20.12.2014

# Rezensionen

[Rezi] Juli Zeh - Corpus Delicti

Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Politik-/Gesellschaftsroman; Dystopie
Seitenzahl: 263




Teaser:
Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.




Handlung
In einem System, in dem die körperliche Gesundheit keine Sache des Individuums mehr ist, sonder staatlichen Prüfungen unterliegt, ist das Bild vom gläsernen Menschen wahrgeworden. Ein Chip im Oberarm misst permanent, ob das vorgeschriebene Sportpensum eingehalten wurde, welche Ruhephasen der Körper erhält und ob er von seinem "Besitzer" auch zum Optimum gepflegt wird. Regelmäßige Blut- und Urinkontrollen gehören genauso zum Alltag wie das Einhalten der Hygienestandards in der Wohnung. Alles durch Gesetze eines unfehlbaren, weil auf Objektivität beruhenden, Gesellschafts- und Rechtssystems geregelt und kontrolliert.
Moritz Holl hielt nicht viel von diesem System. Er zweifelte die Unfehlbarkeit und die Universalität an. Landete im Gefängnis für ein Verbrechen, das er laut eigener Aussage nicht begangen hat - trotz Überführung durch einen DNA-Test. Seine Schwester Mia glaub fest an seine Unschuld, auch und vor allem, nachdem Moritz sich selbst im Gefängnis das Leben genommen hat. Ab diesem Moment beginnt sie konsequent, das System in Frage zu stellen.

Meine Meinung
Um es kurz zu machen: dieses Buch ist eine grandiose Geschichte über ein totalitäres und gleichzeitig demokratisches System, die die Möglichkeit einer freien und gerechten Gesellschaft ausschließt. Zumindest wenn man diese beiden Parameter an individuellen Schicksalen bemisst.

So viel Lob möchte ich über dieses Buch loswerden, dass ich gar nicht weiß, wie ich anfangen soll. Von der ersten Seite an, hat es mich total gepackt. Die Logik, nach der dieser Staat errichtet ist, ist so bestechend und so fundiert, dass man selbst schnell Teil seiner Zirkelschlüsse wird, wenn man nicht aufpasst. Aber zum Glück kann man Mias Gedankengänge, ihre Entwicklung und die Herleitung eines Gegenentwurfs - der dennoch keine Lösung enthält - verfolgen und so dem Sog der Argumentation für eine völlige Gesundheitsgesellschaft (so würde ich sie mal salopp bezeichnen) entgehen. Wobei die Drastik auch ohne Mia zu Tage kommen und den Leser erschaudern machen würde.

In einer Welt, in der alles reguliert ist und allein der Zug an einer Zigarette ein schweres Vergehen ist, weil es einen Missbrauch toxischer Substanzen darstellt, in der man keinen Schluck Wein trinken darf und überhaupt alles unter Strafe steht, was dem Wohl des Leibes in irgendeiner Form schadet - dorthin wird der Leser gleich geworfen. Mit allen Konsequenzen. Sportpensum, das es einzuhalten gilt. Panische Mütter, die erschrocken rumrennen, wenn ihre Kinder anfangen zu niesen. Immer, wenn man erschrocken einen neuen - vermeintlich privaten - Bereich des Lebens sieht, der von diesem Staat überwacht wird und man denkt, dass jetzt eigentlich nichts mehr kommen kann, erscheint ein weiterer Aspekt auf der Bildfläche, über den das Individuum nur beschränkte Kontrolle hat.

Und mittendrin ist Mia. Eine Anhängerin dieser METHODE. Eine Naturwissenschaftlerin, deren gesamtes Wesen auf Rationalität ausgerichtet ist und die deshalb diese Gesellschaftsordnung als logische Reaktion einer Gesellschaft auf die Umwelt ansieht. Krankheiten sind ausgerottet und die Menschen schaffen sich die äußeren Bedingungen dafür, ein möglichst langes, gesundes Leben zu führen. Wie es dem natürlich Instinkt der Lebewesen entspricht. Aber eine Sache ist falsch gelaufen und hat einen großen Riss in die Fassade gesprengt: Mias Bruder Moritz ist einem Justizirrtum zum Opfer gefallen - davon ist sie fest überzeugt. Und das bei einem System, das sich selbst als unfehlbar definiert. Da kann etwas nicht stimmen.
Mia ist eine ausgesprochen interessante Hauptfigur; ihr Psyche ist gleichzeitig furchtbar labil - neben Wahnvorstellungen hat sie außerdem Depressionen - und gleichzeitig ist ihr Verstand messerscharf. Man weiß nie, wann sie den nächsten gedanklichen Schritt zulässt und wann sie sich für eine Seite entscheidet: für oder gegen die METHODE.
Spannend ist auch ihre Gegenfigur: Heinrich Kramer, der ebenfalls blitzschnelle Gedanken hat und hochmanipulativ seine Ziele verfolgt; dabei aber klarer Anhänger der bestehenden Ordnung ist. In den Dialogen zwischen den beiden findet man unheimlich viele Denkanstöße - genau wie auch in den Dialogen zwischen Mia und Moritz.

Sowieso ist dieses Buch sehr gesprächslastig. Als könne man die Aushandlung dieses Gesellschaftsbildes nur im Gespräch führen. Oder eben auch nicht. Der Schreibstil ist perfekt - nüchtern an manchen, überschwänglich an anderen Stellen, aber immer präzise. Sicher keine leichte Kost. Aber eine lohnenswerte. 5 rosa Wölkchen von mir. Leute. Lesen. Unbedingt!


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