27.09.2017

# Garderobe

Post-Wahl-Depression

Die Bundestagswahl 2017. 
Wie so oft habe ich auch hierzu diverse innere Diskussionen mit mir selbst geführt. Soll ich dazu etwas schreiben oder nicht? Schließlich bin ich politisch nicht in dem Maße kompetent, dass ich etwas wirklich neues zur allgemeinen Diskussion beisteuern könnte. Aber andererseits kann und darf man nach diesem Ergebnis nicht  einfach wieder zum Alltag übergehen. Das habe ich bereits am Montag nach der Wahl so empfunden, und als ich gerade den eigentlich geplanten Post für heute veröffentlichen wollte, ging es mir wieder ganz genau so. Wie könnte ich jetzt einen Beitrag zu einem Buch oder einem Film online stellen, wenn gerade demokratisch dafür gewählt wurde, dass zukünftig Menschen mit eindeutig nationalsozialistischer Gesinnung im Bundestag sitzen? In unserem Bundestag? Menschen, die den Holocaust als Mythos deklarieren. Menschen, die dafür eintreten, stolz auf die Leistung der Soldaten im zweiten Weltkrieg zu sein. Menschen, die offen eine fremdenfeindlichere, menschenunwürdigere Äußerung nach der anderen tätigen. Solche Menschen sitzen nun im deutschen Parlament. Wieder. 

Ohne überdramatisieren zu wollen, muss ich dazu sagen: es ist eine Katastrophe für dieses Land. Und für mich ganz persönlich fühlt es sich nach gnadenloser Desillusionierung und schwer gebrochenem Herzen an. Es gibt einen erheblichen Prozentsatz an Menschen, die sich bei dieser Wahl dafür entschieden haben, aus irgendwelchen inakzeptablen Gründen diese Partei zu unterstützen. Eine Partei, die verlangt, dass alleinerziehende Mütter ohne Kontakt zum Vater keine Leistungen mehr vom Staat erhalten. Eine Partei, die das Renteneintrittsalter auf 72 Jahre anheben will. Um nur mal ein paar groteske Punkte abseits der Flüchtlingsthematik zu nennen. 
Wir reden hier von einer angeblichen Volkspartei die ein patriarchales Weltbild propagiert und im Grunde nur an eine einzige Gruppe denkt: alte (meinetwegen auch jüngere), weiße Männer. Die ein autoriäres System verlangt und sich hoffentlich auf Grund dieses Platzhirsch-Gerangels sehr bald selbst zerschlägt.

Mein größtes Problem sind nicht einmal die bekennenden Rechten, die ideologisch wirklich hinter dem Programm stehen. Die sind zwar völlig verblendet aber wenigstens noch ehrlich zu sich selbst. 
Was ich wirklich nicht verstehen kann und was mich so unfassbar wütend macht, sind die so genannten Protestwähler, die einfach mal bei der AFD ein Kreuz gesetzt haben. Um es den "etablierten Parteien" mal zu zeigen und "ein Zeichen" zu setzen. Ein Zeichen wofür? Für absolute Ignoranz? Protest wogegen? Gegen Menschlichkeit? Diese Leute haben sich unter Umständen nicht mal fünf Minuten mit dem Wahlprogramm der Partei auseinandergesetzt, die sie gewählt haben. Und lassen mit ihrer Stimme zu, dass Menschen ohne Empathie, ohne Weitsicht und ohne Gewissen in den Bundestag einziehen. Als wäre das hier ein Spiel! Diese Leute sind keine Nazis. Aber sie haben dafür gesorgt, dass Nazis in den Bundestag einziehen. Von den Landtagswahlen in Sachsen 2019 will ich erst gar nicht anfangen. Davor habe ich - und das meine ich wirklich ernst - richtig Angst. Denn ich weiß nicht, wie man diese Tendenz stoppen kann. Ich weiß nur, dass ich maßlos enttäuscht bin. Und obwohl ich nicht gerade ein riesiger Fan von Martin Schulz bin, möchte ich doch mit einem Zitat von ihm schließen:

Die AFD ist keine Alternative. Sie ist eine Schande.

Und eine Schande ist auch dieses Ergebnis.

