10.11.2017

# Bücherregal # Wohnzimmer

Die Seiten der Welt (2014-2016)



Niemand schreibt so gute Jugend-Fantasy-Romane wie Kai Meyer.
Diesem Diktum hänge ich seit meiner eigenen Zeit als jugendliche Bücherverschlingerin und der "Fließenden Königin" an. Doch auch, wenn meine letzten Expeditionen in die von Meyer erschaffenen Welten durchaus solide und gut zu lesen waren, muss ich den obigen Ausspruch dennoch revidieren, nachdem ich die Trilogie rund um die Seiten der Welt und Furia Salamandra Farefax beendet habe.

Nicht, dass mich die Lektüre nicht blendend unterhalten hätte - darum geht es mir gar nicht. Die Handlung spielt in einer originellen Welt und die Figuren sind auch hauptsächlich glaubwürdig konzipiert. Aber dennoch hat mir das gewisse Etwas gefehlt - die Tiefe, die einer jeden Geschichte Würze verleiht.

Vielleicht sehe ich das in diesem Fall etwas strenger als normal - schließlich stehen Bücher und ihre Liebe zu diesen absolut im Fokus der Handlung und da erwarte ich einfach irgendeine transportierte Weisheit oder zumindest eine besonders poetische Sprache, einfach etwas, womit dem geschriebenen Wort gehuldigt wird. Etwas in dieser Art sucht man in der Trilogie leider vergeblich. Dennoch ist es eine spannende Geschichte, die sich meiner Meinung nach sogar von Band zu Band steigert - was ja auch schon wirklich viel wert ist.

Inhaltlich geht es um Furia Farefax, die gemeinsam mit ihrem Bruder Pip und ihrem Vater in einer abgeschiedenen Gegend Englands lebt. Dort leben die drei sehr zurückgezogen und in ihrer eigenen Welt. Diese Welt ist geprägt von der Bibliomantik, die überall im und ums Haus zu spüren ist. Vor allem aber sind Furia und ihr Vater selbst Bibliomanten und können aus Büchern magische Energie schöpfen und nach ihrem Gefallen verwenden. Zumindest in der Theorie, denn Furia selbst fehlt noch ihr Seelenbuch, mit dem sie ihre Fähigkeiten voll entfalten kann. Aber wie soll sie es auch finden, wenn sie die Familienresidenz eigentlich nur verlassen darf, um ihrem Vater bei seinen Sprüngen durch die Seiten der Welt zu begleiten. Dieser verfolgt eine Mission, nach deren Erfüllung er hofft, den ehemals guten Namen der Familie vor der bibliomantischen Gesellschaft wieder herstellen zu können.

Also eigentlich ein ganz spannendes Setting gefüllt mit wirklich tollen Charakteren - Furia selbst und ihr seelenbuchiger Sidekick stechen aus diesen zwar nicht heraus, sind aber angenehm zu verfolgen. Fan bin ich einfach von Isis Nimmerniss, weil sie nicht nur eine starke Persönlichkeit ist, sondern vor allem auch mehr als einmal scheitert und danach nicht einem rollentypischen Handlungsmuster folgt und alles andere als ein leuchtendes Vorbild ist.

Wie gesagt, ist das Setting sehr originell und wenn man am Ende ein wenig über alle Verkettungen nachdenkt, ist die Geschichte auch voller Metaebenen und irgendwie reißt sie auch anthropologische Grundfragen an. Daher kritisiere ich hier durchaus auf hohem Niveau, denn ich hatte beim Lesen wirklich viel Spaß und bin vor allem vom zweiten Band sehr überzeugt. Dennoch gefällt mir die Rolle, die den Büchern zugewiesen wird, einfach nicht so gut. Sie sind hauptsächlich mittel zum Zweck und werden als Sammlerstück, Transportmedium und Kraftquelle verwendet. Abgesehen von Furia und Pip redet kaum jemand über das, was der Inhalt von Büchern bedeutet, was die Geschichten abseits des fassbaren Gegenstandes Buch bewirken kann. Die Bibliomanten lieben Bücher, das müssen sie sogar, denn sonst verlieren sie ihre Kräfte. Wenn sie zum Beispiel ein Buch verbrennen oder es anderweitig zerstören, haben sie keine bibliomantischen Fähigkeiten mehr. Sie müssen den Gegenstand also würdigen, um stark zu sein. Aber nie wird thematisiert, dass sie vielleicht auch durch die gelesenen Geschichten stark sind, durch die Gedanken, die sie dadurch kennenlernen oder durch die Moralvorstellungen, die sie durch das viele Lesen entwickelt haben. 

Diese Fixierung auf die Sache Buch und die Abwendung vom Inhalt habe ich als riesiges Manko empfunden. Natürlich finden auch Inhalte verschiedener Bücher Eintritt - vor allem durch die Exlibri, die aus Büchern gestürzten Charaktere, die nun in der "realen" Welt leben. Aber ich kann mir nicht helfen; es geht meiner Interpretation nach mehr um die Quantität an Büchern als um die Qualität der Geschichten darin.
Nicht zu sehr in diesen Gedanken verbissen, konnte ich das Lesen der Geschichte aber dennoch genießen. Wie erst gegen Ende des dritten Bandes endlich alle Fäden zusammengeführt werden und herauskommt, dass dem Leser eine bestimmte Figur die ganze Zeit drei Schritte voraus ist, hat mir sehr gefallen. Und auch der Abschluss der Geschichte ist absolut angemessen und würdig. Definitiv eine gute Reihe und einen Blick wert.

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