06.05.2018

Gott ist nicht tot (2014) - aber so richtig lebendig ist er auch nicht

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Ein junger Student im ersten Semester belegt als Wahlfach einen Kurs in Philosophie, wo er mit seinem Professor über Atheismus und die Existenz Gottes diskutiert - der Student ist gläubiger Christ und der Professor Atheist.

Diese Kurzbeschreibung gepaart mit dem Titel - eine Anspielung auf ein Zitat Nietzsches immerhin! - hat mich zu der Annahme geführt, dass sich dieser Film zumindest reflektiert, wenn nicht sogar kritisch, mit verschiedenen Glaubensrichtungen auseinandersetzt und eine spannende Beleuchtung verschiedener Positionen anbietet, sodass man am Ende viel gelernt und einiges zum Nachdenken hat.

Nach fast zwei quälenden Stunden kann ich sagen: hier wird sich eigentlich mit gar nichts irgendwie auseinandergesetzt, hier wird nur hirnlos auf jeden eingeprügelt, der sich nicht voll und ganz dem Christentum verschrieben hat. Und deshalb denke ich seitdem über die Tragik der fundamentalistischen Lobby nach.

Denn was ich mittlerweile herausgefunden habe und was als Vorabinformation definitiv dazu geführt hätte, mir diesen Film nicht anzuschauen: er ist zwar auf Netflix verfügbar, ist aber eine Produktion der Pure Flix Studios. Wem das nichts sagt, der hat nicht viel verpasst; diese Produktionsfirma hält sich selbst für das Netflix der Gläubigen und kloppt eine "christlich-familienfreundliche" Low-Budget-Produktion nach der anderen raus, um einen Gegenpol zum vom Glauben abgefallenen Hollywood zu bilden. So zumindest stellen sie sich selbst dar und so kommt auch dieser Film daher. 

Beginnen wir mir dem Protagonisten Josh und seinem Gegenspieler, dem verbitterten Philosophie-Professor. Der wird, wie alle anderen Ungläubigen, als arroganter, empathieloser Wicht dargestellt. Nach ewigen Ausführungen seinerseits, warum es Gott nicht geben kann, stellt sich dann heraus, dass er nicht einmal ein echter Atheist ist, sondern Gott einfach nur für seine schrecklichen Verluste in der Kindheit verantwortlich macht und ihn deshalb verleugnet! Zum Glück wird er dann aber am Ende (Achtung, Spoiler!) in Anwesenheit eines Pastors von einem Bus überfahren und kann kurz vor seinem Tod doch noch zurück zum Glauben und zu Gott finden und nun im Himmelreich fröhlich sein. Den restlichen Ungläubigen geht es leider nicht so gut, denn diese müssen entweder bekehrt werden und am Ende zu einem christlichen Rockfestival fahren, oder bleiben als stereotype Feindbilder für immer geächtet. So zum Beispiel der Vater einer jungen Muslima, die seit einem Jahr heimlich die Bibel als Hörbuch hört und Jesus als ihren Heiland betrachtet. Als ihr Vater das erfährt, schmeißt er sie einfach raus. Aber zum Glück ist Gott ja da, um das arme Mädchen von der Straße zu fischen. Ich muss sagen, dass dies der Punkt war, an dem der Film für mich von einer Farce zu einer wirklich gefährlichen Sache wurde. Er pflanzt den Leuten, die scheinbar sowieso schon den Hang zu dieser Sicht haben, ein, dass jeder Mensch ein herzloser Barbar ist, der nicht dem Christentum angehört. Gerade in der heutigen Zeit auch noch den Islam (der ja als eine weitere monotheistische Weltreligion dem Christentum doch sehr nahe steht) da mit reinzuziehen und das auch noch als amerikanische Produktion zu tun, ist absolut unhaltbar! Wie soll es mit solchen Filmen, die scheinbar auch noch wirklich viele Menschen erreichen, jemals zu einem friedlichen Zusammenleben kommen? 

