12.01.2018

# Bücherregal # Wohnzimmer

Nicholas Evans - Der Pferdeflüsterer

Da Buch ja fast schon ein Klassiker ist, zögerte ich nicht, eine passende Gelegenheit auf dem Bücherflohmarkt zu ergreifen und es gleich freudig bei mir einziehen zu lassen. Zwar habe ich den Film (für den ich damals eventuell auch zu jung war) als relativ melodramatisch in Erinnerung, aber ich war dennoch sehr neugierig auf das Buch. Und diese Neugierde wurde belohnt - mit einer tollen Geschichte, bewundernswerten Charakteren und einem sehr fesselnden Schreibstil. 

Um die groben Züge der Handlung kurz zusammenzufassen sei gesagt, dass es um den langen Genesungsweg der 13-jährige Grace und ihr Pferd Pilgrim geht. Die beiden erleben bei einem Ausritt einen tragischen Unfall, bei dem Grace ein Bein verliert und der Pilgrim so sehr traumatisiert, dass er niemanden mehr auch nur in seine Nähe lassen will und zu einem wahren Teufel wird, sollte das jemand versuchen. Grace' Mutter sieht die wachsende Verzweiflung ihrer Tochter - wegen ihrem Bein, ihrem Pferd und ihrem vermeintlich zerstörten Leben - und setzt alle Hebel in Bewegung, damit es ihr wieder besser geht. Bei ihrer Suche stößt sie auf die so genannten Pferdeflüsterer; Menschen, die in der Lage sind, mit jedem noch so problematische Pferd zu arbeiten und es quasi zu therapieren. Sie scheut keine Hindernisse und sorgt dafür, dass sich der beste um Pilgrim und damit auch um Grace kümmert: Tom Brooker, der Grace, ihre Mutter und Pilgrim mehr oder weniger gezwungenermaßen auf seiner Ranch in Montana unterbringt und mit seiner ruhigen Art nicht nur Balsam für die geschundene Pferdeseele ist. 

Allein schon der Aufbau der Geschichte hat mich konstant bei der Stange gehalten und zum Weiterlesen animiert. Es werden in jedem Kapitel abwechselnd kurze Passagen aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, was vor allem am Anfang für einen sehr schnell ansteigenden Spannungsbogen sorgt. Da werden nach und nach einzelne Puzzelteile serviert und eine drohende Stimmung baut sich immer weiter auf, bis sie sich schließlich in dem schrecklichen Unfall entlädt. Ab diesem Zeitpunkt wechselt auch der Fokus von Grace hin zu ihrer Mutter Annie. 
Die Geschichte ist also nicht aus Teenie-, sondern aus Erwachsenensicht geschrieben, was bedeutet, dass andere Problemstellungen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, denn Annie ist eine wahre Karrierefrau, die Ehe zwischen Annie und Grace' Vater Robert, das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter aus Muttersicht, etc. Aber diese Sicht war durchaus sehr angemessen und spannend, ist Annie doch die Aktive, die die Handlung vorantreibt. Auch die Liebesgeschichte empfand ich als nicht zu aufdringlich und nur ein klitzekleines bisschen zu kitschig.

Das Leben auf der Ranch wird im krassen Gegensatz zu dem hektischen Großstadtleben in New York dargestellt und dabei nicht in geringem Maße romantisiert. Ich muss aber sagen, dass ich sehr offen bin für diese Art einseitiger Darstellung, auch wenn ich mir der Härte und Ungnädigkeit des Landlebens durchaus bewusst bin. Wie auch immer - Grace und Annie finden durch die Auszeit in Montana wieder zu sich und zueinander. Vor allem Annie und Tom sind als Figuren am besten ausgearbeitet, folgen gewissermaßen den Stereotypen der toughen Geschäftsfrau bzw des sensiblen und coolen Cowboys, brechen aber auch hin uns wieder aus diesen Rahmen aus. Aber ja. Das Ende. So wundervoll und fesselnd der restliche Roman ist, so unbefriedigend ist das Ende. Es ist sehr konstruiert, fast schon lieblos und einfach der ganzen Geschichte überhaupt nicht würdig. Tatsächlich habe ich ein bisschen geschmollt, als ich das Buch beendet habe. 
Allerdings habe ich mich mittlerweile dazu entschlossen, mir davon nicht die gesamte Geschichte verleiden zu lassen und eventuell demnächst den Film zu schauen. Dieser soll zwar ein anderes, aber ein nicht minder unbefriedigendes Ende haben - ich bin gespannt!

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