Kommentare:

  1. Hey =)

    Ich finde es gut, dass du ein paar Worte zur Wahl in deinem Post kundtust und vor allem wie du dich dabei fühlst.
    Ich war auch sehr erschrocken über das Ergebnis, obwohl es sich durch die Stimmung in den letzten Wochen ein wenig abgezeichnet hat.
    Erschrocken ist eigentlich falsch ausgedrückt, um ehrlich zu sein habe ich viele Bedenken und Angst. Ich verstehe, wenn jemand unzufrieden mit der politischen Situation ist, aber ich verstehe nicht, dass man durch solche hirnlosen Protestaktionen in Kauf nimmt, alles das aufs Spiel zu setzen, was wir in den letzten Jahrzehnten erreicht haben.
    Es gibt nicht viele Länder, die einem Freiheit und schier unendliche Möglilchkeiten zur freien Entfaltung geben. Insgesamt haben wirs nicht schlecht getroffen und trotzdem fühlen sich ständig alle ungerecht behandelt und haben Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt.
    Was kann man machen? Ich hab keine Ahnung. Sogar in meinem näheren Umfeld habe ich diese Hetzereien live miterlebt. Diese ständige Unzufriedenheit geht mir übelst auf den Keks. Wenn man möchte, dass sich etwas ändert, dann muss man dafür auch selbst etwas tun.

    LG
    Anja

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    1. Danke Anja! :) Es musste auch einfach raus xD
      Deine Worte kann ich auch ganz genau so unterschreiben. Auch, wenn die Umfragen ein solches Ergebnis mehr oder weniger angekündigt haben, ist es dennoch etwas anderes, das Ergebnis vorliegen zu haben und die Hoffnung auf einen anderen Ausgang begraben zu können.
      Es ist natürlich auch hier nicht alles gerecht, aber wer sich einmal das Programm der AFD vornimmt, sieht, dass auch sie überhaupt keine Lösungen für die Probleme haben - im Gegenteil würde sehr vieles noch verschärft werden, könnten sie alles so durchsetzen. Das ist ja gerade die Tragik.

      Liebe Grüße
      Mel

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  2. Diese sogenannten Protestwähler verstehe ich auch am allerwenigsten. Wie kann man denn jemanden wählen und diesen Menschen ernsthaft Macht übertragen, nur um es anderen zu zeigen? Das sollte eigentlich nicht der Sinn von Demokratie sein und ist ein ziemlich leichtsinniger und irgendwie respektloser Umgang mit dem eigenen Wahlrecht.
    Und das "Witzige" ist, dass viele von den Menschen, die die AfD aus Angst vor den "gefährlichen Ausländern, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen", wählen, die ersten wären, die nach dem Wahlprogramm der AfD benachteiligt würden. ZB Hartz IV-Empfänger. Nicht, dass alle AfD-Wähler Hartz IV-Empfänger wären, aber hier in Berlin oft sie zB vor allem in Kiezen gewählt worden, in denen viele Menschen leben, die nicht besonders viel Geld zur Verfügung haben. Und die AfD will sich ja nicht unbedingt für diese Menschen einsetzen...
    Das spricht dafür, dass viele Wähler sich das Programm und alle anderen Thesen außer denen über die "Flüchtlingskrise" gar nicht angesehen haben und das ist wirklich einfach nur traurig. Dass man Menschen immer noch mit einer diffusen Angst und einer Gruppe, auf die man alle Probleme schiebt, beeindrucken kann..

    Zum Thema Alternative finde ich übrigens auch immer lustig, dass man, wenn man sich gegen die AfD ausspricht, teilweise gefragt wird: "Ach so, du findest also, dass alles hier super ist?"
    Nein, tue ich nicht. Aber guess what? Es gibt mehr als eine Partei, die nicht zu den "etablierten" gehört und die lange nicht oder noch nie in der Regierung war. Nur weil sie so heißt, ist die AfD nicht die einzige Möglichkeit etwas anderes zu wählen als CDU, SPD & Co...


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    1. Absolut richtig! Meinetwegen soll man eine kleine Partei wählen oder den Stimmzettel einfach ungültig machen, aber die AFD als Protestpartei zu wählen ist einfach sinnlos, weil die meisten sich langfristig damit selbst schaden (sollte die AFD irgendwann mal irgendwas aus ihrem Programm durchsetzen, was ich nicht hoffe!).

      Echt? Das habe ich noch nie gehört zum Glück. Aber gut, dann hat man wenigstens die Gelegenheit, andere, echte Alternativen aufzuzählen und den Gegenüber vielleicht zum Nachdenken zu bringen. Man muss da echt jede Chance nutzen!

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