25.07.2017

# Medienschrank # Wohnzimmer

In the End



Es ist ja so: wenn ein Mensch diese Welt verlässt, ist das immer schrecklich, unfassbar traurig und einfach verdammt beschissen. In der Regel ist es für die Familienmitglieder, die nächsten Angehörigen und die engsten Freunde besonders schlimm - für sie ist die Lücke, die eine plötzlich fehlende Person hinterlässt, am größten. 
Bei Personen des öffentlichen Lebens ist die Sachlage immer noch einmal ein wenig komplizierter, weil nicht nur die Liebsten des Verstorbenen um die Person trauern, sondern ebenso viele Fans um den Künstler und sein Werk. Auch diese Trauer ist berechtigt und sehr emotional. Dennoch habe ich mich bisher immer stark davon distanziert. Ich habe es als vermessen und hochmütig empfunden, deutlich betroffen von dem Tod eines Menschen zu sein, den ich persönlich nicht einmal kannte und der von meiner Existenz erst recht nichts wusste. Doch mal wieder scheint es so, als hätte mich mangelnde Lebenserfahrung zu diesem Urteil geführt, das ich nun vielleicht nich völlig revidieren, so aber doch relativieren muss.

An manchen Tagen fällt es wohl jedem schwer, aus dem Bett zu steigen. Stress, Druck, Angst, Wut, Probleme mit Freunden und Familie, mit sich selbst und der Welt hängen wie ein Baldachin darüber und man ist nicht in der Lage, den Vorhang aus Negativität zur Seite zu schieben. Zumindest nicht alleine. Mein Mittel dagegen ist eigentlich schon immer Musik gewesen. Bloß zwei Songs, bei denen ich mich verstanden fühle, helfen mir dabei, die Kraft zu finden und mich unter diesem Baldachin hervorzukämpfen. 
Linkin Park gehört seit über zehn Jahren zu den Bands, die es immer wieder schaffen, mich aus dem Sumpf zu ziehen. Auch ich bin kein Fan des neusten Albums, aber die alten Stücke prägten nicht nur meine Teenager-Zeit, sondern gehören auch heute noch zu meinen regelmäßigen Begleitern. In den für mich durchwachsendsten Phasen hat diese Band formuliert, was ich nicht im Stande war, in Worte zu fassen und die Schreie gebrüllt, die ich - zurückgezogen in mich selbst - nicht selbst herauslassen konnte. Die Songs kanalisierten meine Wut, meine Verzweiflung und lenkten sie aus mir selbst heraus, damit ich nicht daran ersticken musste.
Dass jemand, dessen Kunst mir und vielen anderen so sehr  dabei geholfen hat, nicht aufzugeben, es selbst nicht geschafft hat und am Leben zerbrochen ist, ist nicht nur tragisch, sondern grausame Ironie des Schicksals.

Dass ich tatsächlich um eine für mich unbekannte Person trauere, habe ich erst realisiert, als ich einen Tag nach dem schrecklichen Ereignis zum ersten Mal wieder einen LP-Song gehört habe. Ich habe ihn plötzlich mit anderen Ohren gehört, wenn man das so sagen kann. Mit ehrfürchtigeren, schmerzerfüllteren und dankbarerern Ohren. 
Und gerade deshalb wünschte ich mir, dass in der ganzen öffentlichen Diskussion nicht mehr so viel spekuliert wird über seine Motive, Drogenabhängigkeiten oder seelischen Zustände. Ich wünsche mir, dass Depressionen und psychische Erkrankungen allgemein in den Vordergrund rücken und weniger stigmatisiert werden. 

Chester Bennington hat trotz allem nun hoffentlich Frieden gefunden. Und ich wünsche mir, dass die gesellschaftlichen Debatten endlich beginnen, nicht mehr dort anzusetzen, wo es zu spät ist, sondern da, wo noch geholfen werden kann. Nicht immer reicht Musik aus, um wieder ins seelische Gleichgewicht zu kommen. Das rechtzeitig zu merken und dagegen anzusteuern, ist vor allem deshalb schwer, weil es in unserer Gesellschaft nach wie vor als "schwach" angesehen wird, nicht "alleine fertig zu werden". Aber man wird auch mit einer Lungenentzündung nicht alleine fertig und geht bei entsprechenden Symptomen zum Arzt. Genau das sollte man auch mit seelischen oder psychischen Auffälligkeiten tun können, ohne sich noch verletzlicher und schwacher fühlen zu müssen, als sowieso schon.
'cause in the end it does matter. Very much.

Kommentare:

  1. Ein sehr emotionaler und schön geschriebener Post!

    Ich selbst kenne nur ungefähr einen Song von "Linkin Park", aber ich lese gerne die vielen Geschichten von Fans darüber, was ihre Musik für sie bedeutet.
    Und natürlich ist auch mir diese grausame Ironie aufgefallen, dass viele Fans schreiben, Linkin Park habe ihnen durch schwere Zeiten geholfen, während Chester Bennington offenbar leider niemand helfen konnte.

    Zum Teil finde ich die Diskussionen über die Gründe für seinen Tod auch unmöglich. Dann komme wieder Kommentare wie "Wie kann der sich nur umbringen, wo er doch Frau und Kinder hat?" oder "Selbst Schuld, der hat doch auch Drogen genommen und so."
    Da hat jemand mal wieder Depressionen überhaupt nicht verstanden (Gerade WEIL er das trotz Kindern getan hat, merkt man doch, wie verzweifelt er gewesen sein muss.). Und was die Drogen angeht: Keine Ahnung, wie das mit Chester Bennington und Drogenkonsum war, aber ich würde wetten, die wenigsten Drogenabhängigen waren vorher psychisch komplett stabil und sind da aus Spaß von abhängig geworden. Selbst da würde ich nie von "selbst schuld" sprechen.

    Dein Beispiel mit der Lungenentzündung finde ich so so wichtig! Psychische Erkrankungen sind Krankheiten, genau wie physische. Und es wird Zeit, dass man sie als solche ernst nimmt. Nur weil man sie nicht sehen kann, heißt es ja nicht, dass sie nicht da sind. Man kann sie ja meistens sogar neurologisch nachweisen.

    Liebe Grüße

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    1. Lieben Dank! :) Ich habe etwas mit mir gehadert, ob ich ihn veröffentlichen soll, aber es musste einfach raus.

      Ja, ich finde es auch so krass, was diese Musik für so viele Menschen bedeutet hat und immernoch bedeutet.

      Leider ist es so wie du schreibst - viele sind da völlig in ihrer beschränkten unempathischen Welt gefangen und sind ganz schnell dabei, wenn es darum geht, andere zu verurteilen. Aber ich denke, wir sind da auf einem guten Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz - es dauert halt nur eine Weile.

      Liebe Grüße zurück! :)

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