18.09.2017

# Bücherregal # Wohnzimmer

Das Mädchen, das den Himmel berührte (2013)

Als genreübergreifende Leserin steht in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein historischer Roman auf meinem Plan. Dabei habe ich im Idealfall das Gefühl, nicht nur gut unterhalten zu werden, sondern gleichzeitig auch etwas über die geschichtlichen Hintergründe der Zeit zu lernen, in der die Handlung spielt. Jüngst hatte ich also diesen schnuckeligen Wälzer mit dem sehr poetischen Titel in den Händen und habe auch tatsächlich mal wieder viel gelernt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich im Venedig des 16. Jahrhunderts und auch, wenn die Protagonisten fiktive Charaktere sind, spielen doch einige realgeschichtliche Personen und Gegebenheiten eine Rolle. Über Italien zu der Zeit weiß ich recht wenig, sodass ich einfach mal gutgläubig davon ausgehe, dass in groben Zügen die geschichtlichen Fakten im Roman korrekt recherchiert sind. Die wohl interessanteste und gleichzeitig schockierendste Information, die ich bei der Lektüre gelernt und nach der Lektüre auch überprüft habe, ist wohl folgende: Es war tatsächlich in Venedig, dem weltoffenen, unabhängigen Venedig, wo die jüdische Bevölkerung nicht nur gelbe Hüte zur Kennzeichnung ihrer Glaubenszugehörigkeit tragen musste, sondern wo auch das Judenghetto quasi erfunden wurde. Im 16. Jahrhundert mussten im so genannten Ghetto Nuevo alle Menschen jüdischen Glaubens abgekapselt von den restlichen Bewohnern und unter recht beengten Verhältnissen leben. Diese Art der Ausgrenzung und vor allem der Name wurde bekanntermaßen auch in späteren Jahrhunderten übernommen. Das fand ich wirklich extrem erstaunlich, selbst wenn die Menschen innehalb des Ghettos wenigstens von Übergriffen durch die nicht wirklich christlichen Bürger durch Militär geschützt wurde und Angriffe auf Juden immerhin unter Strafe standen. Aber krass ist es trotzdem.

Die Geschichte greift nun ein wenig den Romeo-und-Julia-Stoff auf, indem sie die Jüdin Giuditta und den Christen Mercurio als Liebespaar entwickelt, die durch gesellschaftliche Konventionen voneinander getrennt werden. Und durch die bewachte Mauer, die das Ghetto vom übrigen Venedig abschirmt. Über Nacht war das Tor in der Mauer verschlossen, sodass nur tagsüber ein- und ausgegangen werden kann.
Die Liebesgeschichte der beiden steht im klaren Fokus der Geschichte. Da aber viele Nebenhandlungen mit zeitgenössischen Konflikten existieren, wird glücklicherweise ein wenig vom Schmalz einer Teenagerliebe abgelenkt. Denn die beiden sind wirklich noch sehr jung und zum ersten Mal verliebt - inklusive allen Übertreibungen, die eine solche Liebe wohl haben kann. Giuditta lebt bei ihrem Vater, der sich als angeblicher Arzt einen Namen gemacht hat - vor allem unter den Prostituierten, die von der sich ausbreitenden Syphilis dahingerafft werden.
Mercurio dagegen ist eine Waise und musste sich sein Leben lang als Gauner und Betrüger durchschlagen. Was ihn zu einem sehr findigen und gewitzten Typen hat werden lassen, der allerdings aufgrund seiner Kontakte zum organisierten Verbrechen leider von Giudittas Vater nicht als geeigneter Heiratskandidat angesehen wird. Auf mehreren Ebenen werden den beiden also Steine in den Weg gelegt. Die gerade verleihen zwar nicht der hochdramatischen Liebe, so aber doch der Geschichte ihre Würze und zeichnen ein sehr anschauliches Bild von Venedig im 16. Jahrhundert. Der Dreck, das Elend, der Gestank - und alles überstrahlt von dem Pomp und Glanz von Staat und Kirche, die sich ungeachtet der schlechten Seiten ihrer Stadt einen Machtkampf liefern.

Das alles macht ein Stück weit wieder gut, dass vor allem die beiden Protagonisten ziemlich eindimensional gezeichnet sind. Wo bei den Nebencharakteren noch ein wenig für Tiefe und Facettenreichtum gesorgt ist und Figuren wie Isaaco oder Hauptman Lanzafarme - und selbst der kleine Zolfo! - verschiedene Eigenschaften haben, die sie zu unvorhersehbaren Handlungen bringen, sind Mercurio und Giuditta im Grunde nur auf ihre jeweilige Art recht kreativ und eben sehr sehr verliebt. Die Dialoge zwischen den beiden sind unfassbar naiv und das Drama, das seinen Höhepunkt in einem Hexenprozess findet, wirkt streckenweise sehr konstruiert. Dies nicht zuletzt durch Benedetta, die ebenfalls ein Auge auf Mercurio geworfen hat und alles tut um Giuditta auszustechen.

Trotz dieser Kritik war de Geschichte angenehm zu lesen und hatte durchaus spannende Figurenentwicklungen. Diese habe ich persönlich am meisten bei den Nebenfiguren gefunden, aber dort wurde ich teilweise wirklich überrascht. Das in Kombination mit den geschichtlichen Hintergrundinformationen machen das Buch zwar nicht zu einem großartigen, aber dennoch zu einem lesenswerten, vor allem auch zum Abschalten geeigneten Buch.

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