12.08.2015

# Rezensionen

[Rezi] T. C. Boyle - Wassermusik

Erscheinungsjahr: 2015 (Erstausgabe:1981)
Originaltitel:Water Music
Genre: Historischer Roman
Seitenzahl: 571



Teaser:
Es ist der 2. Februar, der Jahrestag ihrer Verlobung mit Mungo Park. Ailie Anderson begeht diesen Tag mit einem Bad, in diesen kargen Zeiten ein seltener Luxus. Vor sich hin summend gleitet sie durch den Raum, stellt die Badeutensilien bereit und facht  hin und wieder mit dem Blasebalg das Feuer an.


Handlung
Der Niger und seine Umgebung ist ein im Jahr 1795 neben vielen anderen Teilen der Erde ein unerforschtes Gebiet. Der Entdecker Mungo Park und sein Dolmetscher sind im Auftrag der britischen Regierung dabei, den Verlauf dieses großen Flusses festzustellen und eine weiße Fläche auf der Landkarte der Welt zu füllen. Die Probleme, die dieses Unterfangen begleiten, sind vielfältig: neben Hunger, diversen Dschungelkrankheiten wie Ruhr und Malaria, stellt die blasse Hautfarbe des Schotten Mungo ein Kuriosum dar, das zusätzlich zu seinem christlichen Glauben eine große Feindseeligkeit ihm gegenüber bewirkt. Vor allem die Mauren sind ihm ganz und gar nicht gewogen und dass er und sein Dolmetscher eben diesen in die Hände fällt, macht die Situation nicht besser.

Währenddessen wartet seine Verlobte Ailie in Schottland auf Mungos Rückkehr. Obwohl sie jahrelang keinen Brief von ihm erhält, glaubt sie fest daran, dass er die mehr als gefährliche Reise überleben und zu ihr zurück kommen wird. Dabei muss sie nicht nur gegen ihre Zweifel und Trauer kämpfen, sondern auch gegen den Druck ihres Vaters, der auf Grund ausbleibender Nachricht davon ausgeht, dass sein Schwiegersohn in spe nicht mehr am Leben ist und Ailie dazu bringen möchte einen anderen Mann zu heiraten, damit sie nicht als alte Jungfer endet.

Und dann gibt es noch Ned Rise. Ein unter ärmsten Umständen geborener und aufgewachsener junger Mann, dem das Leben wirklich nicht viele Chancen gegeben hat, ein anständiges Leben zu führen. Und deshalb tut er das auch nicht. Er ist vor allem auf das schnelle Geld aus - wie er das bekommt, ist im relativ egal. Doch er arbeitet auf seine Weise hart und muss vor allem immer wieder von vorne anfangen, weil er die Eigenschaft hat, es sich ziemlich schnell mit ziemlich üblen Typen zu verscherzen.

Meine Meinung
Ein postmoderner Abenteuerroman - so kann man dieses Buch wahrscheinlich ganz gut beschreiben. Es verarbeitet realgeschichtliche Tatsachen, die teilweise zu Gunsten der Erzählung mit dichterischer Freiheit behandelt und im Sinne der Ästhetik verändert wurden. Daher findet man sehr gerne mal ein paar Anachronismen, die zum ironischen und teilweise skurill-witzigen Grundton der Geschichte beitragen.

Manch anderes dagegen ist ganz und gar nicht so witzig. Wenn die verschiedenen Foltermethoden beschrieben werden, die der Entdeckertrupp erfährt oder auch die Umstände, unter denen Ned Rise in den Gossen Londons lebt und hin, das ist alles ein bisschen ekelhaft. Aber andererseits auch wieder so dermaßen übertrieben dargestellt und so absichtlich mit bizarren Vergleichen besetzt, dass man es irgendwie nicht richtig ernst nehmen kann. Was auch eine Art ist, mit Schrecken umzugehen; die Umstände zu der Zeit waren sicher nicht harmloser, als dargestellt.
Der Schreibstil ist allgemein sehr roh; vor allem aufgefallen ist mir das bei der Metaphorik, die oftmals auf Krankheitsbilder zurückgreift. Aber auch ansonsten ist die Sprache eher nichts für sensible Nerven.

Die Story ist sehr breit angelegt. Hauptfigur ist der Entdecker Mungo Park, der unter schweren Umständen Afrika erkundet, um als gefeierter Entdecker zurück nach Großbritannien kehren zu können. Leider war es auch genau dieser Handlungsstrang, der mich am wenigsten begeistern konnte. Zu den Darstellungen der Umstände in Afrika habe ich noch ein wenig Zugang gefunden - so aber nicht zu der Hauptfigur. Mungo ist ein Depp. Anders kann man es einfach nicht ausdrücken. Großes Ego, kleiner Verstand. Gut, er hat ein Ziel, das er stoisch verfolgt und allen Gefahren trotzt. Aber warum? Um seinen Stolz zu bestätigen. Er schlägt Ratschläge von Leuten ab, die eindeutig mehr Ahnung haben und verlässt sich auf sein Glück. Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster, aber ich bin der Meinung, dass ich in einem fremden Land, in dem mich ein Großteil der Bevölkerung am liebsten lynchen würde, och einfach mal den wenigen zuhören sollte, die es gut mit mir meinen. Oder nicht?

Um so mehr Sympathie hatte ich für Ned übrig, obwohl der unter wesentlich wengier glorreichen moralischen Umständen sein Dasein fristet. Aber er, der er völlig ohne Privilegien geboren wurde, tut sein bestes, um irgendwie ein Leben in Wohlstand zu führen. Gut, was er dafür tut, ist extrem furchtbar und wenn er seine Talente relativ ehrlich nutzen würde und sich im Rahmen des Gesetztes bewegen würde, hätte er sicher mehr Chancen auf sein Glück. Aber weil er niemanden hat, der ihm das mal sagt, fällt er immer wieder vom Weg ab.

Das Buch vermittelt also ziemlich viele Informationen, denn wirklich jede Figur, die irgendwie wichtig ist, erhält einen Raum, der so groß ist, um sie angemessen entfalten zu können. Ich finde das großartig, doch ein paar kleinere Längen waren dadurch trotzdem enthalten.
Deshalb gibt es 3 gute Wölkchen von mir und eine Leseempfehlung für alle Fans von dichten Abenteuerromanen.

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