Ich könnte noch ewig so weiter machen und mich aufregen (es fehlt zum Beispiel noch der ganze Teil, in dem der Protagonist erklärt, warum der Urknall und die Evolutionstheorie exakt das sind, was im Buch Genesis steht, oder die links-liberale Bloggerin, die nach ihrer Krebs-Diagnose zu Gott findet, weil ihr Leben als Umweltaktivistin bisher ja so sinnentleert war), bin aber noch zu schockiert von dieser Innensicht der Selbstwahrnehmung christlicher Fundamentalisten. Die Menschen, die diesen Film produziert haben und allen anderen vorwerfen, ignorant, arrogant und auf dem falschen Pfad zu sein, haben mit diesem missonarischen und ekelhaft belehrenden Film etwas nicht minder arrogantes auf den Markt geworfen. Das sind Leute, die zwar Nächstenliebe predigen und verständnisvolle Pastoren durch die Gegend schicken, die mitfühlende und auch durchaus manchmal kluge Dinge sagen - aber eben nur zu gläubigen Christen. Nur ihnen wird vergeben, nur sie brauchen Schutz und nur sie sind auf dem richtigen Weg. Es ist mir einfach unbegreiflich, wie Menschen wirklich aus tiefstem Herzen daran glauben können, dass nur sie und ihre Auffassung von der Welt allgemeingültig richtig sein kann, dass alle anderen falsch liegen und dies früher oder später zu spüren bekommen. Es macht mich wütend und traurig zugleich. Wütend wegen diesem Befeiern des fehlenden Respekts vor Anderem und traurig für diese fehlgeleiteten, nicht-reflektierenden Vertreter einer solchen Haltung. Was für ein uninspiriertes, langweiliges Leben es doch sein muss, sich überhaupt nicht für andere Meinungen öffnen zu können oder zu dürfen.

Am Ende dieses Pamphlets wird der geneigte Zuschauer dann auch noch aufgerufen, an jeden Kontakt in seinem Handy die Nachricht "Gott ist nicht tot" zu senden - damit auch wirklich dem größten Deppen vorm Fernseher klar wird, welche Botschaft dieser Film hat. Nämlich: kommt in unseren Club oder ihr landet in der Hölle.

Um das nochmal klarzustellen: ich interessiere mich sehr für Glauben im Allgemeinen und für montheistische Auffassungen im speziellen. Ich unterhalte mich gerne mit praktizierenden Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen und weiß daher, wie intellektuell anspruchsvoll und reflektiert dieses Thema behandelt werden kann - auch und vor allem von Praktizierenden! Und daher möchte ich diesen Text mit folgendem Gedanken beenden:

Auf irgendeine Art versuchen wir doch alle, einen Sinn hinter diesem seltsamen Leben zu finden. Einen Anfang, einen Ursprung und dann vielleicht auch ein Ziel und einen Zweck des Lebens. Niemand kann einem mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wie und warum die Existenz des Universums, der Erde und auch der Menschen angefangen hat und wohin all das führt. Um diese Fragen drehen sich Religion, Philosophie und auch die Naturwissenschaften. Es gibt unzählige mögliche Erklärungen und am Ende sollte es egal sein, mit welcher man sich persönlich am besten identifizieren kann. Es ist doch toll, wenn man im Christentum Halt findet und andere das auch tun. Aber es ist genauso toll, wenn man diesen Halt im Islam oder im Buddhismus findet. Und wenn man den spirituellen Halt nicht braucht und sich lieber in die Physik stürzt, ist das auch super. Es geht doch eigentlich nicht darum, die Wahrheit zu finden - denn das kann man in diesem Fall gar nicht; wir sind hier nicht vor Gericht, sondern im chaotischen Universum - sondern inneren Frieden. Und ich bin fest davon überzeugt, dass man inneren Frieden nur dann finden kann, wenn man Frieden mit dem Anderen schließt.