04.07.2017

# Bücherregal # Wohnzimmer

Alice im Wunderland (1871)



Eine Geschichte, die vermutlich jeder kennt und zu der es auch im Keller dieses Hauses eine mehr oder weniger ausführliche Rezension gibt, lag jüngst wieder auf meinem Nachttisch. So konnte ich vor dem Schlafen immer noch einen kleinen Ausflug ins Wunderland machen und ein bisschen die Gedanken schweifen lassen.

Dabei stieß ich natürlich auch auf das wohl bekannteste Zitat des Buches, ausgesprochen von der wohl coolsten Figur des Buches - nämlich der Grinsekatze.
"Oh, you can't help that. We are all mad here. I'm mad. You're mad."
Und tatsächlich sind die Adjektive, mit denen man die Figuren und die gesamte Geschichte wohl am ehesten beschreiben kann wohl solche wie "verrückt", "wunderlich" oder "wahnsinnig". Es gelten keine Normen, keine Ordnungsprinzipien und keine Verhaltensrichtlinien mehr, die für den Leser (oder Alice) nachvollziehbar wären. Gleichzeitig ist eigentlich niemand wirklich freundlich, man begegnet sich gehetzt, unhöflich oder gar mit Mordbefehlen. Alice schafft es einfach nicht, sich mit den Bewohnern des Wunderlandes zu verständigen. Viele Missverständnisse pflastern Alice' Weg, weil die verrückten Figuren an ihren verrückten Handlungsweisen festhalten und starr den einmal etablierten Regeln folgen - so unsinnig diese auch sein mögen. Bis ins Extreme in den Strukturen gefangen, sehen die Wunderlandbewohner gar keine Handlungsalternativen mehr. Selbst dann nicht, als Alice sie ihnen quasi vor die Nase hält.
Wenn man es so betrachtet, gibt es mehrere Ebenen von Verrücktheit in diese Geschichte, die keine realitätsferne, sondern eine realitätsüberzeichnende ist. Und Alice, die sich das alles erträumt und in einer Phantasiewelt lebt, ist gar nicht die verrückte. Sondern eher die erwachsenen Tiere, die überall herumlaufen, seltsame Dinge tun, Alice als Kind nicht ernst nehmen und völlig unflexibel auf unvorhergesehene Situationen reagieren. 

Beim Lesen des Buches ist mir ein Moment eingefallen, den ich als Kind erlebt habe. Auch da haben die Erwachsenen irgendetwas völlig unlogisches getan und mir gesagt, ich würde das schon verstehen, wenn ich älter bin. Ich - ungefähr acht Jahre alt - habe mir so fest vorgenommen, dass ich das ruhig verstehen darf, aber niemals aufhören würde, auch die Kinderseite zu verstehen. Weil ich das Gefühl hatte, dass die Erwachsenen schon so lange keine Kinder mehr sind, dass sie gar nicht mehr wissen, wie die Welt wirklich funktioniert. Denn Kinder haben natürlich den Durchblick, das ist ja klar.
Und jetzt habe ich mich dabei ertappt, dass ich auch schon ganz schön lange erwachsen bin und viele Dinge einfach akzeptiere, ohne sie zu hinterfragen. Weil das alles einfach so ist. Mittlerweile spiele ich selbst meine Rolle in dem seltsamen Gerichtsverfahren des Lebens und mache einfach, was man so macht. Hetze durch das Leben, wundere mich weniger und bin wahrscheinlich auch zum Freundlichsein zu beschäftigt. Und das ist auch genau der Grund, aus dem ich Alice im Wunderland immer wieder gerne lese - um mir meiner eigenen festgefahrenen Denkstrukturen bewusst zu werden. 'Verrückt' im Wunderland bedeutet, komplett den unverständlichen aber etablierten Logiken zu folgen. 'Verrückt' in der Realität bedeutet, aus eben diesen Logiken auszubrechen. Und genau das sollte man auch hin und wieder auch mal tun.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Beitrag!

    Ich liebe diese wunderbare Sinnlosigkeit von "Alice im Wunderland" auch. Es ist absoluter Nonsense und regt gerade deshalb zum Nachdenken an.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Danke Dir! :) Ganz genau. Deshalb habe ich mir auch immer schon mal vorgenommen, auch den zweiten Teil zu lesen. Habe es leider bisher nicht geschafft, aber es steht definitiv auf meiner Liste! :)

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    2. Den 2. Teil fand ich auch recht gut, trotzdem kommt er meiner Meinung nach nicht an den ersten Band ran. Aber ich habe schon von vielen anderen Lesern die gegenteilige Meinung gehört.

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    3. Alles klar. Wenn ich ihn gelesen habe, werde ich auf jeden Fall berichten! :)

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  2. Hm du hast mir jetzt gerade nochmal einen ganz anderen Blick auf das Buch beschert.
    Als ich es (letztes Jahr, glaube ich) gelesen habe, fand ich es schrecklich. Schrecklich unsinnig und vor allem Alice schrecklich nervig, weil sie ständig nur heult (für eine 7-jährige (?) in einer solchen Situation vielleicht gar nicht so unrealistisch). Vor allem fand ich meine Übersetzung nervig, in der ungefähr jede zweite Fußnote besagte, dass diese Übersetzung an dieser Stelle eigentlich nicht so gelungen sei und man es eigentlich so und so hätte übersetzen müssen.

    Was ich an Alice halbwegs spannend finde, ist die Entstehungsgeschichte. Die braucht man glaube ich, um besser zu verstehen, warum das Buch ist, wie es ist.
    Jetzt nicht mal unbedingt die Pädophilie-Vorwürfe, für die es, soweit ich weiß, keine Beweise gibt, aber die Tatsache, dass es eine Geschichte war, die er den Mädchen quasi live erzählt hat. Das erklärt vielleicht, dass die Ereignisse alle so durcheinander und spontan wirken.

    Dass man Alice auch symbolisch auffassen kann mit den Erwachsenen, die viele Dinge sinnlos und ohne sie zu hinterfragen tun, auf die Idee bin ich ehrlich gesagt gar nicht gekommen, aber das lässt mir das Buch in Nachhinein doch tatsächlich etwas sinnvoller erscheinen.
    Auch wenn ich vermutlich trotzdem nie ein Alice-Fan werde.
    Mit dem Hintergedanken erinnert es mich dann etwas an den Kleinen Prinzen.

    Liebe Grüße,
    Charlie

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    1. Nachdem ich diesem Beitrag hier verfasst hab, habe ich mir auch nochmal meine Rezi von damals durchgelesen (ist immerhin aus dem Jahr 2012) und auch ich fand damals alles sehr unsinnig und Alice ziemlich nervig. Wobei ich ersteres aber mochte :)

      Deine Übersetzung ist dann aber sehr kritisch editiert :D Dass das den Lesefluss stört, wenn man eigentlich nur abschalten und die Geschichte genießen möchte, ist sehr verständlich.

      Die Hintergrundstory kenne ich gar nicht (einschließlich der Pädophilie-Vorwürfe)! Aber ja, das kann mit ein Grund für die Verworrenheit sein. Und auch für die Episodenhaftigkeit der Kapitel.

      Es freut mich, dass du durch den Gedanken ein bisschen mit der Geschichte versöhnt bist. Er kam mir auch nur nach und nach bei mehrfacher Lektüre und kann natürlich auch völlig weit hergeholt sein. Aber ich finde ihn auch sehr sinnvoll. Und ja - vom Grundgedanken her ähnelt es wirklich dem Kleinen Prinzen :)

      Liebe Grüße
      Mel

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