdem diese total süße Gasmaske - die kann wirklich jeder tragen. In modischem olivgrün und perfekt geschnitten, um den optimalen Schutz bei austretenden Gasen zu gewährleisten.


Hätte es zu Zeiten der Propagandamaschinerie des Nationalsozialismus' bereits Youtube gegeben, hätten die zuständigen ..nennen wir es Marketingstrategen sicher nicht zweimal überlegt und sofort bekannte Lifestyle-Youtuber Videos mit oben skizzierten Konzepten drehen lassen.
Auch das familienfreundliche Informationsmagazin Die Sirene hätte vermutlich nicht nur informative Artikel zum Luftschutz abgedruckt, sondern sich auch BRAVO-like an der Reichweite von Youtubern bedient. Vielleicht in Form eines kleinen Fotoromans, in dem sich der Youtuber mit 1.000 weiteren Einwohnern Berlins geordnet und zügig beim ersten Warnsignal in den nächstgelegenen Luftschutzbunker begibt und dank seine vorbildlichen Verhaltens nach 60-minütiger Wartezeit wieder in sein gemütliches Filmzimmer zurückkehren kann.
Vielleicht wäre in diesem hypothetischen Fotoroman der Luftschutzbunker Gesundbrunnen der Hauptort der Handlung gewesen. Dieser wurde im Verlauf des zweiten Weltkrieges in den bereits existierenden U-Bahnhof hinein gebaut. Und zwar als klar wurde, dass der Krieg entgegen aller Versprechungen sehr wohl ins "eigene" Land zurückkommt und dummerweise nur für 4,5% der berliner Stadtbevölkerung Schutzräume zur Verfügung standen. Und genau, wie es bis heute im Marketing praktiziert wird, würde in dem Fotoroman, sowie in sämtlicher Kommunikation nach außen verschwiegen werden, dass der angebliche Schutz lediglich aus 80 Zentimetern dünner Betondecke bestand. Zum Vergleich: der Schutzbunker des Reichkanzlers wies eine Deckenstärke von vier Metern Stahlbeton. Doch unser Youtuber würde auf dem betreffenden Foto mit strahlendem Lächeln nach oben zeigen und die Sicherheit des Bunkers loben.

Zum Ende des Krieges fanden im Luftschutzbunker Gesundbrunnen bis zu 3.000 Menschen Zuflucht und hatte damit wie jeder Schutzbunker in Berlin eine 200-300prozentige Überbelegung. Eng gedrängt in stickigen, dunklen Räumen wurden die Bombenangriffe ausgesessen. Teilweise bis zu fünf Mal am Tag. Tatsächlich passiert ist dort auch nie etwas - zumindest nicht durch Bomben. Denn eben dieser Bunker wurde zufällig nie getroffen und war so durch eine glückliche Fügung und nicht durch die angebliche Fürsorge des Staates wirklich ein einigermaßen sicherer Ort.
Diese nicht-existente Fürsorge äußerte sich auch in der Gründung des Reichsluftschutzbundes. Dieser wurde bereits Anfang der 1930er Jahre gegründet - zu einem Zeitpunkt, an dem von Krieg offiziell noch gar keine Rede war. Man gründete diesen Bund laut der Propagandamaschinierie lediglich zum Schutz, falls mal irgendwann etwas passieren sollte. "Nur zum Schutz" war und ist kein Argument, sondern eine bestimmte Kommunikationsstrategie, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Unter anderem aus der ehemaligen Zufluchtsstätte im U-Bahnhof Gesundbrunnen sind heute die Räume des Berliner Unterwelten Museums geworden. Durch den authentischen Ort und die zum Teil original erhaltenen Räume nähert man den Besucher an die Themen Bombenkrieg, Gefahr aus der Luft und Luftschutz an. Details fernab des Geschichtsunterrichts vermitteln eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen die Zivilbevölkerung während des Krieges gelebt hat und wie sich dieser Teil der Geschichte in den berliner Untergrund eingeschrieben hat. 
Um den Besuch dieser Bunkeranlage nicht nur beklemmend und bedrückend zu gestalten, erfährt man in den letzten Räumen auch noch weitere spannende, den Untergrund betreffende Dinge: etwa zum Abwassersystem, dem großartigen Netz der Rohrpost und der vielfältigen Bierbrauerei im 19. Jahrhundert. Doch am Ende der Tour steht eigentlich nur ein Gedanke: Krieg ist der letzte Dreck. Ein sinnloses Verpulvern von Menschenleben. Und die Werbemaschinerie drumherum hätten geschmackloser und scheinheiliger nicht sein können.

1936 gab es noch keine Youtuber, Instagramer oder sonstige Influencer. Aber alle anderen Produkte der massenmedialen Kommunikation wurden bis ins kleinste Detail instrumentalisiert. Das ist schon grundsätzlich verwerflich. Aber richtig ekelhaft wird es erst im Kontext des Krieges und des Sterbens tausender Menschen. Das Kennenlernen verschiedener Einzelschicksale und das Nachvollziehen ihrer Lebensrealität geht weit über die Faktenlernerei im Geschichtsunterricht hinaus. Mich hat der Besuch dieser  Anlage extrem beeindruckt, mal wieder sehr wütend gemacht und zu neuem Aktionismus motiviert. Wer also an einem verregneten Tag in Berlin ein wenig Zeit hat und keine klaustrophobischen Anwandlungen bekommt, sollte diese Führung unbedingt einmal mitmachen!

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