22.06.2017

# Filme # Medienschrank

Remember me - Lebe den Augenblick (2010)




Fast alles, was du tust, ist letzten Endes unwichtig. Aber es ist wichtig, dass du es tust.





Mit diesem Zitat von Mahatma Ghandi beginnt und endet der Film, den ich mir einer recht arroganten Haltung zu schauen begonnen habe. Was soll man schon erwarten von einem Hauptdarsteller, der als schmalzlockiger Vampirdarsteller bekannt ist, von einer recht stereotypen Figurenkonstellation und von einem vermeintlich vorhersehbaren Handlungsverlauf.
Doch ich wurde eines besseren belehrt. Von den Schauspielern ebenso wie von der Storyline. Es gab einen Moment - als Tyler und Ally zusammenkommen - in dem ich dachte, dass garantiert der chaotische beste Freund Tylers irgendwann verraten wird, dass es eine Art Wette zwischen ihm und Tyler war, weshalb letzterer Ally überhaupt erst angesprochen hat. Aber da habe ich die Mehrdimensionalität der Figuren noch völlig unterschätzt. Und wurde von dieser ebenso überrascht wie von dem knallenden Ende der Geschichte.

Dabei war ich eigentlich nach den ersten Minuten schon gefesselt: ein völlig sinnloser Mord an einer Mutter, die mit ihrer Tochter am Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Allein schon die Kameraführung baut so eine beklemmende Stimmung auf, die sich dann blitzschnell entlädt - ein genialer Einstieg. Vor allem auch deshalb, weil es danach mit einem völlig anderen Handlungszweig viele Jahre in der Zukunft weitergeht, sodass man erst einmal nicht weiß, wie diese ersten Szenen später mit der aktuellen Handlung zusammengeführt werden.
Tyler, 21 Jahre alt und Sohn eines erfolgreichen Anwaltes in New York City. Verloren in der Welt, wütend auf seinen Vater, der seine Kinder stark vernachlässigt und gleichzeitig sehr liebevoll im Umgang mit seiner kleinen Schwester Caroline, wird diese Rolle von Robert Pattinson verkörpert. Ohne Angst vor Hässlichkeit (sehen wir von einer einzigen Einstellung mal großzügig ab) und ohne große Donnerschläge spielt er diese Rolle des melancholischen, verirrten Jungen sehr glaubwürdig. Generell ist die Besetzung unheimlich überzeugend. So auch Emilie de Ravin, die die Rolle der Ally übernommen hat. Auch Ally ist nach dem tragischen Tod ihrer Mutter in der Welt verloren, reagiert darauf aber nicht mit Wut und Depression, sondern ist abgeklärt und in vielen Beziehungen knallhart. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, die (fast) völlig frei ist von Kitsch oder übertriebenem Pathos.

Beinahe mehr als die Schauspieler selbst und die starke Figurenkonzeption haben mich die Kombination von Musik und Kameraführung beeindruckt. Selten habe ich so einen passenden, manchmal scheinbar inkongruenten, Soundtrack zu einem Film gehört. 
Bezüglich der Kameraführung bin ich kein Experte und wenn selbst ich bei einer Kamerafahrt oder einer Einstellung die Mehrschichtigkeit des Bildes bemerke, will das schon etwas heißen.
Mal mehr und mal weniger hat man die ganze Zeit über das Gefühl, dass die Figuren auf eine Katastrophe zusteuern - und das tun sie am Ende auch. Allerdings ganz anders als erwartet.

*ab hier wird gespoiltert*

Die Szenen am Ende liefern erneut genial inszeniert die Puzzelteile, die den Zuschauer am Ende wissen lassen, welche Katastrophe geschehen wird. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts in den Raum hinein, sodass die Fensterfront immer größer wird. Caroline sitzt in der Schule und an der Tafel steht das aktuelle Datum: der 11. September 2001. Tyler schaut im Büro seines Vaters aus dem Fenster und die Kamera fährt rückwärts aus dem Gebäude nach draußen, sodass deutlich wird, in welchem Gebäude sich das Büro des Anwalts befindet. Es ist einer Zwillingstürme des World Trade Centers.

Unheimlich eindrücklich dargestellt hat mich dieser Ausgang sehr bewegt. Die Katastrophe ist nicht nur eine persönliche. Die Figuren sind Teil einer viel größeren Katastrophe, die vom heutigen Standpunkt aus eine Zäsur in der Weltgeschichte markiert. Allegorisch stehen die Figuren des Films für Tausende von Einzelschicksalen, die von dem heftigsten Anschlag der jüngeren Geschichte getroffen wurden.

Dennoch endet der Film nicht düster. Sicherlich traurig, aber der Schockmoment wird ein wenig durch die letzte, lebensbejahende und dankbare Szene ein wenig abgemildert. Es ist ein Versuch, die vielen zerstörten Leben mit Bedeutung zu versehen. Dieser Versuch gelingt für mich. Ghandis Satz vom Anfang gewinnt durch diesen Ausgang eine ganz neue Dimension und auch die gesamte Geschichte erscheint in einem völlig neuen Licht. Denn es ist doch wirklich so, dass man für die Menschen, die man berührt hat auch nach den Tod noch weiterwirkt. Das ist global und gesamtgesellschaftlich vielleicht nicht viel, aber es ist definitiv auch nicht bedeutungslos. 

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