11.10.2017

# Garderobe

Von Asketen, Buddah und Minimalismus

Es ist ja schon ein wenig länger her, dass überall auf Youtube und auch in der Bloggerwelt eine asketenähnliche Bewegung um sich gegriffen hat, die ein Zeichen gegen die kapitalismusgeprägte Konsumgesellschaft setzten möchte, indem sie auf alles vermeintlich Unnötige verzichtet.
Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, platzieren sich verschiedene Leute in der Mitte ihres ausgebreiteten Krimskrams und misten diesen nach dem Marie-Kondo-Prinzip aus. Ohne dem Kind einen Namen zu geben und sich einfach ohne großen Aufriss von einem wenig bis gar nicht genutzten Eigentum zu trennen, scheint in dieser profilierungsorientierten Welt nicht möglich zu sein. Daher rühren vermutlich auch die unterschiedlichen Level an gelebtem Minimalismus. Manche werfen bloß die Hälfte ihrer 30 Mascaras in die Tonne und fühlen sich gleich viel leichter und dem Konsum enthoben. Andere empfinden allein die Anwesenheit eines Bettgestells noch so erdrückt, dass sie dieses lieber auch gleich wegrationalisieren und auf einer  ausgebreiteten Rollmatratze schlafen. Ob ihr Rücken in zehn Jahren darüber auch so glücklich sein wird wie jetzt ihre entrümpelte Psyche, wage ich zu bezweifeln.

Nun habe ich ja wirklich nichts gegen das Ausmisten an sich. Im Gegenteil - nicht fühlt sich befreiender an, als Zeug, das man sowieso nicht braucht/benutzt/mag/etc. zusammenzupacken und aus seinem Leben zu entfernen. Ob durch wegwerfen, verschenken oder verkaufen - daran sehe ich absolut nichts problematisches. Ich selbst mache ungefähr alle zwei Jahre eine Ausmist-Großaktion und fühle mich danach ebenfalls federleicht und ausgemistet. Bloß das Lebenskonzept des bewussten Verzichts auf quasi alles stimmt mich etwas skeptisch. Vor allem, wenn man vorher massenweise Klamotten erstmal weggeben oder im schlimmsten Fall wegwerfen muss. Nicht nur, dass dabei der Grundgedanke des Minimalismus durch diese Verschwendung par excellence ziemlich ad absurdum geführt wird, sollte man sich vielleicht vorher fragen, warum man überhaupt den Drang verspürt hat, soviel zu kaufen und zu horten. Wenn man dieses Problem nicht an der Wurzel packt, steht man spätestens beim nächsten Modetrend oder bei der übernächsten Limited Edition eines beliebigen Make-Up-Herstellers doch wieder voll bepackt an der Kasse.

Aber nehmen wir mal an, jemand startet schon mit einem sehr reduzierten Kleiderschrank aus 20 Einzelteilen in das neue Lebensprinzip - was ist eigentlich mit den praktischen Aspekten der Haushaltsführung? Wie wird die Waschmaschine voll und habe ich dann mal zwei Tage nichts zum Anziehen, weil alles, was ich besitze, auf dem Wäscheständer hängt? Oder wasche ich nur mit halber Füllung und verschwende Strom, Wasser und irgendwie auch Zeit? Und sieht man sich nicht furchtbar schnell satt, wenn man nur fünf T-Shirts zur Auswahl hat? Das Tolle an Mode ist doch die Möglichkeit der Variation, der vielen Ausdrucksmöglichkeiten! Und wenn ich ein Kleid nur einmal alle zwei Jahre trage, weil ich mich zwischendrin nicht danach fühle, warum sollte ich es wegwerfen? Weil mir irgendjemand aus dem Internet sagt, alles was man ein Jahr nicht getragen hat, zieht man sowieso nie wieder an? Was wäre, wenn meine Mutter vor 20 Jahren alle Klamotten aus den 90ern weggeworfen hätte? Was ich jetzt alles durch Auftragen an Geld spare, kann ein Minimalist nie wieder einholen, selbst wenn er nur ein Trend-Teil pro Saison im Kleiderschrank duldet. Lieber darf ein Kleidungsstück ein wenig den Schrank hüten, als dass ich mir später irgendwann ein neues ähnliches Teil zulegen muss. 

Außerdem hänge ich an meinen Sachen. Viele selbsternannte Minimalisten fotografieren Gegenstände mit für sie sentimentalem Wert ja ganz gerne ab, bevor sie diese in die Tonne kloppen. Was bedeutet, ein Großteil ihres Lebens ist im Grunde ein digitaler Datenhaufen in irgendeiner Cloud oder auf einer Festlatte.
Bei allem Fortschrittsglauben. Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass mein Zuhause eine Geschichte erzählt - das Kuscheltier meiner Kindheit so sehr wie meine ersten Tanzschuhe, das Abi-Shirt, die Ohrringe aus Marseille oder der Fächer aus Barcelona. Daran hängen Anekdoten, Erinnerungen und Erlebnisse. Gäste sollen sich bei mir umschauen und fragen können, aus welchem Buchladen in London ich diese Ausgabe von George Orwells "1984" erstanden habe und nicht eine angebliche Bewunderung darüber ausdrücken, dass sich in meinem Wohnzimmer kein belastendes Sofa befindet.

Wie im Buddhismus der mittlere Pfad der edle Pfad ist, bin auch ich eine Verfechterin der Mitte. Man braucht kein Messi zu sein, der sich nicht von keiner Aldi-Tüte trennen kann. Aber dieses Asketentum der Minimalisten ist nur die andere Seite der Medaille und daher ebenfalls einen kritischen Blick wert.

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