11.12.2012

# Rezensionen

[Rezi] Eoin McNamee - Requiem

Erscheinungsjahr: 2012
Originaltitel: Orchid Blue
Genre: politischer Roman
Seitenzahl: 337



Teaser:
Gegen Ladenschluss ging McCrink zurück in die Stadt. Er hatte sich den Arbeitsplatz des Mädchens bis zum Schluss aufgehoben. Er lief am alten Markt vorbei.





Handlung
Robert McGladdery wurde 1961 hingerichtet; zum Mord an der damals 19-jährigen Pearl Gamble verurteilt.
Es war das letzte Mal, dass in Nord-Irland die Todesstrafe vollstreckt wurde.
Diesen realen Sachverhalt zu Grunde legend, baut McNamee seine Geschichte auf, die die Tatnacht und die geführten Ermittlungen rekonstruiert.
McGladdery wird vorgeworfen, Pearl nach einem Tanzabend aufgelauert zu haben, um sie zusammenzuschlagen, zu erwürgen und schließlich ihre Leiche mit Messerstichen zu maltretieren und dann in einem abseits gelegenen Gebüsch halbherzig zu verstecken.
Die anklage basiert - wie auch die reale vo 50 Jahren - auf Indizienbeweisen. Und das ist nicht die einzige Sache, die einen der Ermittler in diesem Fall seltsam anmutet. McCrink ist anscheinend der Einzige im ganzen Team, der nicht einfach einen Menschen am Galgen sehen will für den Mord an Pearl Gamble, sondern der tatsächlich die Wahrheit aufklären möchte. Dabei werden ihm seitens der Dorfbewohner und der Justiz aber immer wieder Steine in den Weg gelegt. Der Richter zum Beispiel, der den Prozess gegen McGladdery führt, hat 9 Jahre zuvor seine damals ebenfalls 19-jährige Tochter bei einem ähnlichen Übergriff verloren. Patricia Curren wurde geschlagen, erwürgt und ihre mit Messerstichen übersähte Leiche wurde irgendwo in der Pampa gefunden. Wie bei Pearl. Der Mann, der für diese Tat verurteilt wurde, befindet sich nun wieder auf freiem Fuß, da ihm Unzurechnungsfähigkeit attestiert wurde.
Solche und ähnliche Spuren verfolgt McCrink mehr oder weniger auf sich allein gestellt, weil sie McGladdery möglicherweise entlasten könnten, und hangelt sich so immer tiefer hinein in die Verstrickungen und Intrigen, die McGladdery, der vehemmt seine Unschuld beteuert, an den Galgen bringen sollen.


Meine Meinung
Realität und Fiktion werden in diesem Buch auf besondere Weise miteinander verknüpft: Was zunächst wirkt, als wäre einfach ein guter Stoff für eine Geschichte verwendet worden, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung - beziehungsweise mit jeder gelsenen Seite mehr - als offensichtliche Kritik an dem Rechtssystem und der Gesellschaft damals in Nord-Irland.
Pearl wächst in einem kleinen Dörfchen auf, das seine ganz eigene Dynamik hat; wie das in kleinen Gemeinden überall so ist. Nach dem Fund ihrer Leiche deuten zunächst alle Hinweise auf McGladdery und schnell ist für die Dorfbewohner, einschließlich der ermittelnden Polizisten klar, dass er es auch gewesen sein muss. Er war ohnehin immer ein eher unbeliebter Unruhestifter, und seit er für eine Zeit in London gelebt hat und dieses Großstadtverhalten mit in das Dorf gebracht hat, wirkte er sowieso total suspekt.
McCrink, der der vielen schlimmen Morde in London überdrüssig ist, hat sich nach Nord-Irland versetzten lassen und versucht nun, auch in andere Richtungen zu ermitteln, als die offensichtliche. Dabei wird er aber nicht wirklich unterstützt.
Die Geschichte lässt sich in viele verschiedene Teile zerlegen, und jeder dieser Teile ist der Ausarbeitung einer bestimmten Person oder eines bestimmten Sachverhaltes gewidemt, welcher in so eine Mordermittlung üblicherweise einfließen sollte. Von den agierenden Charakteren werden sehr detallierte Bilder gezeichnet; selbst in vermeintlich unwichtige Nebenpersonen kann man sich als Leser gut hineinversetzen und ihre Denk-und Handlungsweisen nachvollziehen. Das führt unter anderem dazu, dass man ziemlich schnell andere Menschen in Verdacht hat, als McGladdery - was natürlich vom Autoren beabsichtigt ist, weil es die Missstände der damaligen Ermittlungen aufzeigt und diese somit in Frage stellt.
In Frage gestellt wird auch die Integrität des Richters und der örtlichen Ermittler. Alle dürsten sie nach Rache. Rache für die tote Tochter oder Vergeltung an der Weltgewandtheit der großten Insel. Irland wird in dem Buch allgemein als gespaltenes Land dargestellt, dass sich, innerlich zerrissen, gegen England behaupten muss. Deshalb sind die Dorfbewohner grundsätzlich allem Fremden gegenüber misstrauisch gestimmt und wollen am liebsten alles allein und auf ihre Weise regeln.
McNamee skizziert ein Gesellschaftsbild, das von Korruption, Eitelkeiten und Verschleierungen geprägt ist. Er setzt sich auch kritisch mit den Medien, ihrer Berichterstattung gerade in diesem Prozess und der dadurch kreierten Stimmung der Allgemeinheit auseinander, was immer ein interessantes Thema ist.
Der Schreibstil wechselt zwischen faktenorientierten, fast schon distanziertem Stil und erzählerischen Elementen. Es gibt kaum durch mitreißende Sprache erzeugte Spannung, der Autor lässt vielmehr die Fakten für sich sprechen und baut dadurch seinen Spannungsbogen auf. Ein paar kleine Längen weist das Buch dadurch vielleicht auf, und manchmal wird man von der Masse an Namen und ermittlerischen Details ein bisschen erschlagen. Dennoch ist das Buch nicht zu anspruchsvoll und insgesamt locker zu lesen.
Begeistert hat mich natürlich der Realitätsbezug - etwas, was mich immer besonders zum Grübeln und Nachdenken bringt. Mir fehlt leider das Hintergrundwissen, um in diesem Fall zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden, aber trotzdem war es ein spannender Blick in den Hintergrund dieses Prozesses. 4 Wölkchen von mir.


Vielen Dank an vorablesen.de und den dtv-Verlag für dieses Rezensionsexemplar :)

Kommentare:

  1. Ich hatte mich bei vorablesen.de für das Buch beworben, aber leider kein Glück bei der Auslosung :) Deshalb freu ich mich gerade über die Rezension, denn die macht ja nun doch den Eindruck als würde es sich durchaus auch lohnen, das Buch so zu kaufen - oder es auf die Weihnachtswunschliste zu setzen +g+

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  2. Mhmhm... zweiter Post, dieses Mal weiß ich einfach nicht wohin sonst damit ;)
    Wir haben dich nämlich getaggt! Und zwar genau HIER

    Liebe Grüße
    Ivy

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