08.02.2018

# Garderobe

Ausblick?

Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie ihre ältesten und ihre jüngsten Mitglieder behandelt.

Diesen schlauen Satz habe ich vor einiger Zeit einmal irgendwo aufgeschnappt und nach zustimmendem Nicken eigentlich nicht weiter darüber nachgedacht. Nun habe neulich den Roman Das Leben ist ein listiger Kater von Sabine-Marie Roger gelesen und dadurch ploppte er wieder in meinem Kopf auf. Es geht darin um einen Mann im fortgeschrittenen Alter, der nach einem Unfall mehrere Wochen lang mehr oder weniger hilflos ans Krankenhausbett gefesselt ist und dabei über seine mittelfristig Zukunft als alter Mensch nachsinnt - viel anderes zu tun hat er ja nicht. Und nicht nur die Gedanken, die in diesem Roman entwickelt und reflektiert werden, sondern auch meine eigenen Beobachtungen lassen mich nun doch recht beunruhigt auf diese wie auch immer geartete Gesellschaft blicken.

So ohne direkten Bezugspunkt hat mich durch die Lektüre des genannten Romans eine Welle des Empathiegefühls überrollt. Es ist ja schließlich schon ganz schön beschissen, wenn der eigene Körper plötzlich nicht mehr so will wie man selber, man deshalb in den Ruhestand gehen muss und damit kein produktives Zahnrädchen im Wirtschaftsprozess mehr ist. Wenn man als das, was man verkörpert - eben das Alternde, Leistungsarme - plötzlich nicht mehr die gewohnte Wertschätzung erfährt, weil man unmodern und nicht mehr up-to-date ist. Fühlt man sich dann sehr als Belastung? Und ist man dadurch selbst sehr belastet?

In meinem Freundeskreis knacken gerade viele die 30er-Marke und haben damit ein ernsthaftes emotionales Problem. Weil sie sich quasi endgültig von ihrer Jugendlichkeit verabschieden und erwachsen sein müssen. Aber immerhin haben sie noch eine gesellschaftliche Funktion, an der sie sich abstützen können. Gibt dieselbe Gesellschaft auch ihren Rentnern eine solche Funktion? Oder werden diese einfach mitgeschleppt, solange es eben sein muss?

Natürlich spreche ich hier nicht vom Einzelfall - nicht von der geliebten Oma, die ihre Enkel behütet. Ich rede von den vergessenen und verlorenen Seelen in Altersheimen (wobei hier ja Gott sei Dank auch nicht alle trostlose Orte mit Personalmangel sind), die unter Umständen selbstverschuldet, vielleicht aber auch durch blödes Schicksal verlassen und überlassen wurden. Was ist mit diesen Menschen? Wer interessiert sich für sie? Wirtschaft und Politik tun es nicht, denn finanziell gibt es dort nichts zu holen. Aber wer tut es dann?

Vielleicht liegt es ja am Einzelnen, den Menschen jenseits der 70 wieder einen Wert in der Gesellschaft beizumessen. Durch Wertschätzung und Respekt. Ob das für die Gesellschaft etwas ändert, weiß ich nicht. Aber für den Einzelnen tut es das sicher.

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