06.09.2017

# Garderobe

Girls just wanna have fight

Vor fast sechs Jahren schleppte mich eine Freundin zum ersten Mal in ein Dojo. Weder kannte ich damals diesen Begriff, noch wusste ich, was sich mit Betreten desselben alles ändern würde. Lockere Sportkleidung wurde bei einem Probetraining vorausgesetzt und etwas, was mich zunächst ein wenig abschreckte: Neben der Tatsache, dass mir offensichtlich demnächst diverse Schwarzgurte die Nase einschlagen würden, sollten wir auch noch barfuß trainieren! Diese anfängliche Befremdung war allerdings schnell vergessen, als nach einer für Außenstehende recht umständlichen Begrüßungszeremonie, die von diversen Verbeugungen begleitet  war und bei der jeder jedem die Hand schütteln musste, meine erste Trainingseinheit begann. Um es kurz zu machen: ich war verloren. Weder konnte ich den Ausführungen zu den verschiedenen Kampfstellungen folgen, noch war ich überhaupt in der Lage, einen einzigen zielgerichteten Fauststoß auszuführen - von einem Highkick ganz zu Schweigen. Und obwohl dieses Training ein wenig nach Demütigung schmeckte, habe ich dabei Blut geleckt und fand mich danach zwei, drei oder auch vier Mal pro Woche im Dojo ein.

Kurz nach dieser ersten Begegnung mit meinem Taekwon-Do erwarb ich dann meinen ersten Dobok, der natürlich mit einem weißen Gürtel daher kam. Und was habe ich seitdem geackert! Im wörtlichen Sinne Blut lecken blieb mir dabei zum Glück erspart, denn ich bin einem Verein beigetreten, der traditionelles Taekwon-Do unterrichtet. Dort herrscht (theoretisch) Kontaktverbot; um einen ordentlichen Semikontakt kommt man aber auch hier nicht herum.

Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war ohne diesen Sport. Zum Einen ist es ein wirklich extrem effektives Ganzkörper-Training. Aber das ist es gar nicht, was mich daran so begeistert. Es ist mehr die Art und Weise, wie sich das Ausüben einer Kampfkunst auf meine Einstellung zur Welt und zu mir selbst ausgewirkt hat. Dadurch, dass sich das eigene Körperempfinden stark verbessert und man auch in gewisser Weise auf seinen Körper angewiesen ist, damit er funktioniert, betrachtet man ihn auch irgendwie ganz anders. Ich zumindest schätze ihn - und damit mich selbst - mittlerweile viel mehr wert, interessiere mich nicht mehr so sehr für Äußerlichkeiten, sondern für die Funktionalität.
Durch Taekwon-Do hat aber nicht nur mein Körper eine aufrechtere Haltung, sondern auch meine Psyche. Dank der immer wieder kehrenden Rückschläge und deren Überwindung in den Trainingseinheiten wird nicht nur Frustrationstoleranz und Disziplin geschult - auch das Selbstbewusstsein kriegt einen ganz schönen Boost, nachdem man in einem Sprung zwei solide Holzbretter durchgetreten hat. Und noch viel beachtenswerter ist: auch, wenn wir uns im Training eher selten wirklich verprügeln, gehe ich doch mit dem Wissen durch die Welt, wie ich jemandem ziemlich leicht das Schlüsselbein zertrümmern kann. Gerade, wenn ich nachts alleine unterwegs bin, macht das doch einen ganz schön großen Unterschied.

Gewalttätig werden muss und soll es natürlich nicht. Für mich geht es beim Taekwon-Do auch nicht primär um das Kämpfen mit einem Gegner. Ich kämpfe während jedem Training mit mir selbst. Damit, dass ich meine Beine für einen bestimmten Kick nicht richtig koordinieren kann. Damit, dass ich im Freikampf eigentlich am liebsten immer weglaufen würde, aber nicht darf. Damit, dass ich bei der Landung nach einem Sprungkick ausnahmsweise mal nicht strauchele. Und manchmal halte ich inne, weil eine Technik funktioniert hat und denke "Wow, vor zwei Wochen hat das noch nicht geklappt". Für diese Momente gehe ich regelmäßig ins Dojo. Dafür und für die super unterstützende und herzliche Atmosphäre - denn auch, wenn wir Kampfsportler uns augenscheinlich treffen, um uns zu verprügeln, haben wir ein Herz für guten Kaffee und nette Gespräche.

Kommentare:

  1. Ich muss sagen, als Riesen-Sportmuffel finde ich es ja etwas beruhigend, dass du am Anfang so verloren warst und jetzt so gut klarkommst :D. Das gibt mir ein klein wenig Hoffnung, wenn ich mich auch mal an einen Kampfsport wagen sollte. Mich reizt es nämlich schon irgendwie, das mal auszuprobieren. Weil es einem ein ganz anderes Körpergefühl geben soll, aber auch aus Selbstverteidigungsgründen, da ich in den letzen Jahren vermehrt nachts alleine unterwegs bin. Und ich finde es angenehm, dass es Kampfsportarten gibt, in denen nicht einfach drauf los gekloppt wird :D.
    Ich überlege über den Unisport mal Krav Maga auszuprobieren.

    Jedenfalls war es spannend, von deinen Erfahrungen zu lesen :).

    Liebe Grüße
    Charlie :)

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    1. Ich glaube, es geht wirklich jedem am Anfang so. Es ist dann ziemlich viel auf einmal und alle sind erstmal überfordert. Aber wenn man die Grundlagen drauf hat, blickt man viel besser durch und kann Schritt für Schritt immer besser werden :)
      Krav Maga würde ich auch zu gerne mal machen! Leider gibt es in meiner Stadt irgendwie kein gutes (bzw seriös wirkendes) Angebot, daher bin ich bisher beim asiatischen Kampfsport geblieben. Wenn du dich dazu entschließen solltest, würde ich mich über einen Bericht riesig freuen. Und der Unisport ist ja auch eine gute Sache, um sowas mal günstig und relativ unverbindlich auszuprobieren :)

      Liebste Grüße
      Mel

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